Holly Herndon – Atome = Bits

Deine Daten sind mein Schatz: Holly Herndon hat mit Platform eines der innovativsten Alben dieses Jahres vorgelegt. Ihre Mensch-Computer-Schmelze ist heute live im Berliner Berghain zu erleben – dazu ein Feature aus SPEX N° 361.

»Sorry, heute ohne Video«, sagt die Stimme am anderen Ende der Skype-Leitung. Etwa, weil die Laptop-Kamera vorsorglich mit Gaffertape überklebt wurde? Holly Herndon wäre das zuzutrauen. »I know that you know me better than I know me«, klagt sie in einem Track namens »Home« ihren allwissenden Computer an. »Ja, manchmal überklebe ich die Linse«, gesteht die Musikerin lachend. »Ich vertraue meinem Laptop nicht.« Irgendwie lustig: Eine Künstlerin misstraut ihrem wichtigsten Werkzeug. Als würde ein Tischler seinen Hobel über Nacht festbinden, damit der ihn nicht im Schlaf erschlägt.

Herndon hat elektronische Musik am renommierten Mills College in Oakland, Kalifornien studiert, hier wurden auch Steve Reich und Joanna Newsom ausgebildet. Auf ihrem dritten Album Platform durchsticht sie tiefe, pulsierende Beats mit Schluckaufsamples. Herndon macht das mal lustvoll, wie andere Knallfolie zerdrücken, mal intuitiv und ruckartig. Die Samples schneidet sie oft aus Vocals, die sie bei Auftritten live einsingt. Ihrem Laptop bedeutet sie dann mit wischenden Gesten, ob die Stimme tiefer sacken, höher schnellen oder den Tonfall wechseln soll.

In dieser Konfrontation von Mensch mit Maschine erkennt Herndon keinen Widerspruch. Eher sieht sie den Laptop als ganz natürliche Erweiterung ihres Körpers. Technik ist kein Bedienelement wie das Mischpult eines DJ, sondern ein menschliches Add-on, das uns umhüllt, sobald wir uns damit verbinden. »Je weiter wir unsere Identität in virtuelle Welten verlagern«, sagt Herndon, »desto mehr werden diese Welten ein Teil von uns.« Für den schweizerischen Internetzeitalter-Philosophen Hannes Grassegger vertonte sie dessen These der digitalen Leibeigenschaft als liebeslyrisch-choralischen Minnesang. »Deine Daten sind mein Schatz«, haucht das Internet den User an, bis am Ende die vermählende Gleichung steht: Atome = Bits.

Doch Herndon glaubt nicht nur an das Gute im Laptop. »Gerade weil er ein Teil von uns ist, enthält er auch unsere dunklen Seiten«, sagt sie. Hier wird klar, was ihre schneidenden Samplefetzen bedeuten. Sie stehen für den materialisierten Geist, dem Herndon ihre Stimme ausliefert, damit diese sich abscheulich verzerrt durch alle Ebenen ihres Schaffens ziehen kann: Artwork, Videos, Musik, Liveshows. Als Schockbilder legt Herndon Klone, Cyborgs und roboterhafte Morphs hinter ihre Musik – die unheimlichen Folgen technischer Manipulation. »Virtualisieren kann tödlich sein«, würde auf einer Schachtel Holly-Herndon-Zigaretten stehen. Die große digitale Vereinnahmung könnte irgendwann auch unseren Körper überwältigen.

Dann lacht Herndon wieder. Weil die Webcam auf der anderen Atlantikseite die ganze Zeit unbemerkt mitlief. »Das meine ich mit Platform«, sagt sie. »Leute kommunizieren über eine Bühne, was unglaublich schön sein kann. Oder eben verstörend, weil sie sich gar nicht bewusst sind, was sie gerade preisgeben.«

Dieser Text und viele weitere Features aus dem Popkultur-Kosmos sind in der Printausgabe SPEX N° 361 erschienen, die versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden kann.

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