»Ich bleibe doch immer derselbe …«

Er galt als einer der wichtigsten deutschen Avantgarde-Regisseure und arbeitete ganz selbstverständlich in den unterschiedlichen Disziplinen Film, Theater und Oper, drehte rund 40 Filme in 40 Jahren und war einer der wichtigen Vertreter des ›Neuen Deutschen Films‹. Am Montag starb Werner Schroeter im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer überwunden gedachten Krebserkrankung. Genau ein Jahr zuvor erschien in der Welt am Sonntag das untenstehende Interview (hier im Volltext anstelle eines Nachrufs), in dem Spex-Chefredakteur Max Dax mit Schroeter über das Lebensgefühl bei Nacht, die Erotik der Männer und seinen ersten Film nach dem Krebs sprach.

Zierlicher als es Pressefotos der letzten Monate suggerierten, sitzt der Regisseur Werner Schroeter alleine an seinem Stammplatz bei einem Charlottenburger Italiener. Vor ihm eine Karaffe mit Weißwein, und dann das: Der Kellner bringt das falsche Essen. Und das ihm! Schroeter, der gerade erst eine Krebserkrankung überwunden hat, ist außer sich. Und kaum einen Moment, nachdem der ganz in Schwarz gewandete, mit geschmackvollen Broschen, Ketten und Ringen behangene 64-Jährige sich wieder beruhigt hat, ist es wieder da: ein helles, freundliches Blitzen, das einen für einen Moment lang glauben lässt, man säße einem 20-Jährigen gegenüber. So verwundert es nicht, dass Schroeters neuer Film »Diese Nacht«, hochartifiziell und am Kitsch haarscharf vorbeischrammend, auf den Filmfestspielen von Venedig mit Respekt beklatscht wurde. Werner Schroeter verließ die Stadt lachend: ausgezeichnet mit einem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk.

Herr Schroeter, Sie haben mit Ihrem neuen Film »Diese Nacht« einen Film gedreht, der ausschließlich in der Dunkelheit der Nacht spielt.
    Werner Schroeter: Das ist richtig. Während der achtwöchigen Dreharbeiten in Porto wurde der Stab zu Nachtmenschen. Es gab nicht einen einzigen Drehtag, der bei Tageslicht stattfand. Wir schliefen des Tages und arbeiteten von abends um halb sieben bis morgens um halb sieben. Die Wahrnehmung schärft sich enorm, das Lebensgefühl ebenfalls. Ich kann ein Nachmachen nur empfehlen. Warum fragen Sie?

In den Nachtaufnahmen stößt die digitale Filmtechnik an ihre Grenzen. Sie haben ganz klassisch auf dem viel teureren Zelluloid gedreht. Praktische Notwendigkeit? Oder sind Sie ein unverbesserlicher Romantiker?
    Sie gehen also gleich aufs Ganze. Aber warum nicht. Es gab natürlich bei den Dreharbeiten einen Zug ins schwarzromantische hinein, die Arbeitsnächte in Porto hatten etwas Magisches. Diese Entscheidung für das Filmmaterial und für die Nacht hat viel mit mir, mit meiner Person zu tun. Ich bin als Autodidakt zum Regisseur geworden. Ich habe mir die Kamera angeeignet, ich habe gelernt, wie im Film Make-up zu verwenden ist, und ich habe mir das Lichtsetzen draufgeschafft. Film ist taktil, Arbeit mit Film betrifft immer auch das Tasten, das Stoffliche. Ob ich nun im Schneideraum Filmmaterial physisch zerschneide oder einer Schauspielerin Schminke auf die Wange setze – es ist immer ›Hand‹-werk, immer haptisch. Außerdem sind Sie in viel stärkerem Maße auf das Funktionieren Ihres Gedächtnisses angewiesen. Das traditionelle analoge System fordert Ihren Verstand viel mehr heraus, als es das digitale System tut.

Also spricht der Handwerker?
    Ich wehre mich nur gegen das Willkürliche! Ein digital geschossener Film erlaubt Ihnen am Schnittplatz, dass Sie sich nie entscheiden müssen. Sie können Schnittfassung um Schnittfassung cutten – und sich verlieren. Von der Tiefenschärfe des klassischen Filmmaterials ganz zu schweigen! Ein künstlerischer Spielfilm lebt aber von Formelementen wie der Tiefenschärfe oder einem nicht vorhandenen Rauschen bei Nachtbildern. Für Dokumentationen eignet sich das Digitale indes hervorragend: Hier kann schnell und ohne Rücksicht auf die Kosten produziert werden. Das tut dem Dokumentarfilm gut.

Sie erwähnten die Wichtigkeit des eigenen Gedächtnisses.
    Bin ich gezwungen, es zu pflegen, werde ich belohnt mit einem Elefantengedächtnis. Die digitale Evolution macht uns zu Durchlauferhitzern. Wir nehmen viel auf, aber nichts bleibt hängen. Nennen Sie mich einen Romantiker, wenn ich mich dagegen wehre.

Wie erzwingen Sie die dafür benötigte Genauigkeit am Set?
    Also, erzwingen tue ich gar nichts.

Aber ein Regisseur muss doch in gewisser Hinsicht ein Diktator sein!
    Bewusstsein muss vorhanden sein – bei allen Beteiligten. Ich arbeite ohne digitale Tricks, und das wissen alle. Wenn ich also in meinem Film »Malina« mit Isabelle Huppert nach dem gleichnamigen Roman von Ingeborg Bachmann eine Szene in einer brennenden Wohnung drehe, dann habe ich diese Wohnung vorher auch in Brand gesetzt. Alle Beteiligten wissen dann, dass sie keine Fehler machen dürfen. Und sie machen auch keine Fehler. Aber das liegt nicht daran, dass ich sie einpeitsche. Das wissen die von alleine.

Sie setzen stets alles auf eine Karte?
    Das Ziel ist der Weg. Die Dreharbeiten sind für mich genauso wichtig wie der fertige Film. Die große Mehrzahl meiner Kollegen arbeitet anders: Sie arbeiten ehrgeizig auf ein Ergebnis hin, ringen sich die Arbeit ab, benehmen sich unangenehm gegenüber den Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten – und sind hinterher stolz auf ein Produkt, das am Markt funktioniert. Für mich hingegen ist jeder einzelne Schritt eines Prozesses entscheidend.

Ihre Ansichten klingen fast buddhistisch – dabei predigen Sie in »Diese Nacht« existenzialistische Werte. Es geht um die Freiheit des Menschen – in aller Konsequenz. Ein Widerspruch?
    Ich bin Fatalist. Ich bin Stoiker, ich bin Christ, und ich bin Existenzialist. Und ich akzeptiere den Weg und nicht das Ziel als Ziel. Ich betrachte das Leben und den Menschen als komplexes Bild. Das widerspricht sich überhaupt nicht.

Sie sind auch Theater-, Film- und Opernregisseur. »Diese Nacht« wirkt wie auf die Leinwand projizierte Oper: Alles ist hochartifiziell, in jeder Geste liegt Bedeutung, aus jedem Kameraschwenk trieft Sehnsucht.
    Für mich müssen Theater und Film extrem sinnlich sein. Für mich geht es darum, in der Kunst neue, eigene Wirklichkeiten zu schaffen. Die Realität, wie wir sie um uns herum erleben, kann und darf kein Maßstab sein und gehört daher auch nicht abgebildet. Belehrende Kargheit interessiert mich ebenfalls nicht. Ich habe darüber hinaus als Autodidakt nie die Palette der Ausdrucksmöglichkeiten zur Auswahl gehabt, ich konnte immer nur versuchen umzusetzen, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte. Ich bin ein junges Glied in der jahrhundertealten Kette derjenigen, die aus einem kulturellen Gedächtnis schöpfen, wenn sie intuitiv vorgehen. Ich hatte gar keine andere Wahl, als mich immer und einzig und alleine auf meine Intuition zu verlassen. Wie heißt es so schön: »Unter dem Gesetz, unter dem ich angetreten bin, musste ich bleiben und stehen.«

Galt das auch für die Arbeit auf den Opernbühnen?
    Die Ballettbühnen und das Sprechtheater nicht zu vergessen! Hier habe ich der Bühne immer die verloren gegangene Sinnlichkeit zurückgeben wollen. Das trifft auf die Oper insofern nicht zu, weil diese Kunstform bereits so angelegt ist, dass sie sinnlich wirkt. Die ganze Musik! Der singende Körper, Transzendenz.

»Diese Nacht« basiert auf dem Roman »Para esta noche« des uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti. Eine Stadt im Belagerungszustand, zustand, eine Nacht, um zu fliehen, das alte Leben abzuschließen.
    Mir kam sofort die Stadt Porto in den Sinn – als ideale Kulisse für eine Verfilmung, die in einer imaginären südamerikanischen Stadt spielt.

Wie setzten Sie sich mit Onetti und seinem Sujet auseinander?
    Als Spiegel meiner selbst. Ich spiegele mich in Onetti. In dem Sinne, wie auch Christoph Schlingensief in den Inhalten seiner Theaterstücke und Filme immer auch sich selbst gespiegelt hat, was ein persönliches Element einbringt.

Wieso nennen Sie Christoph Schlingensief als Beispiel?
    Wir beide haben eine schlimme Krankheit durchgehen müssen. Meine ist angeblich zum Stoppen gekommen. Schlingensief hat die Krankheit in seinen Projekten seit seiner Erkrankung sehr offensiv thematisiert. Was mich anbelangt, habe ich meine Krankheit in den letzten zweieinhalb Jahren als Therapie betrachtet. Sie als Chance zu betrachten verlangt einen Löwenmut. »Diese Nacht« ist mein erster Film seit der Erkrankung.

Ist »Diese Nacht« von Ihrer damaligen Krebserkrankung imprägniert?
    Sie hat zu einer größeren Luzidität geführt, einer größeren Durchlässigkeit. Zu einer grundsätzlicheren Akzeptanz des Lebens in jedweder Form. Diesen veränderten Blick betrachte ich als Reichtum von »Diese Nacht«. Da sehe ich eine Erweiterung meines Horizonts, die ich begrüsse, weil sie mir beweist, dass ich mich fortbewegen kann. Aber ich bleibe doch immer derselbe. Ich bin schließlich keine multiple Persönlichkeit.

Und wenn Sie die komplette Auswahl an filmischen Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung hätten?
    Die hätte ich ja nur, wenn ich in der Hochschule gelernt hätte. Dann wäre ich aber Akademiker und nicht Künstler. Ich glaube noch an eine innere Notwendigkeit, die einem befiehlt sich auszudrücken. Das macht den Künstler aus: die unbedingte Notwendigkeit. Alle anderen sind nur Dienstleister. Ich suche mich selber im Fremden. Künstlerisch wie menschlich. Nun bin ich ja nicht nur schwul, sondern einige meiner schönsten Beziehungen im Leben hatte ich mit Frauen. Erst auf die Dauer wurde der Mann in der Erotik wichtiger.

Warum erzählen Sie das?
    Weil es diesen Vorwurf gibt, der Schwule suche sich selber narzisstisch im Spiegel. Ich habe das Schöne jedoch immer im Anderen gesucht. Der Andere, das Andere, die Andere. Ich erwähne das, weil ich etwas loswerden möchte: Als mein Film in Venedig lief und dort auch gleich den Goldenen Löwen bekam, haben meine Schauspieler ihn dort auf der Premiere zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Sie haben mich umarmt, weil sie sich von mir gut geführt fühlten. Und ich bin zu dieser Führung imstande gewesen, weil die Schauspieler »die Anderen« gewesen sind.

Aber in Venedig bekamen Sie den Goldenen Löwen doch für Ihr Lebenswerk.
    Ich flog zurück mit dem guten Gefühl, nicht umsonst nach Venedig gereist zu sein.

 

Foto: CC spaceodissey / Flickr

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