Hollie Cook „Vessel Of Love“ / Review

Es ist erstaunlich, wie zeitreisenhaft ungebrochen Vessel Of Love von Hollie Cook, der Tochter des Sex-Pistols-Drummers, an die Sommerhits der großen Lover’s-Rock-Jahre anschließen – inklusive Posaunen- und Melodica-Einsprengseln.

1977. Während im Vereinigten Königreich die Sex Pistols mit ihrem Debütalbum die britische Spielart des jungen Genres Punkrock definieren, legt in den USA zum ersten Mal das Love Boat ab. Die Weichzeichner-satte Serienidylle lieferte unter anderem das Vorbild für das BRD-Traumschiff und formulierte einen offen und schamlos eskapistischen Gegenentwurf zum sich vorsichtig realistischer ausprobierenden übermächtigen Crime-Serienformat. 40 Jahre später legt nun Hollie Cook, Tochter des Sex-Pistols-Drummers Paul Cook, mit einer Vessel Of Love ab.

Was wurde eigentlich aus Lover’s Rock?

Neulich gerade gedacht: Was wurde eigentlich aus Lover’s Rock? Jener soulig-sentimentalen ur-britischen Reggae-Variante, die fern von Ganja-Wolken, Rasta-Ideologie und Ghetto-Wirklichkeit sogar im europäischen Mainstream-Pop-Radio der Siebzigerjahre hin und wieder spielbar war? Einfach aus der Mode gekommen? Von anderen Genres aufgesogen?

Es ist erstaunlich, wie Zeitreise-haft ungebrochen die Songs der 1986 geborenen Cook an die Sommerhits der großen Lover’s-Rock-Jahre anschließen, inklusive Posaunen- und Melodica-Einsprengseln, als hätten Don Drummond und Augustus Pablo mal eben im Studio vorbeigeschaut. Vessel Of Love ist bereits ihr drittes Album, und bisherige Produktionen brachten Cook vor allem Vergleiche mit Lily Allen ein. Aber der quicke Witz, die Ironie und das dreckige Lachen von Allen gehen ihr ab. Auch der Umgang mit dem historischen Material ist ein grundsätzlich anderer: Allen sampelte und zitierte – mit dem für alle erkennbaren Abstand der Zitierenden. Cook empfindet den alten Sound nach, nicht nostalgisch, nicht streng Diggers-kompatibel, eher radiofreundlich gegenwärtig, konzeptuell etwas nachlässig (aber man wird doch wohl mal fragen dürfen). Besonders ambitioniert ist das nicht und dass sie vor ihrer Solokarriere zur letzten Besetzung der Slits gehörte, merkt man Vessel Of Love auch nicht an. Aber „Far From Me“, „Together“ und vor allem „Survive“ hätten das Zeug zum anständigen Sommerhit. Falls es das noch gibt.

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