Hymnen der Uneinigkeit – die Lieder des Spanischen Bürgerkriegs und ihre Rezeption

© Bear Family Records

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Die Lieder des spanischen Bürgerkriegs haben die Zeit überdauert und gelten bis heute als Urform linker Protestmusik. Nicht zuletzt waren sie ein wichtiger Einfluss für den angloamerikanischen Protest-Folk späterer Jahre. In linken Kreisen wird bis heute die gemeinschaftsstiftende Kraft in der Musik der Freiheitskämpfer gerühmt. Waren diese Lieder tatsächlich die Musik einer solidarischen linken Gemeinschaft – oder doch eher reine Revolutionsfolklore?

Ein Text von Martin Baxmeyer

Es sei ihre Lieblingsplatte, erklärte selbst Eleanor Roosevelt, die Gattin des US-Amerikanischen Präsidenten. Sie sprach von der Disco de las Brigadas Internacionales, der »Platte der Internationalen Brigaden«, einer Aufnahme, die bereits unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung zu einem weltweiten »Hit-Album« avanciert war. Die Internationalen Brigaden waren (meist kommunistische) Freiwilligenverbände, die nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs aus aller Herren Länder nach Spanien gekommen waren, um auf der Seite der bedrohten Republik gegen die Truppen Francos zu kämpften. 1937 war die Platte in Barcelona aufgenommen worden – in vier Sprachen! Zu hören ist auf ihr unter anderem das berühmte Lied »Los cuatro generales« (auf Deutsch: »Die Herren Generale«, gesungen von Ernst Busch). Der Text variiert ein Gedicht von Federico García Lorca, das eigentlich »Die vier Maultiertreiber« hieß.

Wer ein historisches Original der Platte auflegt, zumal eine ihrer zahlreichen Nachpressungen bis Ende 1938, muss sich auf einen holprigen Ritt gefasst machen: Kaum ein Lied kommt ohne Sprünge daher. Die Erklärung findet sich in der Plattenmitte. Dort klebt ein kleiner Zettel, auf dem steht, dass die Pressfehler durch Stromausfälle zustande gekommen seien, verursacht durch Bombenangriffe der franquistischen Luftwaffe. Die Platte der Internationalen Brigaden war eine Kriegsplatte reinster Natur. Wer sie auflegte, zog gewissermaßen vom Sessel aus noch einmal in die Schlacht. Sie zu hören galt (nicht nur) in den Dreißigerjahren als Akt der Solidarität. Dabei war sie nur eine von vielen Aufnahmen voll kämpferischer Gesänge, galliger Spottverse und sehnsüchtiger Balladen aus den Schützengräben der Republik. Das republikanisch-revolutionäre Spanien wurde in den Jahren zwischen 1936 und 1939 zum Sinnbild des Widerstands gegen den Faschismus und der Verteidigung der Kultur. Der französische Schriftsteller André Malraux, der als Kampfflieger am Bürgerkrieg teilnahm, nannte ihn »die lyrische Illusion« – einen großen Heldengesang. Die Lieder des Spanischen Bürgerkriegs wurden zu Hymnen der antifaschistischen Linken. Einige sind es bis heute geblieben. Das Bear Family-Label hat nun 127 Bürgerkriegslieder in einem beeindruckenden Box-Set zusammengestellt. Das Begleitbuch wiegt fast zwei Kilo.

Aber warum eigentlich spielen Lieder in nahezu allen politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts eine so große Rolle – und bei heutigen Protesten anscheinend gar nicht mehr? Als 20 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs die junge Bürgerrechtsbewegung in den USA erste Aktionen in den segregierten Südstaaten durchführte, brachte sie der kaum gebildeten schwarzen Landbevölkerung als erstes ihre Lieder bei. Was geschieht, wenn Menschen gemeinsam singen? Und was ist das überhaupt: eine Hymne? Hymnen sind Symbole kollektiver Identität – solche Symbole allerdings, die sich im Akt des Singens selbst immer wieder neu verwirklichen, das heißt: erleben lassen. Sie bewirken ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Gleichzeitigkeit, der Widerständigkeit und (durch ihren performativen Charakter) eine ich-bestärkende Empfindung der eigenen Schöpferkraft. Vergleicht man Texte etablierter Hymnen miteinander, etwa Nationalhymnen mit footballchants oder ähnlichem, fällt außerdem auf, wie oft in ihnen von Erlösung die Rede ist. Selbst die Hymnen der anarchistischen Bewegung Spaniens – etwa »A las Barricadas« (»Zu den Barrikaden«) und »Hijos del Pueblo« (»Söhne des Volkes«) –, die während des Bürgerkriegs viel zu hören waren, sprechen emphatisch vom Ende der Ausbeutung und einem unmittelbar bevorstehenden Sieg der revolutionären Arbeitermassen. Hymnen sind beständig aktualisierte Versprechungen: gesungene Prophetien einer besseren Zukunft. Es spielt dabei keine Rolle, ob ihnen ein frühneuzeitliches Bauernlied zugrunde liegt oder ein Pop-Song: Hymnen werden, indem sie in bestimmten historischen Situationen eine entsprechende Bedeutung gewinnen beziehungsweise zugewiesen bekommen.

Ihre emotionalisierende, Einheit suggerierende Wirkung ist jedoch Teil ihres Problems. Nach Ansicht des spanischen Medienforschers Pedro Ordóñez Eslava ist jede Hymne im Grunde das Ergebnis einer kulturellen Repression. Man singt eben nur noch ein Lied, um sich seiner Identität zu vergewissern, und nicht mehr zahllose, wie man es vielleicht zuvor getan hätte: Lieder des Dorfes, aus dem man stammt, der Region, in der man aufwuchs, Lieder, die zu verschiedenen Tätigkeiten gesungen wurden, oder, im Fall der Internationalen Brigaden, politische Lieder der eigenen nationalen Organisationen. Im 19. Jahrhundert hatte selbst die spanische Monarchie noch zwei Nationalhymnen: die »Marcha Real« (bis heute die spanische Nationalhymne, wiewohl ohne Text) und die »Himno de Riego«. Wer aber zwei Nationalhymnen hat, der hat in Wahrheit keine. Die Reduzierung divergierender Identitäten und entsprechender Loyalitäten, die jeder Mensch besitzt (»Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?«), auf eine einzige macht ihn im schlimmsten Fall kriegsverwendungsfähig. Vereinheitlichung ohne Abgrenzung ist nicht denkbar.

Was also ist zu halten von jener beseligenden, von politischen Folkbarden bis heute hörbar gemachten Vorstellung, in den Liedern der politischen Linkskräfte des Bürgerkriegs manifestiere sich die Einheit aller aufrechten, emanzipatorischen, zivilisierten und kulturliebenden Menschen angesichts des Faschismus? In einem Wort: wenig. Denn zum einen ist bewusst zu machen, für wen Aufnahmen wie die Platte der Internationalen Brigaden eigentlich gemacht wurden. Es ist unwahrscheinlich, dass die chronisch unterbewaffneten Interbrigadisten ausgerechnet ein Grammophon mit an die Front schleppten, um dort in Ruhe ihre Lieder hören zu können. Die sangen sie im Zweifelsfall lieber selber. Platten wie die Disco de las Brigadas Internacionales wurden für die Auslandspropaganda hergestellt. Und zum anderen sollten genau jenen Eindruck vermitteln, den die musizierende Linke der Folgejahrzehnte allzu gerne für die historische Wirklichkeit nahm: den Eindruck der Einheit aller antifaschistischen Kräfte.

Genau von dieser Einheit aber waren Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten und bürgerliche Republikaner während des Bürgerkriegs weit entfernt. Die überwiegende Mehrzahl der Bürgerkriegslieder richtete sich tatsächlich nicht nur gegen Franco. Sie richtete sich, direkt oder indirekt, ebenso sehr gegen die linkspolitische Konkurrenz. Die in ihnen aktualisierte Identität war eine Abgrenzungsidentität nach innen, paradoxerweise gerade da, wo der Text besonders emphatisch auf Einheit pochte. Und die kulturelle Repression des Hymnensingens konnte nur allzu leicht zur offen politischen Repression werden. Denn der Spanische Bürgerkrieg bestand in Wahrheit aus einer ganzen Reihe von Bürgerkriegen, in denen unterschiedliche Fraktionen um politische Dominanz und kulturelle Hegemonie rangen – manchmal, wie im Falle der sogenannten Mai-Ereignisse in Barcelona 1937, mit der Waffe in der Hand. Die Lieder, die zum Beispiel die Interbrigadisten sangen, waren ideologisch motivierte Versuche, Zusammenhalt zu stiften gegen die politische Konkurrenz. Nicht, dass den Kämpfern dies unbedingt bewusst gewesen wäre. Aber während sie in Hymnen wie »Ay, Carmela« die eigene Kampfkraft feierten und ihre Verbundenheit zum »spanischen Volk« ausdrückten, hatten die meisten von ihnen von der Situation eben dieses »Volks« gar keine Ahnung. Systematisch wurden sie von allen Entwicklungen ferngehalten, die mit der stalinistischen Weltsicht ihrer Kommandeure unverträglich waren: der Sozialen Revolution beispielsweise, die bis Mai 1937 die spanische Gesellschaft tiefgreifend verändert hatte. Ihre Lieder kamen außerdem nur selten aus den eigenen Reihen. Sie wurden meist »top down« verordnet, um die Kontrolle über die kulturelle Selbstvergewisserung der Truppe sicherzustellen. Einheit, zumal gesungene Einheit, bedeutete für die konkurrierenden Linksfraktionen des Bürgerkriegs meistens: »Einheit unter unserem Kommando«.

Die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs gehört zu den großen Erzählungen ideologischer Konfrontation des 20. Jahrhunderts. Seine Lieder dürfen deswegen nicht leichtfertig aus ihrem geschichtlichen Kontext gerissen werden. Wie sehr man sich heute vielleicht auch wünschen mag, in ihnen die Stimme einer solidarischen Gemeinschaft zu hören, die sich gegen Mordlust, Unfreiheit und Ausbeutung stemmte: historisch betrachtet waren die linkspolitischen Lieder des Bürgerkriegs vor allem Hymnen der Uneinigkeit.

Martin Baxmeyer ist Hispanist und Literaturwissenschaftler. Unter anderem forscht er an der Universität Münster zur anarchistischen Poesie des Spanischen Bürgerkriegs. Vor zwei Jahren veröffentlichte er bei Edition Tranvia ein Buch zum Thema: Das ewige Spanien der Anarchie. Die anarchistische Literatur des Bürgerkriegs (1936–1939) und ihr Spanienbild.

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