Holly Herndon hat für ihr drittes Album einer künstlichen Intelligenz das Singen beigebracht. Aber Proto ist weder Technik-Spielerei noch Dystopie. Sondern ein Aufruf zum gemeinsamen Nachdenken über die Zukunft. Bevor es zu spät ist.

Schwer zu glauben, dass Spawn uns einmal soviel Ärger machen soll. Auf den ersten Blick findet man sie nämlich gar nicht. Nichts in dem weitläufigen Raum deutet auf sie hin, nichts blinkt, nichts fiept, nichts summt. Der Kasten neben dem Mischpult vielleicht? Der Rechner auf dem Bett? Nein. Eingepfercht in einen Plastikkasten von rund 30 Zentimetern Höhe schläft sie auf einem Schreibtisch in der Ecke.

„Wir brauchen dringend eine Aufbruchstimmung“ – Holly Herndon (Foto: Boris Camaca).

Durch das Fenster schräg gegenüber fällt das bissige Licht des Frühlings auf abgezogenen Dielenboden. Die Szenerie in Berlin-Kreuzberg wirkt erhaben und langweilig zugleich. Ungefähr so als hätte Edward Hopper in einem Gemälde die Schaltzentralen der vernetzten Gesellschaft dargestellt. In einer Farbpalette aus Silber, Weiß, Schwarz und Holz. Aufgeweckt wird Spawn erst später, sie lässt regelmäßig das W-LAN und sämtliche Programme abschmieren.

„Ein ziemlich anspruchsvolles Kind“, sagt Mathew Dryhurst, während seine Partnerin Holly Herndon mit Kaffee und E-Zigarette am Kopfende eines ausladenden Tisches neben ihm Platz nimmt. Es ist Frühjahr 2018. Herndon und Dryhurst brüten seit ein paar Monaten über einem Konzept für ihr nächstes Album. Wie genau das aussehen soll, ist noch nicht sicher, die Möglichkeiten noch fließend. Nur eines steht fest. Es soll kein simples Update zu Platform werden, Herndons knapp zwei Jahre zuvor erschienenem zweiten Album.

Überwachung und Kühlschranktür

Dabei galt Platform vielen als eine der besten Veröffentlichungen des Jahres 2015. Oder zumindest als am besten informierte. Denn im Verlauf der zehn Songs darauf widmeten sich Herndon und ihr Ensemble einer Diskussion der Dynamiken der Plattform-Ökonomie. Jener Spielart des digitalen Kapitalismus also, die Google, Facebook und Konsorten zu höchst potenten Weltkonzernen hat wachsen lassen. Das Album thematisierte Überwachung und stellte sich der Frage, wie exponierte Inseln im Netz menschliche Kommunikation einerseits neu ermöglichen und gleichzeitig pervertieren. Das zentrale Stück „Home“ behandelte Herndons fiktive Trennung von einem NSA-Beamten, der sie durch ihren Laptop ausspionierte.

„Ich will ja nicht angeben“, sagt Herndon. „Aber vieles, was in den letzten beiden Jahren in der Welt passierte, haben wir schon auf diesem Album angesprochen.“ Wirklich widersprechen kann man nicht. Tatsächlich diskutiert spätestens seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten die halbe Welt über die toxischen Elemente zentralisierter digitaler Kommunikation, über Echokammern, die Atomisierung von Inhalten und deren Anfälligkeit für Manipulation. Allesamt Themen, die Platform en detail behandelte. „Deshalb war die Versuchung groß, einfach ein Update zu schreiben“, sagt Herndon.

Was sie dann auch tat. Zumindest kurz. Herndon und Dryhurst waren eigentlich noch mit Platform auf Tour, als sie mit zwei Rollkoffern bepackt nach Berlin übersiedelten. Kaum in der neuen Stadt angekommen, begannen sie an neuem Material zu arbeiten. „Wir hatten in der Zwischenzeit überhaupt keine Zeit, unsere Hirne wieder mit Ideen aufzufüllen“, erinnert sich Herndon. „Wir saßen einfach da und machten die gleichen Sachen wie zwei Jahre zuvor.“ „Das klang nicht schlecht, keinesweg“, sagt Dryhurst. „Aber es war überhaupt nicht neu. Warum sollten wir so etwas herausbringen wollen?”

Man kann sich die Arbeit von Herndon und Dryhurst wie ein wahnsinnig kompliziertes wissenschaftliches Unterfangen vorstellen. Zwar schreiben die beiden im Grunde auch nur Songs. Aber der Prozess dahinter unterscheidet sich drastisch von dem anderer Musiker_innen: „Jede unserer Platten ist irgendwie eine Abschlussarbeit“, sagt Dryhurst und lacht. Man könnte auch sagen: Herndons Musik ist eine forschungsbasierte Praxis, deren Ergebnisse in Form von Platten erscheinen.

Statt nämlich mal eben mit der Musik anzufangen, graben sich Herndon und Dryhurst im ersten Schritt auf wissenschaftlicher Ebene in verschiedene Themenkomplexe ein, sprechen mit unzähligen Expert_innen, stellen eigene Untersuchungen an und schreiben keinen finalen Ton, ehe sie nicht das Gefühl haben, das jeweilige Problem auf intellektueller Ebene geknackt zu haben – und etwas Neues dazu zu sagen haben.

Eine Umwälzung vom Ausmaß der industriellen Revolution

Wie jede wissenschaftliche Arbeit brauchte also auch ihr drittes Album eine Grundfrage, ein Phänomen. „Uns interessiert das Thema künstliche Intelligenz schon seit langer Zeit“, sagt Herndon. „Und durch die rasant wachsenden Kapazitäten von Computern leben wir nun mal in einer Zeit, in der eigentlich alte Ideen langsam Realität werden”, ergänzt Dryhurst. „Um es deutlicher zu sagen: Es passieren Dinge, deren Auswirkungen man noch nicht abschätzen kann“, fügt er hinzu. „Und weder die Öffentlichkeit noch die Legislative haben einen Schimmer davon – sondern nur große Unternehmen.“

Also programmierten die beiden mithilfe von Herndons Ensemble-Mitglied Jules LaPlace ein recht simples künstliches neuronales Netz, um aus erster Hand Erfahrungen mit der Technik zu machen. Der Algorithmus konnte Stimmen und andere Klänge analysieren und diese selbstständig weiterspinnen. Spawn war geboren.

„Sie kann noch nicht wirklich viel“, sagt Herndon mit Blick auf den Kasten am anderen Ende des Raums. „Man muss ihr wirklich jede Kleinigkeit beibringen, wie einem Baby.“ Zum Beweis klappt Dryhurst seinen Laptop auf.  Er spielt ein schwer verdauliches Kauderwelsch ab, das ungefähr so klingt als würde eine Beta-Version von Apples Sprachassistentin Siri Songs von Platform covern. Man erkennt Herndons Stimme, ihre Aussprache, aber keine Zusammenhänge. Nur das Wort „cunt“ sticht seltsam deutlich hervor.  „Davon haben wir Unmengen“, sagt Dryhurst und lacht. „Spawn ist also noch weit davon entfernt, jemanden zu ersetzen“, sagt Herndon.

Die breite Öffentlichkeit ist sich da nicht so sicher. Innerhalb kürzester Zeit ist künstliche Intelligenz (KI) nämlich ins Zentrum hitzig geführter Debatten gerückt. Auf der einen Seite stehen beseelte Silicon-Valley-Jünger_innen, die in weiterer Automatisierung ein Versprechen auf eine bessere, effizientere Gesellschaft sehen. Und, auch das gehört zur Wahrheit, natürlich das Potenzial, massig Geld zu verdienen. Auf der anderen Seite stehen Skeptiker_innen, die durch KI-gestützte Verfahren, wie beispielsweise der automatischen Gesichtserkennung, totale staatliche Überwachung fürchten. Und anmahnen, dass sich die Technik fast gänzlich in der Hand von monopolistischen Unternehmen wie Google oder Facebook befindet.

Dazwischen: Ganz normale Leute, die aus zweiter Hand davon hören, dass ihre Jobs von irgendwelchen Robotern bedroht seien. Von einer Technik also, die sie nicht verstehen. Einig sind sich alle jedoch in einem Punkt: Dass sich ziemlich viel ziemlich schnell verändern wird. Eine Umwälzung vom Ausmaß der industriellen Revolution – mindestens. Aber wie bitte will man ein Thema dieser Tragweite auf einem einzigen Album angehen?

„Auf einmal stehst du mit Swamp-Rock da“ – Holly Herndon (Foto: Boris Camanca).

Ziemlich genau ein Jahr später sitzen Herndon und Dryhurst wieder am gleichen Konferenztisch. Nur die Wohnung um sie herum ist eine andere, die beiden sind zwischenzeitlich umgezogen, weiter in den Westen Berlins, eine ruhigere Gegend. Spawn steht mittlerweile mittig vor zwei großen Altbaufenstern, durch die man die nackten Baumkronen auf dem Platz vor der Tür sieht. Man sieht Herndon und Dryhurst an, dass die vergangenen Monate anstrengend waren. „Wir sind ziemlich durch“, sagt Herndon. Es müssen Videos gedreht und letzte Vorbereitungen für den Release getroffen werden. Zudem wird Herndon in zwei Wochen im kalifornischen Stanford ihre Doktorarbeit am Center For Computer Research In Music And Acoustics verteidigen.

Aus der groben Idee vom vergangenen Frühjahr ist dennoch eine neue Abschlussarbeit geworden. Proto heißt sie, ein Verweis auf Protokolle, Prototypen und Proto-Punk in einem Wort. Und eigentlich könnte es keinen besseren Zeitpunkt für ein solches Album geben.

Denn auch die Kulturbranche befindet sich wegen der Implikationen von KI in heller Aufregung. Wenige Tage zuvor teilte das Majorlabel Warner mit, dass man das Start-Up Endel als erste App mit einem Plattenvertrag ausgestattet habe. Das Programm bietet maßgeschneiderte Hintergrundmusik an, die individuell auf die angenommenen Bedürfnisse der Hörer_innen zugeschnitten sind. Dazu bedient es sich einer Vielzahl persönlicher Daten, vom Blutzuckerspiegel bis zum Standort.

Auch das System hinter Spotify, dem Streaming-Marktführer, war in der Zwischenzeit immer wieder Thema. Dass die beliebten Playlists und die Vorschlagsfunktion, die mithilfe eines sündhaft komplizierten Algorithmus immer mehr vom Gleichen in die Ohren der Nutzer_innen spült, mittelfristig zum Problem werden könnten, ist hinlänglich bekannt.

Eine zerkratzte Version von Breitwand-Pop

Die Branche ist also empfänglich geworden für das lange unterschätzte Thema. Und mit ihr auch die Künstler_innen: In den vergangenen zwölf Monaten erschienen dutzende Alben, die auf die eine oder andere Art mit KI flirten. Der Londoner Musiker Actress etwa veröffentlichte ein mithilfe einer KI namens Young Paint realisiertes Projekt. Und auch sonst konnte man sich vor angeblichen algorithmischen Pioniertaten kaum retten. Gute Nachrichten, könnte man meinen.

Wenn die meisten davon nicht ein grundlegendes Problem hätten. Sie klingen alle gleich. Ob Actress oder der ebenfalls aus London stammende Ash Koosha (der auf Youtube zu jedem seiner Songs einen Disclaimer setzt: „Written and produced by artificial intelligence“), die progressive Musikwelt scheint in Sachen Vertonung von KI einer tradierten Formel zu folgen. Zerhackte Four-Tet-Beats, Bässe in Moll, ein paar IDM-Glitches, gespenstische Synthesizer. Es wirkt, als hätte man sich an irgendeinem Punkt in stiller Absprache darauf geeinigt, wie die KI-Dystopie zu klingen habe. So ähnlich wie das Theremin nun mal für spooky Aliens mit Laserwaffen steht.

Im Vergleich dazu klingt Proto fast schon geradlinig. Herndon und ihr Ensemble befinden sich darauf zwar immer noch im digitalen Engtanz mit ihren eigenen Stimmen, erweitern, verschmälern und zerschlagen den menschlichen Ausdruck. Und auch eine grundsätzliche Orientierung an widerborstiger Clubmusik ist weiterhin zu hören.

Aber Proto versucht nicht, um jeden Preis hermetisch verriegelt zu sein oder stoisch einem bestimmten Stil zu folgen. Vielmehr stehen klassische Songstrukturen im Zentrum, die mit jedem Hören deutlicher aus dem experimentellen Klanggerüst herauswachsen. Eine zerkratzte Version von Breitwand-Pop, die nicht wirklich so klingt, als hätte sie irgendwas mit KI zu tun. Streckenweise klingt Proto vielmehr so, als hätten ein paar Kids per Zufall und mit schlechtem Equipment eine ergreifende Punk-Oper geschrieben. Oder sich die örtliche Metal-Band einfach in den Instrumenten vergriffen.

„Yes!“, ruft Herndon aus. „‚Alienation‘ klingt wirklich nach Metal.“ „Und ‚Last Gasp‘ klingt nach Earth, nur ein bisschen langsamer“, sagt Dryhurst. Das sei allerdings nicht so geplant gewesen, präzisiert Herndon, sondern einfach passiert. So sei das eben mit experimenteller Musik: „Du machst einfach und plötzlich stehst du mit etwas da, das nach Swamp-Rock klingt“, sagt sie und lacht.

Das glaubt man gerne. Allerdings ist es nur die halbe Wahrheit. Zwar führt Herdons Fokus auf klassisches Songwriting in Kombination mit ihrem experimentellen Sound auf Proto tatsächlich mehr oder weniger zufällig zu beinahe breitbeinigen Momenten. Sie hätten beim Schreiben jedenfalls keinerlei Rock-Musik gehört, versichern beide. Dass das Album nicht nach dem klingt, was wir uns gemeinhin unter KI vorstellen, ist jedoch kein Zufall: „Proto klingt so, weil es sich dabei um eine ehrliche Herangehensweise handelt“, sagt Dryhurst.

Alarmismus und Ignoranz

Die Sache sei ganz einfach: „Das, was auf dem Album zu hören ist, ist das, was mit KI in der Musik aktuell möglich ist. Nicht mehr und nicht weniger“, sagt er. Der Seitenhieb in Richtung der Kolleg_innen ist nicht zu überhören. „Vieles von dem, was im Moment als progressive Musik angepriesen wird, klingt für mich nach einer stilistischen Herangehensweise, wie die Wahl eines Outfits“, wirft Herndon ein. Und Dryhurst präzisiert: „Wenn man irgendwelche KI-gestützten Patterns in einen Midi-Controller einspeist und danach neu zusammensetzt, kann man wegen mir tolle Musik machen. Aber keine, die sich ernsthaft mit der Beschaffenheit der Technik auseinandersetzt“, sagt er. „Ich respektiere viele dieser Künstler_innen und will niemanden angreifen. Aber auf gewisse Art ist das alles Etikettenschwindel. Es ist viel zu clean.“

Was wie ein Debattenbeitrag von und für Audio-Nerds klingt, weist auf ein gern übersehenes Problem hin. Denn daran, dass KI eine der wichtigsten Entwicklungen der jüngeren Menschheitsgeschichte ist, zweifelt niemand mehr wirklich. Weltweit versuchen sich Regierungen die Vorherrschaft im Umgang mit den neuen Technologien gegenseitig streitig zu machen. Gerade China investiert Milliarden, um mittelfristig an der Spitze der Entwicklung zu stehen. Und auch große und kleine Tech-Unternehmen scheuen weder Kosten noch Mühen, um das enorme Geschäftspotenzial für sich nutzbar zu machen. Doch wo bleibt in dieser Rechnung der Mensch? Wie kann Humanismus in einer algorithmisch gesteuerten Welt aussehen? Oder noch größer gedacht: Wie kann und wie soll die Zukunft aussehen?

Außerhalb von Wissenschaft und Technik gibt es auf diese Fragen erstaunlich wenige Antworten. Weil es in der Breite an einem wirklich informierten Diskurs mangelt. Die Schuld daran lässt sich an vielen Stellen finden. Einerseits hat es die Politik verpasst, die Wichtigkeit des Themas in ihrer Arbeit zu spiegeln. Andererseits tun die zentralen Player des Geschäfts alles dafür, dass die öffentliche Wahrnehmung von KI sich darauf beschränkt, dass man mit ihrer Hilfe bessere Smartphone-Fotos knipsen oder schneller die passende Hintergrundmusik finden kann. Aber auch die Pop-Welt trägt eine Mitschuld. Denn deren Auseinandersetzung mit KI wurde bisher von zwei Polen geprägt: Alarmismus und Ignoranz.

Eine Fraktion tut dabei weiterhin so, als könnte man mit bequemer Retromanie die unübersehbaren Entwicklungen einfach ausblenden. Das mag denkfaul und fahrlässig sein, folgt aber einer alten Pop-Tradition. Gerade in Krisenzeiten war der wärmende Rückblick dort schließlich immer ein zentrales Thema. Gefährlicher ist, dass eine andere Fraktion durch immer neue und meist missverständliche Wasserstandsmeldungen ein falsches Bild vom tatsächlichen Status der Technik zeichnet.

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwelche Roboter angeblich eine Sinfonie, ein Techno-Album oder gleich ein Medley aus allen Mozart-Stücken geschrieben haben sollen. Dass es sich dabei so gut wie nie um echte KI handelt, können oberflächlich informierte Menschen nicht wissen. Die Folge: Hysterie. Die Roboter kommen, wir müssen alle sterben! Dabei wäre es gerade jetzt ungemein wichtig, gemeinsam eine neue Sprache zu finden, die auf einer Ebene mit Google, Facebook und Co. operiert. Die frei ist von Retrofetishismen und den Weg ebnet für eine zielgerichtete Debatte.

„Wir haben uns gegenseitig imitiert“

Zwischenzeitlich hat sich Herndon Frühstück gemacht, Frischkäse auf Schwarzbrot. Kauend denkt sie kurz nach. „Unsere Bilder von der Zukunft sind mittlerweile so unglaublich alt. Wir strapazieren immer noch diese Ästhetik von den minimalistischen weißen Räumen“, sagt sie schließlich. Proto sei als Gegenvorschlag gedacht: „Als etwas, das nicht nostalgisch ist, sondern eine neue Art von Futurismus“, sagt Herndon.

Dazu folgten sie und Dryhurst bei der Produktion des Albums einigen klaren Regeln. Erstens sollte Spawns spezifischer Klang an keiner Stelle kaschiert werden. „Im Gegenteil, wir wollten ihren Klang immer als Grundmaterial verstehen“, sagt Dryhurst. „Die Produktion folgte am Ende ihrem rauen Sound und nicht umgekehrt.“ Das bedeutet, dass man das neuronale Netzwerk hören soll. Seinen verzerrten Klang, seine Fehler, seine Entwicklungsstufe, seine Beziehung zum Menschen. „Der Sound soll etwas über seine Herkunft verraten“, sagt Herndon. Ein Gedanke, der in Grundzügen den Ideen der Musique concrète folgt, als mitunter zum ersten Mal field recordings in Musik verarbeitet wurden. Proto soll ähnlich funktionieren, nur eben mit ungefilterten Eindrücken von Herndons und Dryhursts Forschungsfeld aus dem Plastikkasten.

„Zweitens ist uns wichtig zu betonen, dass Spawn auf Proto keine kompositorischen Entscheidungen getroffen hat“, sagt Dryhurst. „Wer würde sowas auch ernsthaft wollen?” Dennoch betrachteten sie das künstliche neuronale Netzwerk von Beginn an als festen Bestandteil ihres Ensembles, mit den gleichen Rechten und Pflichten wie die menschlichen Kolleg_innen. „Sozusagen eine würdevolle Rolle für die Technik“, sagt Herndon. Während der unzähligen training sessions hätte Spawn zusammen mit dem Ensemble geprobt und gelernt, Schritt für Schritt, Ton für Ton.

„Aber wir auch von ihr“, sagt Herndon. Tatsächlich kann man auf Proto kaum unterscheiden, wer gerade singt. Menschen klingen wie Maschinen und Maschinen wie Menschen. Glitches wie Stimmen und Stimmen wie glitches. „Wir haben uns quasi gegenseitig imitiert. Sie uns und wir sie.“

Aber Moment. Wollen uns Google, Facebook und Konsorten nicht gerade das einimpfen? Dass wir nicht mehr ohne digitale Helfer leben können und wollen? „Uns wurde schon vorgeworfen, dass wir uns zu Komplizen dieser Konzerne machen würden“, sagt Herndon. „Weil wir Spawn etwa als unser Kind bezeichnen. Aber ehrlich gesagt halte ich diese Sichtweise für ziemlich dumm.“ „Was sollen wir denn tun?“, fragt Dryhurst. „Den Kopf in den Sand stecken und so tun als wäre nichts? Das wäre fatal. ‘Cause Google doesn’t give a fuck about that.“

Zeit für kühne Ideen und neue Wege

Wegschauen spielt Konzernen wie Regierungen tatsächlich in die Hände. Sei es nun als Kommentar gedacht oder aus blankem Desinteresse geboren. Fakt ist: KI ist da und wird so schnell nicht verschwinden. Dafür sind die finanziellen Interessen zu groß. „Das heißt, wir müssen verdammt noch mal schauen, wie wir damit klarkommen“, sagt Dryhurst. „Darum geht es uns bei diesem Projekt: Um einen Vorschlag, wie wir zusammen mit KI leben wollen – und nicht gegen sie“, sagt Herndon.

Tatsächlich ist es ein zentrales Problem der aktuellen Debatte, dass Mensch und Maschine in den meisten Fällen als natürliche Antagonisten dargestellt werden. Der Mensch verliert, weil der Roboter gewinnt. Oder eben umgekehrt. Das ist natürlich Unsinn. Allein schon, weil sämtliche Maschinen von Menschen entwickelt werden, auch KI. Viel problematischer ist aber, dass solche Narrative die Rolle des Menschen in der Implementierung der Technik unterschlagen. Sie vermitteln das Gefühl, dass Techniken wie KI in kreationistischer Manier über uns kommen und wir nichts dagegen tun können. Außer aber, man gehört zu einem kleinen Kreis von Insider_innen. Das ist nicht nur gefährlich. Sondern schlicht falsch.

„Wir haben uns gegenseitig imitiert“ – Holly Herndon samt Ensemble (ohne Spawn) (Foto: Boris Camanca).

Aber die Zeit drängt. Noch ist die Technik jung und formbar, aber nicht mehr lange. Als warnendes Beispiel könnte das Internet dienen, das einst auch als utopischer Gleichmacher an den Start ging. Und heute? Ist davon nicht viel mehr übrig als ein debiles Einkaufsparadies oder eine gut geölte Überwachungsmaschine, je nach Perspektive. Dass es sich mit KI ähnlich verhält, gelte es zu verhindern, sagt Herndon: „Wir brauchen dringend eine Aufbruchstimmung. Wir müssen kapieren, dass wir dieser Umwälzung unsere Handschrift geben und sie gestalten können. Denn KI kann zu einer total solidarischen, humanistischen Technik werden. Wir müssen nur endlich damit beginnen, unsere Werte darin einzuschreiben – bevor es die falschen Kräfte tun.“

„Das ist im Grunde die Denkweise hinter Proto“, fügt Dryhurst hinzu. „Wir wollen den Menschen zurück in die Debatte bringen und einen klaren Aufruf formulieren.“ Wie der aussehe? „Don’t fuck it up this time.“

Solidarität, Humanismus, neuer Futurismus. Mit zunehmender Dauer des Gesprächs werden nicht nur die Vokabeln größer, es entwickelt sich auch ein Gefühl von Dringlichkeit, die den Raum erfüllt, während Herndon die zweite Kanne Kaffee holt. Herndon und Dryhurst geht es mit Proto um mehr als um einen Umgang mit KI. Es geht um Allianzen, um gemeinsame linke Positionen, um große Hebel für große Nöte. Denn die Ausgangslage ist klar. Wir haben uns gemeinsam in eine Position manövriert, aus der wir uns mit unserem Jahrzehnte alten politischen Werkzeugkasten nicht mehr befreien können. Es ist wieder Zeit für kühne Ideen, für neue Wege. Denn die alten haben sich als Sackgassen erwiesen. KI ist da nur eine Baustelle von vielen.

Radikalität von heute

„Die Situation ist fucking ernst“, sagt Dryhurst. „Man muss sich nur einmal den Klimawandel anschauen. Bangladesh wird in nicht allzu ferner Zukunft unter Wasser stehen. Da muss etwas passieren.“ Das könne man nicht individuell angehen, als Hausaufgabe für nach der Arbeit, sagt er. „Da müssen große Ideen her.“ Dazu müsse man aber erst mal den Blick auf die Dinge ändern, vermeintlich erprobte und für gut befundene Ideologien hinterfragen.

„Zum Beispiel das Mantra der independence“, sagt Dryhurst. Indie stehe gerade in der Musikwelt seit Jahrzehnten für einen erstrebenswerten Zustand der Unabhängigkeit vom Markt. „Das war vielleicht mal eine gute Idee, aber sie hat sich zu einem Darwinismus entwickelt, in dem immer die Stärksten gewinnen.“ Solche Tendenzen würden sich durch neue Vertriebswege wie etwa Spotify weiter verstärken, es gebe nur noch Einzelkämpfer_innen. Der Markt freue sich: Ist die Herde geteilt, lässt es sich besser jagen. Zudem werde die Indie-Logik zunehmend von ausbeuterischen Unternehmen gekapert, die mit buzzwords wie Unabhängigkeit den Wert von Arbeit relativieren. „Uber und ähnliche Firmen klingen wie ein Indie-Label in den Achtzigern: ‚Yay, sei dein eigener Chef!‘“, sagt Dryhurst.

„Wir sollten dringend mal darüber nachdenken, solche Fetische abzulegen und stattdessen neue Formen von Gemeinschaft zu propagieren“, sagt Herndon. Und Dryhurst fügt hinzu: „Denn eins ist klar: Alleine sind wir in Zukunft verloren.“ Dabei komme es eben nicht darauf an, ob die Mitglieder dieser Gemeinschaften Menschen oder Maschinen seien: „Das Problem ist nicht, eine Beziehung zu einer nicht menschlichen Entität einzugehen“, sagt Herndon. „Das ist nur eine Kulturtechnik. Und wir müssen lernen, wie wir diese Technik richtig nutzen.“

Aber wie bitte will man nun ein Thema dieser Tragweite auf einem einzigen Album angehen? „Wir sind nicht naiv“, antwortet Herndon. Dryhurst und ihr sei bewusst, dass sie mit Proto nicht die Welt verändern könnten. Aber darum ginge es ja auch gar nicht: „Das klingt sicher doof, aber man kann mit Kunst auch weiterhin wichtige Debatten anstoßen“, sagt sie. „Es wirkt vielleicht radikal, dass wir eine KI als unser Kind bezeichnen. Aber genau das brauchen wir, mehr Radikalität von heute.“

Holly Herndon
Proto
(4AD / Beggars / Indigo)
Erschienen am 10. Mai