Hubert Fichte »
Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart. Briefe an Leonore Mau«
 / Review

Zwischen Produktions- und Paarbeziehung: Der S. Fischer-Verlag hat die sensiblen Korrespondenzen zwischen Fichte und Mau für die Nachwelt konserviert.

»Dies ist mein Tagebuch! Hebst Du es auf?!«, schreibt der Schriftsteller Hubert Fichte am 6. Oktober 1973 an seine Lebenspartnerin Leonore Mau. Die Briefe des nomadischen Hamburgers, die unter dem Titel Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart erschienen sind, sind rare Dokumente, da Fichte kurz vor seinem Tod verordnete, Privates und Tagebücher sollten entsorgt werden. Die Beziehung des schwulen Autors zur aus der Hamburger Bourgeoisie gehörenden Architektur-Fotografin lässt sich auch in den Briefen als durchaus symmetrische Produktions- und Paarbeziehung rekonstruieren. Das geteilte Interesse für nicht-westliche Kulturen und minoritäre Subjektivitäten einte sie, aber auch die libidinöse Ökonomie.

Nicht nur interessant für die Fichte-Philologie, sondern auch ein Muss für Theweleitianer.

1962, im Jahr, in dem sich Mau endgültig von Mann und Familie trennt, schreibt ihr Fichte aus Montjustin »Ich ficke viel und hoffe von Dir das gleiche«. Im Januar 1968 schreibt Fichte aus Agadir: »Ich weiß wohl jetzt, daß ich ohne Dich nicht leben kann und das ist weniger sentimental gemeint – es ist fast eine Gemeinheit und hat viel mit Ausnützen zu tun – als eine physiologische und soziologische Feststellung«. Fichte, der sich selbst als »unbegabt zum Briefeschreiben« sieht, denn »die Gegenwart ist so nah«, erweist sich in den Briefen als einfühlsamer und zarter Bewunderer der künstlerischen Arbeit von Mau, aber auch als virtuoser Netzwerker. Jedoch ist Fichte nicht nur egotaktisch in eigener Sache unterwegs, sondern unterstützt Mau auch mit seinen Kontakten und ermuntert sie für ihre künstlerische Arbeit. Die rund 80 Korrespondenzen an Mau sind nicht nur interessant für die Fichte-Philologie, sondern auch ein Muss für Theweleitianer.

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Literaturartikel in der Printausgabe SPEX N° 370 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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