Holly Miranda »Holly Miranda« / Review

Weibliche Version von Jeff Buckley? Holly Miranda tauscht auf ihrem zweiten Album Nebel- und Zuckerwattemaschine gegen reduziertere Arrangements mit Präzisionsgarantie.

Die junge Holly Miranda wird fast täglich von ihren Eltern in die Kirche geschleppt. Sie verbieten Popmusik, Fernsehen und all den anderen gottlosen Kram, erlauben ihr aber immerhin, die Ferien bei der älteren Schwester in New York zu verbringen. Mit 16 bleibt sie kurzentschlossen einfach dort. Um den Alptraum konservativer Eltern zu komplettieren, wird sie auch noch lesbisch, singt in einer Band mit dem unflätigen Namen The Jealous Girlfriends und holt die unfreiwillige Rundfunkabstinenz ihrer Kindheit und Jugend gleich doppelt nach: Sie freundet sich mit Dave Sitek von TV On The Radio an, der 2010 schließlich ihr hervorragendes Solo-Debüt The Magician’s Private Library produziert. Kanye West lobt ihren ätherischen Synthie-Dreampop mit Folk-Sozialisation wie sonst nur sein eigenes Schaffen, arrivierte Kollegen wie The xx, Tegan And Sara, The Antlers, Nada Surf und Florence & The Machine laden Miranda als Support-Act ein. Ihre Musik läuft in beliebten US-Serien wie Grey’s Anatomy oder CSI: Miami und sie spielt Bass in Scarlett Johanssons Band The Singles.

Kanye West lobt sie wie sonst nur sein eigenes Schaffen.

Doch die zentrale Frage ihres Erstlings bleibt: »Who’s got nothing to run from?« Miranda will vor allem ihrer Schreibblockade entkommen. Sie mietet ein Haus im nicht nur aus musikhistorischen Gründen legendären Nationalpark Joshua Tree und legt dort den Grundstein für ihr zweites, dieses Mal selbst produziertes Album. Ihr Gespür für memorable Melodien ist geblieben, während sie auf Holly Miranda die Nebel- und Zuckerwattemaschine gegen reduziertere Arrangements mit Präzisionsgarantie eingetauscht hat. Dass die 33-Jährige auch lyrisch keine Sekunde mehr an dezente Andeutungen verschwendet, weiß man spätestens ab der Zeile »We could fuck in the sun and dance till dawn«. Bei »Come On« durfte ihr alter Kumpel Dave Sitek wieder mitmischen, »Whatever You Want« ist der offensichtlichste Popsong, den ihr Backkatalog zu bieten hat, »Desert Call« die obligatorische Joshua-Tree-Hommage, inklusive wüstenkompatiblem Bariton-Saxofon-Solo.

In den ergreifendsten Momenten klingen Mirandas Phrasierungen nach einer weiblichen Version von Jeff Buckley. Und dann beschließt sie das andächtige, nur von einem Klavier begleitete Finale mit ihrem schönsten Kirchenchor-Sopran und einem besonders inbrünstigen Hallelujah. Erleichterung daheim in Detroit.

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