Holy Fuck

Manche Bands sollten lieber keine Tonträger veröffentlichen. Entweder weil sie zu schlecht sind oder weil ihre Qualitäten nicht in der Konservierung musikalischer Inhalte liegen, sondern in ihrer Präsentation innerhalb einer Live-Situation. Die aus Toronto stammende Band Holy Fuck zählt zu jenen Formationen, denen die magische Spontaneität eines Konzerts weitaus besser zu Gesicht steht, als die entspannte Konfiguration kompositorischer Ideen im Rahmen eines Studiobesuches.

    Das bezeugen die zahlreichen Web 2.0-Videomitschnitte, die eindrucksvoll die farbenfrohe Spielfreude des Quartetts um die Gründungsmitglieder Brian Borcherdt und Graham Walsh dokumentieren. Somit sind Holy Fuck«keinesfalls schlechte Musiker oder Songschreiber, sie müssen lediglich mit dem Problem fertig werden, dass das was live so gut klingt – unter atmosphärischen Gesichtspunkten stets dynamisch zielstrebig, unter musikalisch-innovativen Kriterien allerdings mehr als belanglos – auf ihrer neuesten Veröffentlichung »LP« jeglicher Explosivität beraubt erscheint. Das ist Schade, denn ihr knalliges Gemisch aus verstärkten Casio Keyboards, unkonventionellen Klangerzeugern und klassischer Bass- und Schlagzeug-Zementierung, verspricht auf den ersten Blick sehr facettenreich zu klingen, entpuppt sich aber bei genauerem Hinhören keineswegs als die preisverdächtige Innovation in Sachen elektronischer Musik, die ihr beispielsweise kürzlich von dem Fachblatt XLR8R attestiert wurde.

    In diesem Kontext erscheint der Verweis, Holy Fuck würden handgemachte Musik spielen, die nicht den emotionslosen Schaltkreisen eines Laptops entspringt, als lächerliche und antiquierte Etikettierung. Als ob das verwendete Instrumentarium jemals ein stichhaltiger Indikator für die Qualität von Musik war. Hinzu kommt, dass der Sound von »LP«  skurriler Weise einen sehr abgeklärten und nahezu sterilen Charakter aufweist. Wo haben Holy Fuck die klanglichen Unvorhersehbarkeiten ihres analogen Equipments gelassen? Verstecken sich da tatsächlich irgendwo die bizarren Geräusche von Brian Borcherdts Bandmaschine, die mit alten 35mm Filmrollen arbeitet? Von alldem hört man nichts – lediglich ein standardisiertes Klanggemisch, dass versucht eine Brücke zwischen zeitgenössischen Electroclash-Produktionen und nebeligen Krautrock-Experimenten zu schlagen. Besonders gelungen erscheinen dennoch ein paar Stücke auf »LP«. »Lovely Allen« begeistert mit seinem ungebrochenen Pathos, der von samtweichen, synthetischen Streichern getragen wird und von einer optimistischen Schwermut durchsetzt ist. »Echo Sam« beschwört wuchtige Subbass-Angriffe und treibende Drums, während »Safari« wie ein rasender Komet klingt, dessen Schweif aus einer akustischen Ladung glühender Synthesizermoleküle besteht.

    Leider reichen drei unterhaltsame Stücke nicht, um einem Album wirklich das Prädikat empfehlenswert zuzuschreiben. Die Konzerte von Holy Fuck erscheinen da sicherlich lohnender und interessanter.

LABEL: XL Recordings / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 26.10.2007

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