Iceage „Beyondless“ / Review

Weniger puristisch, aber: Gelegentlich blitzt das Flair von stickigen Proberäumen auf, obwohl Iceage den Verheißungen von Lo-Fi und Hardcore doch längst abgeschworen hatte.

„The day the music dies“ – was Don McLean vor knapp 50 Jahren noch mit Angst erfüllte, wünscht sich Elias Bender Rønnenfelt auf dem neuen Album seiner Band Iceage beinahe sehnsüchtig herbei. Meine Herren, noch misanthropischer geht’s nun wirklich nicht! Doch natürlich ist das nur Show: Schließlich haben die Kopenhagener immer noch Bock auf Rockmusik. Nur zur Erinnerung: Das ist jenes Genre, das momentan als dem Untergang geweiht gilt. Iceage lässt das kalt – auch wenn sie mit jedem neuen Album weniger puristisch klingen. Beyondless knüpft zwar stilistisch an seinen Vorgänger Plowing Into The Field Of Love an, lässt neben Saxofon und Trompete aber auch Streicher zu. Für die Verhältnisse von Iceage ist das schon fast pompös: So kommt es, dass die ersten Takte von „Pain Killer“ auch in Liam Gallaghers Regenjacke passen würden.

Noch misanthropischer geht’s nun wirklich nicht!

Beyondless setzt hier überraschende britische Akzente, es klingt energisch. Wollten die sonst so desinteressiert tuenden Iceage etwa Sky Ferreira beeindrucken, die im Refrain des besagten „Pain Killer“ mitsingt? Rønnenfelt entpuppt sich jedenfalls als wahrhafter Bataille-Kenner und Fan von Obszönität. Schenkel und Speichel preist er als bittersüße Drogen – selbst wenn der Typ geil ist, entfacht er also eine apokalyptische Stimmung. Oder ist das einfach die Iceage-Version eines Liebeslieds?

Auf den Exzess folgt jedenfalls die Entspannung. Gelegentlich blitzt das Flair von stickigen Proberäumen auf, obwohl die Band den Verheißungen von Lo-Fi und Hardcore doch längst abgeschworen hatte. Jazzige Einsprengsel sollten an ihre Stelle treten, und tatsächlich bewegen sich Iceage mit der unperversen Ballade „Take It All“ zaghaft in diese Richtung. Rønnenfelt am Ende doch als heimlicher Romantiker? Vielleicht kriegt man im Jahr 2018 gar keine Prügel mehr, wenn man ihn nach dem Einfluss von Joy Division auf seine Arbeit fragt.

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