Hochprozentiges in Trichtern

Mit seinem Film »W.«, dem Portrait des soeben abgelösten US-Präsidenten George W. Bush, stieg Regisseur Oliver Stone im Oktober 2008 in den Wahlkampf ein. Ralf Krämer über ein satirisches Biopic, das einen wohlfeilen Rückzug aus der Geschichte erlaubt.

George W Bush Oliver Stone

So nah an der Tagespolitik wie in »W.« war Oliver Stone noch nie. Dabei liefert Josh Brolin ein erstaunlich rundes Gesamtbild typischer Bush-Gesten und Manierismen, ohne je zu karikieren. Am Freitag, den 23. Januar ist »W.« auf ProSieben zu sehen.

(Still: © Lions Gate Entertainment)

Oliver Stones Kino war noch nie eine besondere intellektuelle Herausforderung, aber es sorgte stets für sehr unmittelbare, dramatische Erlebnisse. Stone beschreibt getriebene Männer weniger anhand ihrer Handlungen, sondern interpretiert sie psychologisch. Auf seiner filmischen Couch brachte er so zum Beispiel »Nixon«, »Alexander« oder »Comandante« Fidel Castro zum reden; und – in der Reihe großer Persönlichkeiten nicht zu vergessen – den eigenen Vater, dessen Karriere »Wall Street« inspirierte und Stones eigene ebenso. Oliver Stones Vietnamerfahrungen gingen in »Platoon« ein.

    So nah an der Tagespolitik, wie in »W.« war Stone freilich noch nie, was sowohl den Reiz, als auch die Problematik seiner Ambition ausmacht, den mittlerweile aus dem Amt geschiedenen US-Präsidenten George W. Bush mit einem Biopic zu würdigen. Es beginnt und endet mit einem melancholischen Bild: W. steht in einem Baseball-Stadion, probt Siegerposen, hört Beifallsstürme, die nicht von den Rängen stammen. Sie sind menschenleer. Er ist ein verlorener Mann, allein in seinem Kopf, der am Ende erfolglos einem Ball hinterher rennt und weder er, noch die Zuschauer werden je erfahren, ob er sich den Abschlag nur eingebildet hat, oder ob er einfach nicht gut genug war, den Ball zu fangen. Nicht anders reagieren Hunde, deren Instinkte allein von einer Stöckchen werfende Geste ihres Herrchens geweckt werden, die sich so über die vermeintliche Aufforderung zur Apportierung freuen, dass Ratio und Realitätswahrnehmung für sie nachrangig werden.

Zügig gedreht und kurz vor den Wahlen in den USA in den Kinos gestartet war »W.« als Beitrag zum laufenden Wahlkampf gedacht. Im Ergebnis aber, erlaubt dieses pointierte Vater-Sohn-Drama vor allem einen wohlfeilen Rückzug aus der Geschichte.

VIDEO: W. (Trailer)

    Eingebettet in dieses metaphorische Bild sind zwei Stunden persönliche Geschichte und Weltgeschichte, klassisch dramatisiert in drei Akten. In den nutzlosen Jahren verweigert sich W. (Josh Brolin liefert ein erstaunlich rundes Gesamtbild typischer Bush-Gesten und Manierismen, ohne je zu karikieren) dem Erwartungsdruck der Bush-Dynastie mit Saufgelagen, Zockerrunden und blonden Barbekanntschaften. Einen bizarren Link in die Zukunft setzen dabei Studenten-Rituale, die auch Oliver Stone bekannt sein dürften, er war ein Jahr lang Kommilitone von W. an der Yale University. Da werden unter dem Druck anpeitschender White-Trash-Elite-Bubis Eimer geleert, Hochprozentiges wird mit Trichtern eingeflöstWaterboarding nach Ballermannart zelebriert. Jahre später soll sich W. daran erinnern, als ihm Dick Cheney (ein shakespearscher Einflüsterer: Richard Dreyfuss) Verfügungen zu Sonderbehandlungen von Terrorverdächtigen zur Unterschrift vorlegt. »Schlafentzug? Simuliertes Ertränken? Erinnert mich an meine Studentenzeit« lacht W. hemdsärmelig, nicht ohne die Quadratur des Kreises nachzulegen: »Aber denkt daran, es gibt keine Folter in den USA!« Eine idiotische Dialektik, die, so suggeriert Stone, für den arglosen W. Sinn ergab und für seinen Stab nicht mehr als ein Mittel zum Zweck war.

    Der zweite Akt, der politische Aufstieg, beginnt mit einem Anruf von George Bush Sen. (James Cromwell). Er schenkt seinem ältesten Sohn und Problemkind zum 40. Geburtstag den Sinn des Lebens, holt ihn in sein Wahlkampfteam mit der schönen Begründung, dass der eigentliche Lieblingssohn Jeb dafür gerade keine Zeit habe. Der Zweifel, das muss W. auch bei wachsendem Erfolg erkennen, den sein Vater an ihm hat, wird stetig weiter nagen. Da hilft nur die Unterwerfung unter einen selbstgewählten Adoptivvater, ausgelöst von einem angemessen pathosfreien Erweckungserlebnis: Mit einer gehörigen Portion Restalkohol in den Adern absolviert W. sein morgendliches Jogging-Pensum, bis er im lichtdurchfluteten Laubwald zu Boden geht. W. verwechselt seine Kreislaufschwäche mit einem Ruf des Heiligen Geistes. Als wiedergeborener Christ muss er sich fortan nicht mehr vor seinem leiblichen Vater rechtfertigen.

Oliver Stone W. Irak Panzer

Vom Yale College über das texanische Senatoren-Amt bis in die irakische Wüste – Oliver Stones »W.« versucht sich an der Abbildung des Lebens eines missratenen, mindestens aber ›missverstandenen‹ Sohnes.

(Still: © Lions Gate Entertainment)

    Diese Verantwortungsverlagerung trägt ihn bis zum Sturz von Saddam Husseins Statue in Bagdad. Doch auch dieser größte Knochen, den das unerzogene Hündchen seinen Herrchen jemals vorgelegt hat, wird nicht mit einem ›Good Dog!‹ quittiert. Als offenkundig wird, dass keine Massenvernichtungswaffen im Irak zu finden sind, versteht W. die Welt nicht mehr. Im Moment seiner größten Verunsicherung wird er auf sich selbst zurückgeworfen, auf seine alte Rolle als Cowboy, der weder die Regeln der Diplomatie noch der wasserdichten Rhetorik verinnerlichen konnte. Er steht im Duell seinem Vater gegenüber, der ihn mit erhobenen Fäusten zum Kampf Mann gegen Mann auffordert und den winselnden Präsidenten verhöhnt: »Du hast immer noch Angst vor mir«. Und »Du hast es versaut. Du hast unseren Namen versaut«.  Er meint nicht den Namen seines Landes, nur seinen eigenen Familiennamen. Für George Bush Sen. war der missratene Sohn, der laut deutschem Verleihtitel ja nur ein ›missverstandener‹ Sohn ist, weniger eine weltpolitischen Bedrohung, sondern nur der Totengräber der eigenen monarchistischen Machtphantasien.

    Zügig gedreht und kurz vor den Wahlen in den USA in den Kinos gestartet (wo er immerhin seine Produktionskosten von 25 Millionen Dollar wieder einspielte) war »W.« als Beitrag zum laufenden Wahlkampf gedacht. Im Ergebnis aber, erlaubt dieses pointierte Vater-Sohn-Drama vor allem einen wohlfeilen Rückzug aus der Geschichte. Von verfehlter Politik ist hier letztlich nie die Rede, nur von einer tragischen Fehlbesetzung, von einem ›Cowboy without a cause‹. Diese Versöhnungsgeste mag in sich schlüssig und unter dem Maßstab eines rein privaten Tunnelblicks möglicherweise gerecht sein. Verdient hat sie George W. und das hinter ihm stehende System in keiner Weise.


»W. – Ein missverstandenes Leben« ist soeben auf DVD und Blu-Ray-Disc erschienen (Ascot-Elite), die deutsche Synchronfassung wird am Freitag, den 23. Januar um 22.45 Uhr auf ProSieben gezeigt.

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