How To Dress Well

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Sicherlich gehört es zu den am gespanntesten erwarteten Alben der Saison: Das How-to-Dress-Well-Zweitwerk Total Loss erscheint am 14. September bei Weird World / Domino. Tom Krell, der Meister der leisen R 'n' B-Hymnen und Zwischentöne, auf den bereits zahlreiche umso lautere Loblieder gesungen wurde, hat die Platte zwischen seiner Heimat Brooklyn, Chicago, Nashville und London geschrieben und aufgenommen. Erneut sind die Eindrücke mannigfaltig und bestechend, Krells Fabelstimme mäandert zwischen Vorder- und Hintergrund. Erstmals vorstellen wird er Total Loss heute Abend, am 11. August, bei Martin Hossbach präsentiert im Chalet, Berlin.

   SPEX hat Krell, dessen Dissertation in Philosophie gerade ruht, vorab in einem Kreuzberger Hinterhof getroffen. Der Künstler isst Schokoladeneis, empfiehlt selbst aber die Yamswurzel-Geschmacksrichtung Ube. Zwischen braunen und violetten Kugeln entspinnt sich der erste Teil des Interviews, über die emotionalen Hintergründe des neuen Werks, dessen erste Version verworfen wurde, und Krells neue Einstellung zum Leben, geformt von zahlreichen Schicksalsschlägen.

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Tom, du lebst derzeit erneut in Berlin. Was sind deine Pläne?
Ich werde bis September bleiben, entspanne und arbeite an neuer Musik. Und ich gehe viel aus. Am Freitag war ich im Berghain, aber es war hart, weil ich schon so früh da war, um Jamie spielen sehen zu können (Anm. Jamie Teasdale alias Kuedos Set begann um 2:15.), und lange bleiben wollte. Hier lernt man schnell, nirgendwo aufzutauchen, bevor nicht alle anderen zu Bett gegangen sind. Club Mate bewirkt dank meines starken Kaffeekonsums auch nichts mehr.

Wie gehst du dann aus, wenn du wieder in den Staaten bist?
In Chicago sind gerade Late Bars sehr in. Die normalen schließen um 2 Uhr früh, dann machen diese auf, bis um vier. Da ist eine ganz andere Szene, die Stimmung ist gelöst, die Leute stockbesoffen. Wenn dann alle um vier auf die Straße purzeln, ergibt das ein großartiges Bild.

Wie geht Chicago mit der Krise um?
Das kann ich nicht wirklich mit Expertise beantworten. Aber in der Stadt herrscht eine unglaubliche Spaltung. Eine jüngste Statistik weißt sie als Mord-Hauptstadt des Landes aus. Wenn du ein Afro-Amerikaner zwischen 15 und 21 bist, dann ist die Chance auf der Straße getötet zu werden als wenn du ein Soldat im Kampfeinsatz in Afghanistan wärst. Also, Chicago is fucked.

Hat die Stadt bzw. ihre Umgebung die dortigen Albumaufnahmen beeinflusst?
Nicht wirklich. Mich beeinflussen eher Lieder anderer, emotionale Erfahrungen, Bilder. Jede Art von Dingen, die einen Affekt der Spannung mit sich tragen und tief in meinem Herzen widerhallen. Das kann ein Bild von Gerhard Richter sein, ein Stück von Janet Jackson oder die finale Szene von Michael Hanekes Wolfszeit. So etwas lädt mich spirituell auf und lässt mich einen Song schreiben. Bei diesem Album stand aber persönlicheres im Vordergrund.

Das Motiv des Verlusts.
Genau. Ich bin nach Chicago gekommen, um mit meinem besten Freund zusammenzuziehen. Als ich mit allen meinen Sachen in einem Truck von Brooklyn aus losfuhr, starb er plötzlich völlig unerwarteter Weise. Sein Herz hatte im Schlaf einfach zu schlagen aufgehört. Später starb mein Onkel, der so etwas wie der Kopf der Familie war, was wiederum meine Mutter in eine Depression verfallen ließ, von der sie sich noch immer nicht erholt hat und die sie zwischenzeitlich sechs Tage lang nicht sprechen ließ. Diese gesamte Konstellation von Mist ist die Hauptinspiration des Albums. Herauszufinden, wie man den Schmerz überwindet. Für mich bedeutet Total Loss auch, dass ich mich jetzt stärker, offener, sensibler und emotional ehrlicher fühle. Das Glück, dass ich habe wertschätze ich jetzt umso stärker, aber ich musste das erst lernen.

Der Versuch, das alles durch die Musik zu meistern, ist also geglückt?
Zum Teil. Der Versuch, Leute wieder zurückzubringen, scheiterte natürlich. Aber mir geht es besser. Ich habe erkannt, wie ich vis-à-vis mit dem Verlust eine Position erlange, die nicht die der Hoffnungslosigkeit ist. In so einem stürmischen Leben, Freude erfahren zu können, musste ich mir zurück erkämpfen. Alles fühlt sich jetzt gefühlvoller an im Vergleich zu meinem Teenager-Dasein. Ich bin kein Baby mehr. Ohnehin, im Angesicht des Vergessens und der Tatsache, dass wir uns auf einem großen Fels im noch größeren Nirgendwo bewegen, ohne den irrsinnigen Glauben an ein Jenseits, ist es schwer an der Liebe festzuhalten und nicht in eine Haltung des Everything’s-gonna-be-alright zu verfallen, die Verlust nicht wahrhaben will. Meine naive aber erwachsene Art, optimistisch und hoffnungsvoll zu sein, sollte nicht auf dieser Verneinung basieren.

Wie bist du dann das Schreiben angegangen?
Als ich mittendrin war, in dieser Phase, schrieb ich jeden Tag, nur um selbigen zu überstehen. Ende 2010 hatte ich bereits zwölf Stücke geschrieben, die ich für mein neues Album hielt. Sie waren wirklich sehr düster. »Ocean Floor For Everything« (Stream unten) war auch darunter, hörte sich aber vollkommen anders. Es nun wirklich kein fröhliches Lied, klingt aber sehr leicht. Ihm wohnt eine gewisse Hoffnung, ja fast Wehmut, inne. Ich fragte mich, was das für die Platte bedeutete? Ob ich dieses fast ausnahmslos depressive Material wirklich jede Nacht auf Tour spielen wollen würde. Nein, das sollte einfach nicht meine Hinwendung an die Welt sein. Also fing ich von vorne an und machte »Ocean Floor For Everything«, das nun auch das letzte Stück auf Total Loss ist, zum Horizont, auf den ich zu schrieb. Dadurch fügte sich alles. Der recht aufgewühlte, dunkle und gequälte Ambient-Opener »When I Was In Trouble« folgte als nächstes. Der Anstieg seiner letzten Note fiel dann wiederum direkt im Anschluss mit »Cold Nites«. So näherte ich mich Stück für Stück »Ocean Floor For Everything« an. (In diesem Moment ruft plötzlich eine Frau aus dem zweiten Stock »Don’t worry, be happy!« aus dem Innenhoffenster zu.) Ha, das passte ja jetzt perfekt.

Glaubst du an Slogans?
Nein, sie sind der Ausdruck der unechten Fröhlichkeit, die ich vorhin beschrieb. Wen jemand gerade sein Kind oder dergleichen verloren hat, dann hat sie oder er das verdammte Recht, jedem der so etwas sagt, ins Gesicht zu schlagen. Für mich ist dieser Slogan genauso unwahr wie die christlichen Jenseits-Mythen. Im Detail bedeutet es doch nur, in seinem Kopf einen Kommissar einzurichten, der dir alle herausfordernden Affekte verbietet. Mit Total Loss sage ich: Nie wieder Überwachung, kein Einzäunen mehr. Natürlich fühlt es sich mit der Polizei im Kopf sicherer an, aber wer nackt in die Welt hinaustritt und sich den philosophischen Wahrheiten stellt, wird eine ganz andere Textur und einen anderen Rhythmus des Glücks erreichen.

Warum hast du dich selbst nie von allem abgewendet und bist etwa, statt mit dem Truck nach Brooklyn zurückzukehren, trotz des Todes deines Freundes nach Chicago gezogen?
Ehrlich gesagt, habe ich für fast ein Jahr kaum noch mein Zimmer verlassen und nur wenige A-cappella-Aufnahmen gemacht. Es hat einige große Schritte gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Für mich war die Just Once-EP eine große Sache. Sie war für diesen verstorben Freund, diesen wirklich stolzen, mutigen, großartigen Typen. Ich wollte etwas in seinem Sinne aufnehmen. Die zehn Tage mit dem Orchester im Studio waren entsprechend harte Arbeit. Ich erzählte jedem seine Geschichte, um seine Inspiration für mich und seinen Geist weiterzutragen. Es war zugleich eine hervorragende Möglichkeit, um um ihn zu trauern und ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Zugleich wollte ich mich nicht von der Welt ausschließen, wie meine Mutter das etwa in einem wahnwitzigen Verhältnis getan hat, indem sie das Sprechen aufgab. Das Mittelstück meines neuen Albums wiederum heißt nun »World I Need You, Won’t Be Without You (Proem)«. Es ist mein »Purple Rain«. Der Titel entsprang zwar einem stream of consciousness, aber er drückt exakt das Sentiment des gesamten Werks aus. Es mag Übertreibung sein, aber man sieht ein Kliff, über das man nicht stürzen will, und wenn man sich dann abwendet, umdreht, ist die Welt nicht mehr dieselbe. Man lernt sie zu schätzen, will ein Teil von ihr sein.

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