Holden

HoldenDann war da dieser Klang. Mit den ersten Stücken auf Holdens »Chevrotine« ging es mir wie beim ersten Mal – beim ersten Mal Drum’n’Bass hören, Aphex Twin, Basic Channel, Dubstep. Oder auch Stereolab, Dominique A., Broadcast. Alles, was wichtig ist; was einer Existenz ihren Sinn zu geben vermag, für Wochen und Monate. Holden gehörten gleich dazu. Ihr Sound ist ein Ereignis. Er breitet sich in langen Wellen aus, und dafür bedarf es keiner neubürgerlichen 10.000-Euro-Anlage. Es ist ein Band-Sound ebenso, wie es gemixte Musik ist – im weitesten Sinne Dub, also konsolengesteuerte Musik. »Chevrotine« stellt – der Soundtrack zu einer französischen Kinoproduktion nicht mit inbegriffen – das dritte Album jener Gruppe dar, deren Kern aus dem Paar Mocke und Armelle Pioline besteht.

    Er Gitarrist, sie Sängerin, gemeinsam erarbeiten sie sich ihre Songs in Text und Ton. Ihr Entwurf liebt das Prinzip der langsamen, aber stoischen Expansion, und auch die Personen Mocke und Armelle sind ständig in der Welt unterwegs. Während einer Zeit Ende der neunziger Jahre in Dublin schrieben sie gemeinsam ihre ersten Songs. Als sie um die Jahrtausendwende nach Paris zurückkehrten, da gründeten sie ein Quintett, mit dem sie ihr erstes Album »L‘ arrière Monde« aufnahmen und es bei Lithium und damit ungefähr dem What’s So Funny About der französischen Schule rausbrachten. Leider verblich 2004 diese Firma, die mit Dominique A. groß wurde. Hierzulande erschienen Holden zum ersten mal auf »Le Pop 2«, der 2003 veröffentlichten, zweiten Compilation des Kölner Labels Le Pop.

    Der Zusammenhang in dem Holden stehen, scheint zunächst also eindeutig: Wie kaum ein anderes Label in Deutschland hat sich Le Pop auf einen fest umrissenen Stil festgelegt, den der »Nouvelle Scène Française«. Seit der ersten Veröffentlichung, der Compilation »Le Pop«, haben sich die beiden Kölner Oliver Fröschke und Rolf Witteler zurecht zu Instanzen in Sachen französischer Musik empor geschwungen. Sie waren es, die maßgebliche Leute aus der »neuen Szene« mit ihrem Sound irgendwo in der Lücke zwischen US-amerikanischem Singer / Songwriting, internationalem Indiepop und nicht zuletzt der Tradition des Chanson in jene Region transportierten, die in der Musikindustrie GSA heißt – Germany, Switzerland, Austria.

    Doch wo bei so grandiosen Stimmen wie Dominique A., Françoiz Breut oder Vincent Delerm immer das Lied im Vordergrund steht und deshalb auf der Bühne wie auch in der Studioproduktion alles auf die möglichst unverfälschte Vermittlung des im Lied Erzählten hinausläuft, machen es Holden ganz anders. Dem Sound an sich und der Ambience kommt in ihren Liedern eine viel stärkere Bedeutung zu, als das unter den anderen Le Poppies der Fall ist; nein, Sound und Ambience sind es gar, die Holden ausmachen. Das äußert sich laut Armelle auch in der Arbeitsweise: »Alles gehört zusammen. Wir schreiben die Texte, während wir komponieren. In der Entwicklung der Musik spielen wir uns die Bälle gegenseitig zu, wobei die Melodie das Wichtigste für uns ist.«

    Und wie bereits erwähnt, geht bei Holden im Grunde ähnlich wie im Dub oder bei Postrock-Gruppen die Idee des kollektiven Zusammespielens mit der des Mix‘ zusammen. Da haben sie sich schon für ihre zweite Platte einen Guten ausgesucht, und der durfte nun auch für das aktuelle Album »Chevrotine« wieder ran. »Wir wollten keinen klassischen Rockproduzenten«, bekräftigt Mocke. »Wir haben nach einem Soundkünstler Ausschau gehalten, der ein gutes Händchen für Klänge hat. So sind wir auf die Idee gekommen, Atom Heart zu fragen. Ohne wirklich an eine Zusage von seiner Seite zu glauben, haben wir ihm ein Demo geschickt. Zu unserer Überraschung rief er uns aber an und sagte: ›Ich habe große Lust, mit Euch zu arbeiten‹«.

    Gerade »Chevrotine« ist dieses Wollen in jedem Verklingen eines Saitenschlages anzuhören. Die Platte klingt elegant, schafft viel Raum für die Töne, und ist gehalten in metallenen Klangfarben. Jahre nach der Hochzeit der Achse PramBroadcastStereolab gelingt es Holden auf der anderen Seite des Kanals, mitsamt Atom Heart diesen Sound der unbeendeten Sympathien zu erneuern.

»Chevrotine« von Holden ist bereits erschienen (Le Pop Musik / Groove Attack). Ihre Deutschland-Tour beginnt am 07. September, die genauen Daten finden sich hier.

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