Holden Chevrotine

Das Ende der ersten Textzeile ist ihr noch nicht auf der Zunge zerschmolzen, schon fühlt man sich bei Armelle Pioline’s Gesang unweigerlich an Francoise Hardy erinnert, so haucht und seufzt und raunt sie in »Ce que je suis« und »Charlie, Rosie et moi« jedes einzelne Wort. Der melodische Klang der französischen Sprache ist dafür natürlich wie gemacht, ebenso wie die melancholisch-verträumte, bis düster-morbide Hintergrundkulisse. Der Griff in die Schublade des »Nouveau Chanson« liegt da zunächst nahe. Doch das dritte Album »Chevrotine« der Pariser Szenelieblinge Holden will sich darauf nicht beschränken lassen. Schon das dritte Stück »Madrid« sorgt mit Bossanova-Rhythmus und Spaghetti-Western-Gitarre für exotische Abwechslung.
    Die Band um das Songwriter-Duo Pioline und Mocke, setzt damit in die Tat um, was sie sich 1998 auf die Tricolore geschrieben hat, seit sie damals bei dem bekannten Pariser Independent-Label Lithium Records (Francoiz Breut, Dominique A., Jérôme Mimière) debütierten: Etwas schaffen, das typisch französisch, aber nicht typisch für das Chanson ist. Dort anzusetzen, wo Chanson aufhört und dennoch zu Vorbildern wie Edith Piaf, Boris Vian oder Serge Gainsbourg aufblicken zu können (oder mit ihnen ein Duett anzustimmen, wie mit Jean-Louis Murat in »L’orage«).
    Ganz allein steht die Band, die sich nach der Hauptfigur von J.D. Salingers »Fänger im Roggen« benannt hat, mit diesem Ansatz nicht da: Auch andere Gruppen aus der sogenannten »Nouvelle Scène« wie Vincent Delerm, Jeanne Cherhal oder Albin de la Simone arbeiten mit ähnlichen Mustern. Holden können jedoch als die Speerspitze dieser Avantgarde-Bewegung bezeichnet werden. Um dem gerecht zu werden, führte der Weg das Quintett wie schon beim zweiten Album nach Santiago de Chile. Produziert und abgemischt hat »Chevrotine« Uwe Schmidt alias Atom™ alias Señor  Coconut, der schon mal Kraftwerk im Cha-Cha-Cha-Stil interpretiert. In keinem Stück ist sein Einfluss so unüberhörbar wie in »Madrid«, das auch auf dem neuen »Le Pop 4«-Sampler zu finden ist. Südamerikanisches Flair verspürt nur noch der letzte Track, ansonsten bietet das Album klassischen Indiepop (»Sur le pavé«), gediegenen Low-Fi à la Yo La Tengo (»Quelque chose en moi«) und experimentell-elektronische Downtempo-Nummern (»L’essentiel«). Doch was alles zusammenhält ist und bleibt: Die Liebe zum Chanson.

LABEL: Le Pop Musik

VERTRIEB: Groove Attack

VÖ: 27.04.2007

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .