»Ich bereise gern Orte, an denen ich mich unwohl fühle«: Ein Interview mit Jessica Pratt

Reisen kann grausam sein. Dabei können aimless journeys oder misadventure zu Erkenntnissen führen, die im All-Inclusive-Urlaub niemals enthalten sind. Der Hobo, der entwurzelte Herumstreifer, hat als literarisches Motiv die Gedankenwelt vieler Künstler inspiriert – von Arthur Rimbaud bis Bob Dylan. Beide gibt wiederum die kalifornische Folk-Sängerin Jessica Pratt als wichtige Quellen ihrer Musik an. Und vielleicht sind sie auch der Grund, warum die 28-Jährige immer wieder unbekanntes Terrain betritt, vorsätzlich scheitert – um voranzukommen.

Jessica Pratt, verreisen Sie?
Ich reise kaum, ich toure ja schon. Verreisen ist für mich also mit Arbeit verbunden. Allerdings war mein erster großer Trip ein sehr prägendes Erlebnis für mich: meine Mutter fuhr mit mir in Kalifornien los, wir durchquerten die USA und kamen an der Ostküste an. Damals war ich neun.

Der französische Lyriker Arthur Rimbaud (1854-1891), den Sie als Inspirationsquelle angeben, ist in einem ähnlichen Alter von zu Hause weggelaufen.
Ich hatte eine erfüllte, kalifornische Kindheit. Es gab also nichts, wovor ich hätte weglaufen können. Ich glaube, Rimbaud lief sein ganzes Leben lang weg und meistens aus einer Not heraus, zum Beispiel weil Krieg ausbrach. Heute haben manche Leute eine große Sehnsucht nach so extremen Ereignissen, die sie zwingen würden wegzulaufen — eine absurde Romantisierung von Flucht, schrecklich. Spätestens, seit ich Just Kids von Patti Smith gelesen habe, ist mir bewusst, dass das Motiv des verhungernden Künstlers aufgehört hat zu existieren und nur noch künstlich nachgestellt wird. Wir müssen uns also andere Gründe als Tod und Verderben suchen, um unserer Kunst Ausdruck zu verleihen.

Welche finden Sie?
Eine vergleichbare Not wie die, in der Patti damals steckte, wird es für mich hoffentlich erstmal nicht geben. Ich habe schließlich Essen und meistens ein Dach über dem Kopf. In meiner Musik verarbeite ich also sehr persönliche Sorgen. Eine physische Bedrohung wie einen Bürgerkrieg brauche ich nicht.

Fällt es Ihnen eigentlich leicht auf Reisen produktiv zu sein?
Ich habe Freunde, die auf Tour fließend Songs schreiben, genau wie sie fließend eine Sprache sprechen. Das gelingt mir nicht. Der Raum zwischen zwei Shows genügt mir einfach nicht, um die Momente mentaler Klarheit zu erzeugen, die für mein Songwriting notwendig sind. Produktivität auf Reisen ist für mich eine sehr surreale Vorstellung, auf Tour sammle ich lieber Ideen.

Wo lassen sich auf Tour die besten Ideen einfangen?
Ganz klar, beim Blick aus dem Autofenster. Dann schweifen die Gedanken besonders frei, neue Eindrücke fliegen einem ganz zwanglos und spontan zu und fördern neue Ansichten zutage. Diesen Effekt können auf Tour auch Begegnungen mit unbekannten Menschen haben oder der ständige Wechsel des Schlafplatzes. Das bringt mich geistig an Orte, die ich wahrscheinlich nie freiwillig bereist hätte.

Ihre Aufmerksamkeit führt Sie an unangenehme Orte?
Irgendwie schon. Einerseits fasziniert mich die menschliche Fähigkeit, in gewisser Weise zu bestimmen, was oder wem man Aufmerksamkeit schenkt. Mir fällt es aber leichter durch dieses mehr oder weniger unkontrollierte Streamen der Landschaften auf neue Worte und Melodien zu kommen. Dann fährt mein Gehirn einen ganz anderen Rhythmus. Ganz simpel gesagt können neue Landschaften zu neuen Melodien werden, wenn auch erst viel später. Denn Tourneen verändern mich, auch wenn sie mich nicht überrumpeln. Da findet eine unterschwellige Transformation in meiner Psyche statt, deren Spuren erst später sichtbar werden. Meistens dauert es ein Jahr, bis ich herausfinde, welcher Song von welchem Erlebnis angestoßen wurde.

Sie sind 2013 von San Francisco nach Los Angeles gezogen. Wann hat das Leben dort aufgehört sich wie Urlaub anzufühlen?
Nicht zu früh, zum Glück. Dafür hat es genauso lange gedauert, sich wie zu Hause zu fühlen. Weil ich vor dem Umzug noch nie in Los Angeles war, kam es mir wirklich wie eine Reise vor. Ich lieferte mich dem Ort und seinen Regeln völlig aus — das war riskant, aber ich hatte ein sehr turbulentes Jahr hinter mir und traf, um da herauszukommen, eine instinktive Entscheidung. Eine Art selbstgewähltes Exil. Dann begann eine sehr kontrollierte Zeit, ich hatte genug gespart, um konzentriert mein zweites Album aufzunehmen.

Ein unbekannter Ort, fremde Menschen und keine Geldsorgen, das klingt sogar ein bisschen nach Pauschalreise.
Mit dem Unterschied, dass ich dort bleiben musste. Im Urlaub bedeutet Alleinsein nicht gleich Einsamkeit, weil man wieder nach Hause fährt. Aber diese eigenartige Stille, die nur Einsamkeit erzeugt, an Orten wo dich niemand kennt, kann ganz schön niederschmetternd sein. Auch den Punkt, den jeder Reisende kennt, an dem nämlich das Heimweh einsetzt, erreichte ich ziemlich bald.

Bekommen Sie beim Touren auch Heimweh?
Ich erinnere mich, wie ich alleine durch Neuseeland und Australien tourte. Ich war plötzlich in der südlichen Hemisphäre auf einer ziellosen Reise, völlig einsam — and it fucked my brain up. Ich sah mir den ganzen Tag lustige amerikanische Serien an, die Sitcom Taxi, und ehrlich gesagt war es auch nicht schlecht, alleine in einem Hotelzimmer zu sein und Gitarre zu spielen. Ich fühlte mich wie in dem Song »Motel Blues« von Loudon Wainwright, der von einem einsamen Reisenden handelt.

Wie kann eine Tournee ziellos sein, der nächste Ort steht doch meistens fest?
Daran ist die australische Geografie schuld, die Städte dort unten liegen verdammt weit auseinander. Ich reiste 14 Tage lang, spielte aber nur vier Shows. Das ließ mir viel Leerlaufzeit und das ständige Gefühl der Ziellosigkeit breitete sich über den Zeitraum von einer Woche aus. Ein Gefühl, das ich vorher noch nicht kannte. Aber von außen betrachtet gefällt mir die Vorstellung, durch ein Land zu reisen, in dem ich mich unwohl fühle. Aus solch dunklen Perioden kann man einiges schöpfen.

Wie in Los Angeles?
Genau. Dort zog ich auch sehr lange traurig und depressiv umher. Doch das gab mir diesen Tunnelblick, mit dem ich die Aufnahmen meines Albums anging. Heute habe ich diese Zeit der Einsamkeit überwunden, sie hat auch keine Verletzungen hinterlassen. Ich habe einfach nicht viel in meinem Leben gelitten, das muss ich durch grausame Reisen immer wieder ad hoc kompensieren. Ich schreibe Songs über mein persönliches Leid, aber ich weiß dabei auch, wie viele Menschen noch deutlich größeres Leid erlebt haben. Nein, ich brauche keinen Krieg.

SPEX präsentiert Jessica Pratt live
31.03. Berlin – Grüner Salon
01.04. Heidelberg – Karlstorbahnhof

Ein ausführliches Review zum aktuellen Album On Your Own Love Again ist online erschienen sowie in der Prinrausgabe SPEX N °358, die versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden kann.

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