»Hinter den Kulissen hat Deutschland nichts zu melden«: Haftbefehl vs. Koljah (Antilopen Gang)

Fotos: Christoph Mack

An ihm ist kein Vorbeikommen – Hafti, Hafti überall. Der Offenbacher hat den Gangstarap unfreiwillig feuilletonfähig gemacht und kurvte gestern mit Stand-Up-Comedian Oliver Polak im Dienste der Völkerverständigung für das arte-Format Durch die Nacht mit durch seine Heimatstadt. Baba Haft ist gern in guter Gesellschaft unterwegs. Für die aktuelle SPEX °356 traf er sich zum Schnack mit Rap-Kollege Koljah von der Antilopen Gang auf dem Universal-Dach in Berlin.

Auch wenn Rap bisweilen zwischen behüteten Teenagerträumen, pubertären Allmachtfantasien und harten Straßengeschichten hin und her zu delirieren scheint, handelt es sich bei HipHop doch um das derzeit einzige Genre mit Breitenwirkung, in dem gesellschaftliche Themen verhandelt werden. Nicht zuletzt deshalb haben wir Baba Haft und Koljah von der Antilopen Gang zusammen geführt. Zwei Rapper, die im gesellschaftlichen Diskurs stehen, auch wenn dies beim Mann aus Offenbach meist ungewollt passiert. Ein Gespräch über Verschwörungstheorien, religiösen Radikalismus und Deutschland.

Ihr beschäftigt euch beide auf eine gewisse Art mit Deutschland. wie fühlt ihr euch diesem Land gegenüber?
Haftbefehl: Fang du an, du bist doch Deutscher.
Koljah: Auf dem Album sind wir ja eher kritisch gegenüber Deutschland.

Ihr sagt zum Beispiel in dem Song »Anti Alles Aktion« den Satz: »Ihr seid 80 Millionen, die man abschlachten muss«.
H: Das ist eine krasse Aussage, die ich nie von mir geben würde. Weil zu den 80 Millionen ja auch meine Mutter gehört.
K: Meine ja auch.
H: Du willst deine eigene Mutter abschlachten?
K: Nein, natürlich nicht. Das ist metaphorisch gemeint. Für mich ist Deutschland erstmal das Land, das ich mit dem Holocaust verbinde – und die Bundesrepublik ist das Land, das nach dem Holocaust wieder aufgebaut wurde, mit den ganzen Nazis in Führungspositionen. Mittlerweile ist Deutschland wieder eine große Macht, aber wenn ich sage, ihr seid 80 Millionen, die man abschlachten muss, dann gilt das vor allem für Nazis und sonstige Arschlöcher.
H: Was meinst du mit Macht? Meinst du jetzt, dass Deutschland wirtschaftliche Macht hat oder militärische?
K: Auf jeden Fall ist Deutschland eine wirtschaftliche Macht, und militärisch kann Deutschland, wenn es drauf ankommt, sicherlich auch wieder mächtig werden.
H: Deutschland kann gar nichts machen, wenn Amerika nicht ja sagt. Amerika ist ’ne Macht. Deutschland nicht.
K: Die Deutschen haben auf jeden Fall Interesse daran, sich als Gegenmacht gegenüber Amerika zu etablieren.
H: Wo denn? Im Fernsehen, bei RTL vielleicht. Also ich denke, hinter den Kulissen hat Deutschland nichts zu melden. Deutschland ist auch nicht in der Position, Amerika zu sagen: »Fickt Euch, wir sind deutsch«. Deutschland geht immer mehr auf Amerika zu und wird immer amerikanischer. Aber das kann man natürlich auch anders sehen, wie die Hipster in Berlin, die dagegen ein bisschen rebellieren.
K: Ich denke es gibt hier auch jede Menge Antiamerikanismus, Leute, die sagen: Wir wollen unsere Deutsche Kultur. Wir wollen nicht, dass alles amerikanisiert wird.
H: Dann gibt’s halt einmal im Jahr das Oktoberfest. Als Werbeplakat, das für die Deutschen rausgegeben wird. Trotzdem wurde Merkel abgehört und es wurde offiziell im Fernsehen darüber berichtet und Obama hat sich nicht dafür entschuldigt.

Also wenn ich da mal kurz einhaken darf. Ich glaube, da geht es weniger um Amerikanisierung als um eine universelle Wirtschaftsordnung. Dass Deutschland nicht unbedingt immer amerikanischer wird, sondern sich eher dieser globalen Wirtschaftsordnung unterwirft. Das tut allerdings mehr oder weniger die ganze Welt. Aber lass uns zurück zur eigentlichen Fragestellung kommen. Wie siehst du denn Deutschland, fühlst du dich hier fremd?
H: Nein. Es gab auf jeden Fall Situationen, in denen ich als Ausländer anders behandelt wurde und mit der Staatsgewalt in Konflikt geraten bin. Situationen, in denen ich auch von Polizisten in die Fresse bekommen hab und Polizisten meinen Schädel mit dem Knie auf den Bordstein gedrückt haben und eine halbe Stunde auf meinem Nacken lagen. Aber nein, ich fühle mich nicht fremd in Deutschland. Wie sollte ich auch? Ich habe dieses Jahr 100.000 Euro Steuern gezahlt. Es gibt Länder, in denen man als Ausländer ekelhafter behandelt wird. Ich fühl mich hier wohl, bin hier geboren, habe einen deutschen Pass.

Kannst du das verstehen, dass viele Deutsche so deutschlandkritisch sind?
H: Irgendwie schon. (Zu Koljah:) Befasst du dich mit den Gesetzen oder hast du einfach Bock auszuteilen und den deutschen Staat zu beleidigen? Ich mein, das gibt’s ja auch. Du bist ja Deutscher, du darfst das. Wenn ich so was machen würde, würde ich auf jeden Fall doppelt so viel Kritik einfahren.
K: Ich glaube, wir kriegen schon auch Ärger. Ich interessiere mich eben für politische Themen
H: Was hast du denn an Deutschland auszusetzen? Was fuckt dich ab?
K: Verschiedene Sachen. Zum Beispiel fuckt mich die Flüchtlingspolitik ab. Flüchtlinge, die kein Bleiberecht bekommen und illegal hier leben müssen oder gleich an den Grenzen abgewiesen werden. Rassismus fuckt mich ab.
H: Das hast du nicht nur in Deutschland. Das hast du überall.
K: Ja, aber ich bin halt in Deutschland, deshalb rede ich auch über Deutschland.
H: Ja klar, über die Flüchtlingspolitik der Türkei zu rappen, wäre nicht so logisch.
K: Könntest du ja sehr gut machen.
H: Ich denke, die Türken kriegen das sehr gut hin zurzeit. Hinter dem, was da gerade abgeht im gesamten Mittleren und Nahen Osten, steckt eine ganz andere Politik. Ich habe da durchaus eine ganz eigene Meinung, will aber nicht zu sehr in die Materie einsteigen.

Warum kann man darüber nicht reden?
H: Weil ich da irgendwelche Gehirne waschen könnte, wenn jüngere Fans von mir das aufschnappen und ihre Sicht des Lebens komplett ändern wegen meiner Aussage. Aber vielleicht ist es ja gar nicht richtig, was ich sage, deshalb behalte ich meine Meinung lieber für mich.

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Nun gibt es ja gerade im Internet mehr als genug Menschen, die ihre Meinung kundtun und Gehirne waschen. Das Internet ist voll mit Verschwörungstheorien. Wie geht ihr damit um?
H: Dicker, lass mal. Ich habe mich selber sehr lange mit dem Thema befasst und kann sagen: Es bringt einen nur durcheinander. Vor allem für Jugendliche, die dann in Kreisen sind, die darüber reden und dazu kiffen. Wenn man kifft, wird das alles noch schlimmer. Da sind auch schon einige drauf hängen geblieben, die ich privat kenne. Die mussten in Therapie gehen und in die Klapse.
K: Diese ganzen Verschwörungstheorien sind bullshit! Als ich 14 war, war ich auch auf dem Illuminatentrip. Ich habe viel gekifft und gedacht, dass ein Geheimbund die Welt regiert. Irgendwann habe ich aber verstanden, dass es in Wirklichkeit gar nicht so kompliziert ist. Der Kapitalismus ist ein System, das die Menschen selbst erschaffen haben. Es gibt kein geheimes Zimmer, in dem die Chefs der Welt sitzen.
H: Doch, es gibt die Bilderberger Gruppe.
K: Das ist ein Interessensverband. Die regieren aber nicht die Welt.

Dass Absprachen getroffen werden zwischen Leuten, die was zu sagen haben, dürfte ja jedem klar sein. Aber das ist in jeder Gesellschaftsschicht und in jedem Business so.
H: Klar, das gibt es auch bei den Dönerlieferanten. Die rufen sich bestimmt auch untereinander an, wenn sie das Fleisch zwei Euro teurer machen wollen.
K: Aber es gibt eben keinen Chef der Welt, der sagt, was in welchem Moment zu passieren hat. Dieses ganze Geheimbundzeugs gibt es deshalb, weil man die Logik des Systems nicht richtig durchschauen kann. Die Menschheit hat dieses System aufgebaut und jeder funktioniert darin. Weil das aber alles ziemlich komplex ist, ist es für viele einfacher, sich vorzustellen, dass da ein paar Leute im Hinterzimmer sitzen und die Entscheidungen treffen.
H: Am Ende des Tages geht es nur um Para.

Am Ende des Tages geht es um Geld. Darum geht es ja auch auf deinem Album. Oft habe ich den Eindruck, dass du Geld mit dem Teufel gleichsetzt.
H: Ja, ich denke, Geld ist das Werkzeug des Teufels, das Menschen zu bösen Taten animiert. Taten, die sie, wenn es kein Geld geben würde, nicht begehen würden. Ein Bruder verrät einen Bruder des Geldes wegen.
K: Ich denke, Geld ist nur ein Tauschmittel. Das Problem ist eigentlich die Verwertung. Es geht nur um Profit. Du musst deine Arbeitskraft verkaufen. Du musst Geld machen, um zu leben. (Zu Haftbefehl:) Du bist nicht bei Universal, weil die deine Musik so geil finden, sondern weil die mit dir Kohle machen. Alles andere ist scheißegal, und ich würde sagen, das ist das eigentliche Problem. Wenn man sagt, Geld sei der Teufel, klingt das auch schon fast wie eine Verschwörungstheorie. Weil man damit den Eindruck erweckt, wir hätten keinen Einfluss darauf.
H: Ich kann nur sagen, in meinem Umfeld hat Geld Leute zu Sachen animiert, die sie sonst nicht gemacht hätten, weil sie eben in Geldnot waren. Vielleicht ist auch die Geldnot der Teufel.
K: Vielleicht ist das Geld einfach nur falsch verteilt. Wenn du so etwas rappst wie: »Ich nehm dir alles weg«, finde ich das fast schon revolutionär, weil du den Leuten, die Kohle haben, das Geld wegnimmst. Das ist Klassenkampf.

Was hältst du von solchen Erklärungsversuchen, Haftbefehl? Ich stelle immer wieder fest, dass die Rapszene, aus der Koljah kommt, sehr verständnisvoll gegenüber Migranten ist und du kennst das auf der anderen Seite gar nicht.
H: Auf jeden Fall kann ich mich mit ihm unterhalten, ist doch gut. Aber ich hab trotzdem meine eigene Meinung und würde später immer alles noch mal nachgoogeln, was er sagt.
K: Scheiß auf Google, hör dir einfach das Album an.
H: Wie heißt Euer Album eigentlich?
K: Aversion.
H: Aversion? Was heißt das?
K: Abneigung.
H: Cool. Korrekt Bruder.

Das komplette Gespräch gibt’s in der aktuellen SPEX-Printausgabe, die am Kiosk oder versandkostenfrei im Online-Shop erhältlich ist. Für die Wahlverwandtschaften in SPEX °358 trafen sich Oliver Polak (Foto unten) und Sven Regener, um über Kunst als Antidepressivum zu sprechen. Die Ausgabe kann ebenfalls ohne zusätzliche Versandkosten online bestellt werden.

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4 KOMMENTARE

  1. Supergeil… aber hey, schreib doch nächstes mal bitte die richtige Ausgabe dazu, es ist nämlich in der 358 und NICHT in der 356. Hab ich erstmal schön die falsche nachbestellt, wenigstens hab ich nach dem dritten akribischen durchblättern endlich gemerkt, dass der Artikel wirklich nicht drin ist ^^
    Seufz… also nochmal bestellen. Mer hat’s net leicht…

    • Hej, vielen Dank für den Hinweis und ein großes Sorry für das Bestell-Chaos. Aber cool, dass du trotzdem dran bleibst. Und die N° 356 ist auch sehr lesenswert.

    • Hej, vielen Dank für den richtigen Hinweis und das Bestell-Chaos. Aber sehr cool, dass du dran geblieben bist. Wir haben den Fehler korrigiert.

      • Sowas passiert halt einfach, aber ich finde cool, dass hier auch auf sowas reagiert wird und der Fehler behoben wird. Hab die richtige Ausgabe mittlerweile, euer Versand ist ja ziemlich flink. Außerdem war die 356 ja auch nicht vollkommen uninteressant zu lesen. Also, Ende gut, alles gut; und ich kann sagen: Macht weiter so!

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