Videoreigen mit Hot Chip, Deerhoof, Jeans Team, Le1f, Sébastien Schuller & Afrika Pseudobruitismus

Hot Chip »Don't Deny Your Heart« (Video)

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Dass Fußball und Popmusik gar nicht so weit auseinander liegen, weiß man spätestens seit Nick Hornby. Der schrieb in High Fidelity über das manische Plattensammeln und widmete seinem Lieblingsclub, dem FC Arsenal, Fever Pitch. Beide Romane handeln vom Fantum und von der zur Obsession werdenden Leidenschaft – da geben sich die beiden Disziplinen nichts. Und dass Fußballstars auch Popstars sind, ist wohl nicht erst seit David Beckham bekannt, der zur Zeit das männliche Pendant zur H&M-Lana darstellt, und seinen tätowierten Rockstarkörper in die preisgünstige Unterwäsche des Herstellers zwängt. 

   In einer Sache ist die Popmusik der Fußballkultur allerdings um die sogenannten Lichtjahre voraus; denn wie lange muss man noch warten, bis im Fußball offen mit Homosexualität umgegangen wird? Das soll sich mit dem neuen HotChip-Video zu »Don't Deny Your Heart« jetzt doch bitte ändern. 

   Der von Peter Serafinowicz regierte Clip beginnt im Tourbus, man sieht die Band bei einer geflegten Partie eines verpixelten Fußball-Videospiels. Es wird geschossen und gegrätscht, Fanchöre vermischen sich mit den zuckrigen Synthiemelodien. Doch was als gewöhnliches Spiel zwischen den Stadtrivalen Manchester City und United beginnt (aus lizenzrechtlichen Gründen sieht man im Video weder die richtigen Trikots noch Namen), entpuppt sich später als abgespacte Orgie. Die Kapitäne der Teams lassen ihren Gefühlen freien Lauf, haben sie sich eben noch geprügelt, liegen sie sich schon bald wild knutschend in den Armen. Eine Liebeserklärung an den Fußball und gleichzeitig die Aufforderung zum Lieben. »That's what football is all about«, hört man den Kommentator noch fußball-floskelnd ansagen, dann stürmt auch er aufs Feld und gibt sich seinen Trieben hin. Popmusik und Fußball, es geht doch. 

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Heute und am Sonntag spielen Deerhoof die letzten beiden Konzerte ihrer aktuellen, von SPEX präsentierten Tour in Düdingen bzw. Köln. Der Auftakt in Berlin letzte Woche geriet klasse wie eh und je. Ihm steht das neue Video zu »Mario's Flaming Whiskers III« ebenfalls in Nichts nach, während es sich im Spannungsraum von Magie, Zirkus und Psychose abspielt.

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Neues Material gibt es vom Jeans Team. Im Windschatten der Singleveröffentlichung von »Menschen (Sind Zum Träumen Da)« bei Staatsakt (B-Seite: »Erwin«) schoss auch ein Video auf die Schirme der Republik. Die collagenartige Bilderflut des Machines Désirantes Buró führt einem zwischen 3-D-Avataren, Lokalfernsehoptik, Postkartengrafiken (nur ein Auszug) die mitunter grausame Ästhetik des Alltags vor Augen, fröhlich-verstimmend aufgebrochen vom karnevalesken Traumtänzer-Tralala des Jeans Teams.

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Ähnlich bunt geht es bei Le1f zu – einer der Hauptfiguren des aktuellen SPEX N°341-Artikels »Anythin' But A ›Q‹ Thang«. Khalif Diouf, der jüngst auf Tour das Extensions-Fernduell gegen Mykki Blanco eindeutig für sich entschied, weiß seine Haarpracht auch in der Videoproduktion zu »Soda« von VFILES, Glass Embassy & Glasnost NYC geschickt in Szene zu setzen. Dazu wird die alte urbane Legende von Mägen zerreißenden Brause-Minzbonbon bemüht und einige hübsche Menschen gleich im klebrigen Liquid (so der Titel seiner kommenden EP bei Boysnoize Records) getauft. Das darf dann auch ruhig als Vorführung des markengesteuerten Kulturimperialismus Made-in-USA verstanden werden.

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Apropos USA: Die Stadt Miami hat ein stimmungsvolles, wenn auch von Melancholie und (Feier-) Müdigkeit geprägtes, Portrait durch die Arbeit von Regisseurin Emily Kai Bock und Kameramann Evan Prosofsky erhalten. Das Musikvideo zu »Nightlife« des in Philadelphia lebenden Franzosen Sébastien Schuller mündet in der bildlichen Reinwaschung der Protagonistin. Bock und Prosofsky, die auch Grizzly Bears »Yet Again«, Kool Musics »Running Back To Everyone« sowie »Oblivion« von Grimes verfilmt hatten, dürfen somit zweifellos als »Musikvideoteam des Jahres« gelten.

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Frisch rein gekommen ist gerade noch dieses »Cover« von ABBAs »Mamma Mia« durch Afrika Pseudobruitismus. Ohnehin für eigenwillige Videos bekannt, verfremdet Stanley Sunday hierfür einen Zweikampf der DenverClan-Widersacherinnen Alexis und Krystle. Sehenswert.

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