Bekiffter Zitate-Pop

hype-williams-rescue-dawn-videoVideostandbild: Hype Williams – Rescue Dawn

    Es ist eine seltsame Welt aus Celebrity-Besessenheit, Doppeldeutigkeit und linguistischen Späßen, die sich die in Berlin ansässigen Exil-Briten Inga Copeland und Roy Blunt für ihr gemeinsames Musikprojekt HYPE WILLIAMS zusammengezimmert haben. Das Spiel mit den Meta-Ebenen fängt schon bei den Pseudonymen der beiden Bandmitglieder an: So heißt Copeland – wie auch ihr Partner – in Wirklichkeit anders. (Ihr ehemaliges Label gibt als Copelands bürgerlichen Namen Karen Glass an, doch auch das könnte eine Erfindung sein.) Sehr wahrscheinlich ist, dass sie den Namen als Hommage an Douglas Coupland, die literarische  Vaterfigur der Internetgeneration, gewählt hat. Denn mit ihm teilen Hype Williams die Lust an der Collage, sowie eine Obsession für Markennamen und subkulturellen Slang, die ihre Stücke zu kleinen Meisterwerken der Intertextualität werden lassen.

    Nehmen wir zum Beispiel die neue Maxi-Single des Duos, deren Titel Kelly Price W8 Gain Vol. II aus dem Leetspeak übersetzt »Kelly Price Weight Gain« lautet und auf die, in US-Klatschportalen ausführlich behandelten Gewichtsschwankungen der R&B-Sängerin Kelly Price anspielt. Die auf der Platte enthaltene Musik ist eine einzige große Collage aus Samples, LoFi-Noise und verwaschenen Gesangsspuren. Am stärksten verdichtet klingt dieses Konstrukt beim vierten Stück Badmind, das mit seiner fernöstlich angehauchten Glockenspiel-Melodie, dem tiefen Bass und den sparsam gesetzten Beats stark an den Grime-Sound des jungen Dizzee Rascal erinnert. Darüber haben Copeland und Blunt statt zorniger Raps die Aufnahme eines Sprechers gelegt, der ein Gedicht rezitiert, welches wiederum Zitate eines weiteren Gedichts von Ezra Pound enthält.

    Auch der Bandname ist eine doppelbödige Referenz: Der originale Hype Williams ist ein legendärer amerikanischer Video-Regisseur, der durch die futuristische Hochglanz-Optik seiner Clips berühmt wurde und mit What's It Gonna Be?! von Busta Rhymes und Janet Jackson 1999 eines der teuersten Musikvideos aller Zeiten drehte. Im krassen Gegensatz dazu kultiviert das Duo Hype Williams eine radikale Billig-Ästhetik – sowohl in ihrer Musik als auch in ihren selbstgedrehten Videos.

    Die Anhäufung super-nerdiger Verweise würde Hype Williams wie ein steifes Kunststudenten-Projekt wirken lassen – wären sie nicht so angenehm verpeilt. Dies liegt vielleicht an dem, in den Stücken oft angedeuteten, exzessiven Drogenkonsum des Duos. (Oder ist das auch nur eine weitere, schlau platzierte Legende?) Auf ihrem neuen Label Hyperdub sind Hype Williams mit ihrem bekifften Zitate-Pop jedenfalls bestens aufgehoben. Denn schließlich schafft es auch dessen Chef Kode9 scheinbar mühelos, als Hochschullehrer und DJ mit »Street Credibility« die Grenzen zwischen unterschiedlichen Welten zu überbrücken.

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VIDEO: HYPE WILLIAMS – Badmind

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hype-williams-kelly-price-w8-gain-coverHYPE WILLIAMSKelly Price W8 Gain Vol.II EP

01. Rise Up
02. Boss Man
03. Farthing Wood Dub
04. Badmind

LABEL: Hyperdub | VERTRIEB: Cargo | : 08.07.2011

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