Hope Sandoval And The Warm Inventions „Until The Hunter“ / Review

Die Zweitband der ehemaligen Mazzy-Star-Sängerin setzt mehr auf Stimmung und Atmosphäre denn auf konzise Songstrukturen und konkrete Botschaften.

Der Herbst ist da und die Bäume verlieren ihr Blätterkleid. Nebel schmiegt sich an die Landschaft, Vergänglichkeit und Melancholie liegen in der Luft. Die richtige Stimmung für Hope Sandoval. Die meisten werden Sandoval als Sängerin von Mazzy Star kennen, mit denen sie in den Neunzigern dank „Fade Into You“ einen, nun ja, Hit hatte. Und schon dieses Hitchen schien Sandoval reichlich unangenehm zu sein. Seit jeher gibt sich die Kalifornierin mit der betörend zarten Stimme wenn nicht weltabgewandt so doch scheu. Dieses Sich-entziehen-Wollen strahlte jederzeit in ihre Musik aus. In psychedelisch angehauchten, oft ätherischen Stücken zwischen Folk, Alternative Rock und Dream-Pop sang sie über Liebesschmerz, Abschied und Sehnsucht.

Das galt – von dezenten Abweichungen abgesehen – auch für Sandovals Zweitband Hope Sandoval And The Warm Inventions, der sie gemeinsam mit Colm Ó Cíosóig, dem Schlagzeuger von My Bloody Valentine, vorsteht. Nun also erscheint die erste Platte seit sieben Jahren. Geblieben sind auf Until The Hunter der romantische Ton von damals und eine allumfassende, tiefe Melancholie. Die Texte sind immer noch abstrakt und vereinen Naturmystik (gerne aus dem maritimen Bereich) mit dem Motiv des Verschwindens und einer allgemeinen Distanz dem Alltagsleben gegenüber.

Nun ist das alles nicht aufregend neu, klar. Auch sind einige Stücke eindeutig zu lang geraten. Aber das kann schon mal passieren.

Musikalisch ist Until The Hunter sicher das bisher variabelste Werk der Warm Inventions. Los geht’s mit „Into The Trees“, ein über neunminütiges Dröhnen aus sakraler Orgel und dumpfem Getrommel. Harte Kost. Gleichsam kathartisch gereinigt startet man in die verbleibenden zehn Lieder. Darin zeigt sich Sandoval mal als verhuschte Bardin – im die Sinnfrage stellenden „The Hiking Song“ und dem arg geheimnisvoll tuenden „A Wonderful Seed“ – und mal in überraschend rauer Bluesrocklaune („Liquid Lady“). Besonders schön geraten ist „Let Me Get There“, auf dem die Sängerin zu entspanntem Soul-Groove im Duett mit Kurt Vile schmachtet.

Nun ist das alles nicht aufregend neu, klar. Auch sind einige Stücke eindeutig zu lang geraten. Aber das kann schon mal passieren bei Musik, die mehr auf Stimmung und Atmosphäre setzt denn auf konzise Songstrukturen und konkrete Botschaften. Lieder zum sich Zurücklehnen und Träumen, zum Aussteigen aus dem Tagesgeschäft. Aussagen zum Wahlkampf in den USA oder zur Lage in Syrien hat sich auch hoffentlich niemand erwartet.

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here