Hildur Gudnadottir, BJ Nilsen And Stilluppsteypa

Dass die Persönlichkeitsstruktur manch eines skandinavischen Zeitgenossen angeknackst ist und sein Leben auf brüchigem Eis dahinschlittert, dass er durch Unmengen Alkoholkonsum seine desolate Existenz vorantreibt, bis das Eis schlussendlich einzubrechen droht – das sind Beobachtungen, die der schwedische Tonkünstler BJ Nilsen und das isländische Duo Stilluppsteypa auf ihrem kürzlich bei Helen Scarsdale erschienenen Album »Drykkjuvísur Óhljódanna« mit grimmiger Kälte (die sozusagen den gängigen Begriff ›Coolness‹ abstrahiert) in entsprechenden Klängen thematisierten. Es darf vermutet werden, dass der Erfolg dieses nachtschwarzen Schreckgespensts die drei anspornte, sich noch mal zusammenzusetzen, um – vielleicht noch zusätzlich befeuert durch selbst durchstandene spiritistische Spirituosen-Eskapaden – gemeinsam ihr neues Projekt angehen zu lassen. Es belegt jetzt unter dem Titel »Second Childhood« als weiteres Dokument, was man im Allgemeinen mit ›typisch nordisches Gebräu‹ assoziiert. Also immens extensive field recordings von unberührten Landschaften mit vagen Silhouetten in unscharfer Entfernung, oder auch Vergegenwärtigungen allumfassender Dunkelheit.

    Exakt: Diese Sonic-Explorationen schimmern immer wieder durch, trotzdem ist »Second Childhood« kein lauer Aufguss des manieristischen Vorgängers. Titel der CD und Coverfotos suggerieren eher intimes nostalgisches Flair, als ob die Mitwirkenden (mit von der Partie ist noch die isländische Cellistin Hildur Gudnadottir) Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit zusammengetragen haben, um diese als klingendes Fotoalbum reproduzierbar zu machen. Dennoch ist »Second Childhood« kein Stilbruch, keine fröhliche oder gar feucht-fröhliche Angelegenheit, sondern vereint all die Attribute, mit denen die Künstler Reputation erlangten. Lange, gediegene Flächen, unheilvolles Gegrummel (also dominierende Drones allerorten), Melodiefragmente, plötzliche Breaks, Wechsel von laut und leise, Redundanz und minimale Reduktion – ein mannigfaches Schichten hochfrequentierter Produktionsraffinessen.

    Hildur Gudmandottirs meisterhaftes lyrisch-poetisches Cellospiel (es erinnert an Richard Curtis’ La-Monte-Young-Interpretationen) kommt dabei besondere Bedeutung zu. Voll integriert im wogenden elektronischen Klangkosmos vermittelt es eine durchgehende Harmonie, grenzt sich angenehm von dem doch allzu viele skandinavische Klischees bemühenden Rest ab und wird zu etwas Besonderem, Einzigartigem – wie letztlich die ganze CD. Diese Kindheitserinnerungen möchte man noch öfter aufflackern lassen. Vorher genügt es einstweilen, in diesem ›Fotoalbum‹ mehr als einmal zu blättern.

LABEL: Quecksilber / Staubgold

VERTRIEB: Hausmusik

VÖ: 15.06.2007

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