I Heard that Rhythm

Odetta, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der US-Musikgeschichte, inspirierte Bob Dylan, sich der Folk-Musik zuzuwenden. Am 2. Dezember erlag sie ihrem langjährigen Herzleiden. Ein Nachruf auf eine der stärksten Stimmen der Bürgerrechtsbewegung.
 

Odetta

Odetta, die große Stimme der amerikanischen Folk-Musik, trat auch noch im hohen Alter von 77 Jahren auf – wie Ende Oktober im Hugh’s Room in Toronto.

(Foto: CC Andreas Duess / Flickr)

Das Jahr 1930 war von der großen Depression gezeichnet, erst recht in einer Industriestadt, wie Birmingham, Alabama. Es endete am 31. Dezember mit der Geburt von Odetta Holmes. Eine jüngere Schwester kam wenig später, der Vater starb früh. Die Mutter zog mit ihren beiden Töchtern 1937 nach Los Angeles, drei Jahre später sollte dort einem Lehrer das Gesangstalent der kleinen Odetta auffallen. »She has a voice« soll er ihrer Mutter gesagt haben, für die Zukunft empfahl er ein Gesangsstudium. Zunächst folgte die Selbstausbildung: der Teenager hörte Blues, Jazz und Folk. Die Mutter sparte Geld für die Gesangsstunden, die Odetta mit 13 zum ersten Mal wahrnahm. Auf das klassische Musikstudium am City College folgte ein Musical-Engagement, doch das alles war für sie nicht mehr »als eine nette Übung. Es hatte nichts mit meinem Leben zu tun«, erzählte sie 2007 der New York Times.
 
    Zu Odettas Leben zählten eher Blues- und Gospel-Wurzeln, Leadbelly und Mahalia Jackson gelten als ihre Vorbilder. In den frühen Fünfzigern begann Odetta in Clubs in San Francisco aufzutreten, als Teil der wachsenden Folk-Musik-Szene. 1953 debütierte sie im legendären Blue Angel Folk Club in New York City, Pete Seeger und Harry Belafonte protegierten sie. 2005 erinnerte sich in einem Radio-Interview an diese frühen Jahre: »Die Schule brachte mir bei, wie man zählt und Sätze auf dir Reihe bekommt. Aber was das menschliche Wesen ausmacht, habe ich durch die Folk-Musik gelernt.«

    1954 erschien ihre erste LP. Ihr Repertoire aus Gospels, Liberation- und Folksongs, vorgetragen mit entschlossener Stimme, die es auf einen Umfang vom Koloratursopran bis zum Bariton bringen konnte, traf auf berufene Ohren. Rosa Parks, die 1955 mit ihrer Weigerung, sich in die für Schwarze ausgewiesenen hinteren Sitze eines Busses zu setzen, einen entscheidenden Anstoß für die Bürgerrechtsbewegung gab, wurde einmal gefragt, welche Songs sie beeinflusst hätten. Ihre Antwort: »Alles, was Odetta singt.« Beim Marsch auf Washington 1963 predigte Martin Luther »I have a dream«, Odetta sang »O Freedom.«

    »Die erste Sache, die mich anturnte, Folk zu singen, war Odetta« ist eine häufig zitierte Feststellung von Bob Dylan. Es war im Sommer 1959, der Teilzeit-Rock’n’Roll-Pianist Dylan war an der Universität von Minneapolis eingeschrieben, bewegte sich dort in der Künstlerszene, spielte, hörte Musik und fand eines Tages eine LP von Odetta im Plattenladen. Er ging in die Vorspielkammer und hörte zum Beispiel »Another Man Done Gone« (mit dem auch die Compilation »Songs From the Invisible Republic – Music That Influenced Bob Dylan« beginnt). Ein weiterer Song war »Water Boy«, dessen historische Performance von Odetta auch in »No Direction Home« zu sehen ist, und sich auf den ersten Blick unauslöschlich ins Gedächtnis prägt.

In unserer Videoübersicht findet sich ein Ausschnitt aus dem erwähnten Odetta-Stück »Water Boy«, sowie die Titel »Hit Or Miss«, das Leadbelly-Cover »Cotton Fields« sowie ihr Duett mit Harry Belafonte »There’s a Hole in the Bucket«.

VIDEO: Odetta auf Youtube

    Das Bild ist schwarzweiß. Recht weit entfernt, vor dunklem Hintergrund, in einem Fernsehstudio wahrscheinlich, steht Odetta. Sie streicht sparsam über die Gitarrensaiten, singt mit unfassbar präsenter Stimme: »There ain’t no sweat boy …« Langsam fährt die Kamera auf sie zu. »That’ on a this mountain …« Nach jeder Zeile, eine Sekunde Stille, bevor sie »Boarh!« kurz in die Saiten haut und einen Laut ausstößt, der wie der Schlag eines Hammers und dessen Echo zugleich klingt. »I heard that rhythm …« erinnert sich Dylan aus dem Off. »That run like mine boy …« erhebt sie ihre Stimme. Dylan: »She played that upstroke downstroke rhyhthm, were you don’t need the drum, it’s kind a like a texmex rhythm«. »Boarh!« Die Kamera ist groß auf ihrem Gesicht, Odetta scheint ihre Augen die ganze Zeit geschlossen zu haben. Die Kamera fährt wieder zurück. »That run like mine.« In die Abblende sagt Dylan, abgeklärt retrospektiv, aber immer noch spürbar erschauernd: »I thought, well I could use that for all kinds of things.«

    Offenbar bekam Dylan durch Odetta eine neue Ahnung von der urwüchsigen, brutalen Kraft einer Folk-Performance, während Woody Guthrie, dessen Songs auch Odetta immer wieder sang, eher zum Vorbild in poetischer und lebensphilosophischer Hinsicht wurde. In Odettas »Water Boy« kann man sowohl Dylans Zukunft als Galionsfigur der Folk-Musik hören, als auch seinen späteren Übergang zur elektrifizierten Rock-Musik erahnen. Odettas Auftritt hatte dafür keinen Strom nötig.

    Fast auf den Tag genau ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen des Cover-Albums »Odetta Sings Dylan« hätte sie bei der Vereidigung von Barack Obama auftreten sollen. Man sagt, sie hätte versucht, sich bis zu diesem historischen Augenblick noch einmal gegen ihre lange schwere Herzkrankheit zu stemmen. Diesen Kampf hat sie verloren. Odetta Holmes, weltbekannt unter ihrem Vornamen, ist 29 Tage vor ihrem 78. Geburtstag gestorben.

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