Holly Herndon

Foto: Suzy Poling

»Ich war damals die einzige Person in meinem Freundeskreis mit einem feste Einkommen«, erinnert sich die aus Tenessee stammende Holly Herndon an jene Jahre, die sie nach ihrem Schulabschluss in Berlin verlebte, u.a. als Angestellte bei einer Agentur und im Club Cookies. In dieser Zeit entwickelten sich die Grundlagen ihres einzigartigen Musikverständnisses, das die mittlerweile in San Francisco lebende Absolventin des Mills College und heutige Promotionsstudentin an der Stanford University zu einer der interessanten Künstlerinnen der Gegenwart macht. Auf dem zweiten, 2012 bei RVNG Intl. erschienen Album Movement der nur mit einem Laptop und ihrer Stimme arbeitenden Herndon hebt diese die Instrumentwerdung des Computers auf gleich mehrere neue Ebenen und erlangt dadurch schlussendlich eine unerhört emotionale und persönliche Musik.
Nach ihrem Auftritt beim CTM.13 Anfang des Jahres, in dessen Rahmen das nachfolgende Interview geführt wurde, kehrt Holly Herndon heute Abend nach Berlin zurück, um nebst Laurel Halo (Stream des neuen Stücks »Throw« aus der am 20. Mai erscheinenden Hyperdub-EP Behind The Greendoor am Artikelende), Gatekeeper, NHK’Koyxen und Bill Kouligas, seines Zeichens Kopf des Labels PAN bei dem durchweg außergewöhnlich besetzten Showcase namens Teleport der Konzertagentur Little Big im Festsaal Kreuzberg aufzutreten.

Holly Herndon, was macht San Francisco für Sie aus?
Die Stadt ist so seltsam. In den vier Jahren seitdem ich dort lebe ist es unglaublich teuer geworden. Mark Zuckerberg ist gerade in meine Nachbarschaft gezogen. Das Appartment rechts von mir, das meinem gleicht, kostet nach der Neuvermietung plötzlich 1.000 $ mehr pro Monat. Aber es ist fast europäisch, man kann nahezu überall hinlaufen, alles ist sehr hübsch. Und durch das Silicon Valley sind sehr viele tech minds dort. Auf meinen Reisen bemerke ich immer wieder, dass die Gespräche in San Francisco, was die Technologie betrifft, dem Rest der Welt um fünf Jahre voraus sind. Man ist hier einfach ganz vorne mit dabei. Dazu kommt die kalifornische Offenheit.

Was bedeutet das für Ihre Kunst?
Meine Arbeit leidet unter der zwar relativ aktiven, aber sehr kleinen Kunstszene und dem -Markt. Es gibt auch kaum Medien. Wir arbeiten im Vakuum, was frustrieren kann. Meine Tätigkeit am CCRMA (»Karma« gesprochen), dem Center for Computer Research in Music and Acoustics, wiederum ist sehr stark von den Entwicklungen im Silicon Valley beeinflusst.

Am CCMRA sind Sie wegen Ihres Promotionsstudium.
Ich bin gewissermaßen ein Ausnahmefall. Ich bin zwar am Arts and Music-Department, aber ich bin keine Komponistin im herkömmlichen Sinne. Deshalb ist mein Doktorvater am CCMRA. Dort sind vor allem Ingenieure und Mathematiker, die sich mit Musikästhetik beschäftigen. Ich oszilliere zwischen beiden Feldern.

Wie wirken sich diese Gegensätze auf Ihre Musik aus?
Alles auf Movement wurde vor meinem Studienbeginn dort geschrieben. Jetzt muss ich einige Prüfungen bestehen, um weitermachen zu können, und büffle deshalb sehr viel. Was ich dort lerne, beeinflusst aber sicherlich auch meine Kunst. Gerade arbeite ich an einer Single, die wahrscheinlich Teil einer unabhängigen Studie wird, die ich derzeit mit einem Professor mache. Für die Uni ist das aber auch alles neu. Am CCRMA sind alle total offen und unglaublich verrückt, das Music Department ist eher konservativ. Eine Beat-basierte Single sorgt dort noch immer für Stirnrunzeln. Da wirken immer ganz wechselnde Kräfte.

Dieser Traditionalismus dürfte Ihnen vom Mills College bekannt vorkommen.
Mills würde ich nicht traditionell nennen. Es war ebenfalls gemischt. Doch de Akademiker haben überall diesen Tick mit dem Beat. Sobald etwas einen Beat hat, gilt es für sie nicht mehr als akademisch. Das ist natürlich absurd. Am Mills konnte ich deshalb nicht an so etwas arbeiten, das geschah alles außerhalb des Studium. Viele dort sind progressiv, aber eben progressiv auf dem Stand von 1970. John Cage ist heute nicht mehr der Stand der Zeit.

Sind Sie eigentlich froh, jetzt keine Klamotten mit Leopardenmuster tragen zu müssen wie dereinst bei Electrocute, jener Band, der Sie in Ihrer Berliner Zeit angehörten?
Oh Gott, wo haben Sie diese Bilder denn gefunden? Es war eine gute Zeit, aber ich vermisse sie nicht. Man entwickelt sich mit jedem Jahr weiter, lernt so viel dazu. Ich hoffe, das setzt sich so fort und ich kann auch in zwei Jahren über heute denken: Du warst damals so dumm und hast nichts gewusst.

2007 und 2008 haben Sie dann die Kurse der Sängerin und Lehrenden für Jazzgesang und freie Improvisation, Lauren Newton, an der UdK besucht.
Ich war auf der Suche nach einer ganz anderen, neuen Welt. Lauren Newton hat sie für mich geöffnet. Damals habe ich Kontrabass gespielt, was komplett verrückt war. Ich versuchte Ernste Musik zu machen und schleppte dieses schwere Ding mehrmals pro Woche durch die halbe Stadt zum Haus meines russischen Lehrers, damit er mich anschrie, wie schlecht ich doch sei. Wahrscheinlich habe ich aber genau das gebraucht, um etwas Neues anzufangen.

Was war Ihre Schlüsselerfahrung mit Newton?
Es ging nicht um meine eigene Stimme, sondern eher um den Zugang zur Musik, um das Improvisieren, was ich vorher nie gemacht hatte. Newton zwang dich, aus dem Stand heraus zu performen. Das mache ich heute zwar nicht, aber im Studio hilft es mir ungemein, diese Offenheit, herumzuspielen, deine Sounds überall zu finden und nicht akkurat sein zu wollen.

Tragen Sie immer ein Aufnahmegerät bei sich?
Ich habe immer meinen Computer dabei. Das ist eine persönliche Beziehung zu einer Maschine, deren Ausdruck ich momentan stärker erkunden will. Etwa durch das Abgreifen von Informationen aus meinen E-mails und meinen Daten.

Dabei kommen zwei Ebenen zum Tragen. Schließlich arbeiten Sie neben musikalischen Abstraktionen Ihrer Daten auch mit elektromagnetischen Aufnahmen der Rechenprozesse eines Computers.
Diese würden tatsächlich bei jedem Gerät anders klingen.

Unsere E-mail-Postfächer allerdings auch.
Sicherlich. Derzeit gibt es eine App, die, anscheinend anhand einer Stichwortsuche, zu jeder Webseite die passende Musik findet. Das halte ich für eine gute, wenngleich für mich nicht brauchbare Idee. Es ist immer schwierig, Daten als Musik abzubilden. Oftmals wird etwa auf Ambient Music zurückgegriffen, weil es keine direkte mentale Verbindung gibt. Letztendlich fällt jeder andere Ansatz doch wieder auf die Sprache zurück. Auf Worte wie Liebe oder Tod.

Die Semantik der Ausgabe ist allerdings schon die fast höchste Form der Abstraktion der ursprünglichen Daten. Liegt hier Ihr künstlerischer Zugriff, indem Sie über Ihre Ebene und Form der Re-Abstrahierung von Post Data entscheiden?
Diese Vision gibt es immer. Sobald man etwas macht, interveniert man und die eigene Kreativität kommt zur Geltung. Selbst im Surrealismus, wo man sich vom eigenen System lösen wollte, waren die eigenen Entscheidungen und Emotionen prägend. Ich glaube, es geht nicht ohne.

Warum haben Sie bislang nie Ihren Laptop als Instrument jemand anderen zur Verfügung gestellt, oder auf einem anderen musiziert?
Darüber habe ich nie nachgedacht. Und wahrscheinlich will auch niemand diese riesige Software- und Datenladung von mir auf seinen Laptop spielen. Aber ich habe meinem Partner meinen alten Computer gegeben. Das war ein komisches Gefühl, weil darauf jede Menge Samples und von mir geschriebene Patches waren, die er nun bisweilen in seiner Musik verwendet. Das ist natürlich in Ordnung, schließlich sind die alle sehr abstrakt und wir teilen ohnehin sehr viel, aber es ist komisch, dann meine eigene Stimme zu hören.

Sie könnten auch mehrere Computer in Reihe schalten, wie etwa andere Musiker ihre Instrumente.
Das mache ich gewisser Weise schon mit meinen Patches. In Max/MSP schreibe ich meine eigenen Instrumente, die ich kombiniere. Und eine Gitarre kann man nicht mit einem Computer vergleichen.

Dennoch sehen Sie letzteres als Ihr Instrument.
Natürlich. Das führte in Stanford zu einer lustigen Situation. Am Music Department gibt es Schließfächer für die Instrumente. Als ich eines beantragen wollte, fragte mich die Verwalterin, was denn mein Instrument sei. Mein Laptop, erwiderte ich. »Nein, nein. Es muss ein Instrument sein.« Am Ende habe ich mich durchgesetzt. Die meisten Leute sind sehr offen und Laptops werden schon seit langem so genutzt.

Allerdings meist mit bereits fertiger Software.
Ich glaube, das wird sich durch Max for Live bald ändern, denn dadurch wird es viel intuitiver und einfacher, sich sein eigenes Instrument zu schreiben.

Am 20. Mai erscheint bei Public Information Interpretations on F.C. Judd, eine auf dem Archiv des Pioniers der elektronischen Musik in Großbritannien, Frederick Charles Judd, basierende Kompilation mit Stücken von u.a. Perc und Karen Gwyer. Holly Herndon hat dafür das Stück »Control Sample« beigetragen. Demnächst soll eine neue Single von ihr erscheinen. Für das Frühjahr 2014 plant sie ein weiteres Album. Für das heutige Konzert gibt es noch Karten an der Abendkasse.

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