Sind wir am Anfang oder am Ende, Kode9?

Kode9 by Maximilian Montgomery

Das experimentierfreudige Label Hyperdub wird zehn und feiert mit gleich vier Compilations und einer Tour seinen Geburtstag. Wir haben mit Gründer Steve Goodman alias Kode9 vor dem morgigen Stopp in Berlin gesprochen.

Im Jahr 2000 als Online-Magazin gestartet, verwandelt sich Hyperdub 2004 in ein Plattenlabel. Heute, zehn Jahre später, zählt der Bassmusik-Imprint zu den prägendsten seiner Art. Hauptverantwortlich dafür ist Labelboss Steve Goodman aka Kode9, der nie davor zurückschreckte auch Dancefloor-abwegige Musik zu veröffentlichen. So hat er beispielsweise neben Burials 2-Step-Hommagen und DJ Rashads Footwork auch Cooly Gs Future Dub oder dem Progstep der späten Hype Willams beziehungsweise Dean Blunt & Inga Copeland ein Zuhause geboten. 

Zum zehnjährigen Jubiläum veröffentlicht Goodman nun vier Compilations – jede einem musikalischen Interessenfeld gewidmet – und schickt sein Roster auf Tour. Zudem beantwortete der britische Labelbetreiber, Produzent, DJ und Akademiker neulich via Skype-Verbindung einige Frage betreffend Hyperdub und Jubiläum, während sich im Hintergrund seine Katze übergab.

Steve Goodman, Sie haben vor einer Weile gesagt, es gäbe in Ihren Augen einen gemeinsamen Nenner aller Hyperdub-Releases, Sie wüssten aber noch nicht, worum genau es sich dabei handle. Haben Sie in der Zwischenzeit herausgefunden, was die verschiedenen Veröffentlichungen verbindet?
Auch um diese Frage zu beantworten, stellten wir die vier Jubiläums-Compilations zusammen. Ich habe in der Zwischenzeit nämlich festgestellt, dass es sich um vier verschiedene Sounds handelt. Auf der ersten Compilation ist Bassmusik zu hören: Dubstep, Grime, Footwork, UK Funky, und so weiter. Die Stücke der zweiten Compilation, die im Juli veröffentlicht wird, sind jeweils Song-basiert. Oft sind dabei Sängerinnen zu hören. Es ist eine eigenartige Popmusik gespickt mit R’n’B – also alles von Dean Blunt & Inga Copeland bis Jessy Lanza, Cooly G etc. Zum dritten und vierten Teil kann ich zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nichts verraten. Aber Sie werden sehen: Jede Compilation hat ihr eigenes Thema.

Stichwort Sängerinnen: Vergleicht man die Quote weiblicher Acts auf Ihrem Label mit jener in der elektronischen Musik allgemein, so stellt man eine maßgebliche Differenz fest – zu ihren Gunsten.
Das war nicht wirklich geplant. Musik ist in meinen Augen auch nicht der Ort für etwaige Quoten. Schlussendlich veröffentliche ich einfach Musik, die ich mag. Dabei kommt es für mich nicht drauf an, wer diese produziert. Gleichzeitig bin ich mir aber sehr bewusst, wie wenig Künstlerinnen es in der elektronischen Musik gibt. Darum freue ich mich, dass wir überdurchschnittlich viele Produzentinnen im Roster haben. Eine positive Diskriminierungspolitik übe ich aber nicht aus.

Sie waren in den Neunzigern Teil der Cybernetic Culture Research Unit (CCRU) an der University of Warwick. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat Sie die CCRU insofern beeinflusst, als dass Sie gelernt haben, wie man Musik mit Theorien verknüpft. Ist das korrekt?
So in etwa. Das erste Mal in Kontakt mit der CCRU kam ich durch eine Rede von Kodwo Eshun. Das war etwa 1995. In der Rede bezog sich Kodwo auf verschiedene Theorien. Und dabei sprach er genau über die Musik, die mich damals interessiert: Jungle. Das war eine Offenbarung für mich. Aus der CCRU heraus entstand dann auch Hyperdub, zunächst als ein Musikmagazin. Kodwo Eshun hat für uns geschrieben, genauso wie Mark Fisher oder Simon Reynolds. Erst später wurde aus dem Magazin ein Plattenlabel.

Was genau hat Sie an den genannten Autoren interessiert?
Mich haben schon immer Musikjournalistinnen und -journalisten interessiert, die nicht an dem Punkt aufhörten zu schreiben, wo man keine Worte mehr für die zu beschreibende Musik finden würde. Jene Autoren sagten nicht: »Die Musik löst etwas Unbeschreibliches aus«, sondern sie erfanden die fehlenden Ausdrücke schlichtweg. Zudem beschrieben sie die Musik nicht nur, sie kreierten obendrein einen neuen Kontext dafür. Darum waren sie für mich ähnlich spannend, wie die Musiker, die ich damals verfolgte. 

Sie erwähnten vorhin Dean Blunt & Inga Copeland. Von außen betrachtet hatten Sie mit den beiden während einer sehr spannenden Zeit zu tun: Auf Hyperdub veröffentlichten Blunt und Copeland ihr letztes gemeinsames Album – schon nicht mehr als Hype Williams, sondern eben als Dean Blunt & Inga Copeland. Können Sie dazu etwas sagen?
Ich denke, es ist nicht einfach, wenn ein Paar gemeinsam künstlerisch tätig ist. Nun sind die beiden aber nicht mehr zusammen. Und sie machen auch nicht mehr zusammen Musik. Ihre wohl letzte Kollaboration wird auf der zweiten Hyperdub-Compilation erscheinen. (Weiter nach dem Bild)

Hyperdub 10.2

Wie ist die kleine 7"- beziehungsweise 10“-Schlammschlacht im Vorfeld der Veröffentlichung von Copelands Debüt-Soloalbum zu verstehen?
Die beiden haben einfach einen enormen Output. Dean beispielsweise wird in nächster Zeit verschiedene Sachen auf Hyperdub veröffentlichen. Dann erscheint weiter ein Album von ihm auf Rough Trade… Inga und Dean sind beide Freigeister. Wie das Burial auch auf seine Art ist. Sie machen, wonach ihnen zumute ist. Und dafür liebe ich sie. Sie gehören zu jener Art Künstler, mit der ich gerne zusammenarbeite.

Blunt und Copeland haben zu Beginn ihrer Karriere mitunter auf Hippos In Tanks Musik veröffentlicht. Auch andere Acts, die mittlerweile bei Hyperdub zuhause sind, waren früher bei Hippos – etwa Laurel Halo oder Fatima Al Qadiri. Inwiefern hat Sie dieses Label geprägt?
Mich interessierten vor allem diese Acts. Ich mag deren älteren Veröffentlichungen wirklich sehr – auch Sachen die nicht bei Hippos erschienen. Als Label haben wir mittlerweile eine Größe, bei der wir nicht ausschließlich für Newcomer interessant sind. Wir nehmen zwar nach wie vor Künstlerinnen und Künstler unter Vertrag, die noch nichts veröffentlicht haben, aber zunehmend wechseln auch Leute zu uns, die bereits erste Veröffentlichungen bei anderen Labels hatten. Da wir noch nicht so groß sind wie etablierte Independent-Labels à la Warp, Ninja Tunes, Domino oder 4AD, aber doch schon größer als viele, die etwa zeitgleich mit uns starteten, sind wir interessant für solche Acts. So kommen immer wieder Künstlerinnen und Künstler auf uns zu – Laurel beispielsweise oder auch Fatima. Solche Signings ziehen dann wiederum ähnliche Acts an.

Al Qadiris Album Asiatisch scheint das, was in den vergangenen Jahren unter dem Stichwort Sino-Grime verhandelt wurde, ziemlich gut auf den Punkt zu bringen. Ist das Album in Ihren Augen das finale Statement dieser Rezeptionsbewegung oder der Anfang von etwas viel Größerem?
Ich glaube, das Album ist der Beginn einer Konversation, die während den kommenden hundert Jahren vertieft geführt wird. Fatimas Album stellt eine Menge Fragen, worüber viele von uns wenn, dann nur unterbewusst nachgedacht haben. In den Achtzigern setzte sich mit dem Yellow Magic Orchestra eine japanische Band mit europäischer elektronischer Musik auseinander. Fatima setzt diese Auseinandersetzung nun fort – einfach in einem chinesischen Kontext.

Denken Sie, dass zunehmend auch chinesische Künstlerinnen und Künstler einen Part in dieser Konversation übernehmen werden?
Das ist eine interessante Frage. In den meisten Fällen enttäuscht mich die Musik junger chinesischer Produzentinnen und Produzenten, weil diese oft versuchen westlich zu klingen. Ich stelle mir immer wieder die Frage, wie chinesische elektronische Musik klingen würde – nicht globale oder britische oder amerikanische elektronische Musik produziert von chinesischen Künstlerinnen und Künstlern, sondern in China heimische elektronische Musik; also ein neuer Stil. Vielleicht erhalten wir in den nächsten Jahren eine Antwort auf diese Frage.

Versuchen Sie zu diesem Zweck das Hyperdub-Roster in Richtung China auszubauen?
Nicht ausgeprägter denn in andere Richtungen. Meine Ohren sind offen für Musik von überall.

Was passiert nachdem Sie die vier Compilations veröffentlicht haben – business as usual?
Es hat nie wirklich einen strikten Plan für Hyperdub gegeben. Hoffentlich werde ich im nächsten Jahr ein neues Kode9-Album veröffentlichen können. Ebenfalls ist eine Platte von Dean Blunt sowie ein Album von Scratcha DVA geplant. Weiter werden wir Musik vom neulich verstorbenen DJ Rashad veröffentlichen. Die Idee ist, dass der Profit daraus Rashads Sohn zugute kommt. Gleichzeitig wollen wir damit ihm und seinem Schaffen Tribut zollen.

Hyperdub 10.1, die erste der vier Compilations, ist mit zwei CDs samt Stücken von u. a. Burial, Kode 9, DJ Spinn, DJ Rashad, Ikonika und DVA bereits erschienen. Hyperdub 10.2 kommt am 21. Juli mit neuen Stücken von u. a. Cooly G, Morgan Zarate feat. Eska & Ghostface Killah, Jessy Lanza, DVA feat Zaki Ibrahim, Dean Blunt & Inga Copeland heraus. Am morgigen Freitag gibt es eine 10 Years of Hyperdub Party mit Cooly G, Kode9, Scratcha DVA, DJ Spinn & Taso, Laurel Halo und Kuedo im Berghain, Berlin.

Der Autor ist Mitgründer des jungen Schweizer DIY-Musik- und Gegenwarts-Magazin ZWEIKOMMASIEBEN, das gerade seine neue Ausgabe veröffentlicht hat.