Hinschauen: Stories Of Our Lives bei der Berlinale

Foto: Dan Muchina

Bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin wurde Stories Of Our Lives ausgezeichnet, in seinem Produktionsland darf der Film nicht gezeigt werden: Er erzählt von schwulem und lesbischem Leben in Kenia.

Vielleicht sind wir Aliens, heißt es in einer traumhaften Sequenz am Ende von Stories Of Our Lives. Finaler Fluchtpunkt: die Weiten des Alls. Die Selbstzweifel, die sich in diesem Topos ausdrücken, sind das Ergebnis von Verfolgung und Unterdrückung, von handfesten Drohungen im privaten Bereich ebenso wie in den Medien. Sie sind Ergebnis des Alltags in Kenia, wo sogenannte sexuelle Handlungen »wider die Naturordnung« illegal sind und mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden.

Mit Stories Of Our Lives erzählt der Filmemacher Jim Chuchu aus Nairobi fünf wahre Geschichten aus dem Leben von Homosexuellen in Kenia. Er zeigt die kurzen Episoden seines 60 Minuten langen Films in harten Schwarz-Weiß-Kontrasten, trotzdem sind die Bilder von Wärme und Poesie durchdrungen und schaffen es, auch Enttäuschungen, Verfolgung oder Gefahr immer mit einem Augenzwinkern zu vermitteln. Chuchus Film scheint durchdrungen von derselben tiefgründigen Leichtigkeit, mit der auch der iranische Regisseur Jafar Panahi in Taxi – auf der Berlinale 2015 mit dem Goldenen Bären für den besten Film prämiert – in locker aneinander geknüpften Episoden Unterdrückung und politische Verfolgung in Teheran verhandelt.

Stories Of Our Lives wurde vom Berlinale-Publikum zum zweitbesten Spielfilm in der Panorama-Sektion gewählt und beim Teddy Award mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. In seinem Produktionsland Kenia darf der Film jedoch weder öffentlich noch privat vorgeführt oder vertrieben werden. Das Kenya Film Classification Board lehnte ein entsprechendes Ansuchen im Herbst 2014 mit der Begründung ab, der Film werbe für Homosexualität, »which is contrary to our national norms and values«.

Zeitgleich zur Entstehung von Jim Chuchus Film arbeitete der Journalist und Autor Kevin Mwachiro an einem ähnlichen Projekt: Für sein Buch Invisible – Stories From Kenya’s Queer Community, das im Unterschied zu Chuchus Film auch in Kenia erhältlich ist, sammelte und dokumentierte er ebenfalls Geschichten aus der LGBT-Szene des Landes. Film und Buch entstanden in Nairobi quasi parallel – ohne dass die jeweiligen Protagonisten Genaueres vom Vorhaben des anderen gewusst hätten. Ein Anzeichen dafür, wie zurückhaltend Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender auch in einem vergleichsweise liberalen afrikanischen Land und selbst innerhalb der eigenen Zirkel der queeren Community agieren müssen.

Zuviel Aufmerksamkeit kann fatale Folgen haben. Diese Tatsache macht Stories Of Our Lives in jeder seiner Episoden zum Thema: Es geht darum, nicht aufzufallen, am besten unsichtbar zu bleiben, im Zweifelsfall möglichst schnell zu verschwinden. Damit zeigt Jim Chuchu in seinem Film und benennt auch Kevin Mwachiro in seinem Buch genau das, was mit diesen Stories überwunden werden soll. »Es ändert nichts, wenn man immer nur im Verborgenen bleibt«, erklärte Mwachiro vor kurzem in SPEX N° 358 in einem ausführlichen Interview. Das Ziel ist mehr Sichtbarkeit.

Stories Of Our Lives
Kenia 2014
Regie: Jim Chuchu
Mit Kelly Gichohi, Mugambi Nthiga, Rose Njenga u. a.

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