Hieroglyphics

Seit nahezu fünf Jahren warteten die geneigten Hörer, Fans, auf die zweite gemeinsame Veröffentlichung der Hieroglyphics, der kalifornischen Formation eigensinniger und eigenständiger Hiphop-Künstler, die − jeder für sich − in der Zwischenzeit eigene Projekte verfolgten. Größtmögliche Reichweite und Verbreitung erreichte wohl Del Tha Funkee Homosapien mit seinem Part am von Damon Albarn initiierten Projekt »Gorillaz«. Neben dem aktuellen Album »Full Circle« nehmen sich Tracks wie »Clint Eastwood« und »The Future« allerdings als vornehmlich eindimensional, statisch und geschmäcklerisch aus. Die gemeinsame Sache, die Del mit den Labelkollegen Casual, Pep Love, Domino und den Skill-Gardisten Souls of Mischief vorangetrieben hat, scheint dagegen in hellem Licht. Im Intro klingt die Formel, nach der die Herren das Album bestellen: »Hiphop is dictated by flows, lyrics, real beats, true lyrics, brandnew styles…« Ein schlichter Auftakt ist das, der zielsicher die Prämissen des Albums vorgibt. Jeder Track ist lose komponiert, weite Beatmaschen, über die ein, zwei und drei Melodien pro Track versetzt sind. Kein Beat, der je nur Unterfütterung, Boden, Tragfläche wäre. Jeder Beat taugt als Marke, hebt sechzehn Tracks voneinander ab, bloße Variationen sind selten. Wo geschätze Kollaborationspartner oder geistige Freunde wie Jurassic 5, Pharcyde und − unvermeidbar − A Tribe Called Quest Tracks per Melodie als Leitmotiv bestritten, meistern die Hieroglyphics die Kunst, Lyrics, Melodie und Beats gleichberechtigt zu featuren. Die Lyrics geben genug Hörbuch für die nächsten verregneten Herbstabende her. Und unnötig, das zu sagen: Sie sind verdammt gut. Melodie ist nie nur jazzy intoniert, nie nur ein Thema, sondern stets die Entwicklung eines solchen. Die »Hieroglyphics« spielen mit launiger Joy Ride-Instrumentierung, die nach Super Mario Land Coin-Kollekte klingt (»Fantasy Island«), weichesten Xylophon-Fächern (»Make Your Move«), Barpiano-Läufen und punktgenauen Bläsern (»Shift Shape«), ohne je überkandidelt zu klingen. Del sagte vor Jahren: »Ich wünschte, ich hätte dieselbe Freiheit, die jemand wie Björk hat, wenn sie ein Album veröffentlicht.« Wenn die Bass- und Beatlinie aus Björks »Human Behavior« (»Post«) den Track »Let It Roll« anführt, kann das als Hommage gelten, aber eben auch als Beweis dafür, dass die Hieroglyphics über eben diese Freiheit spätestens mit »Full Circle« verfügen und sie meisterhaft beherrschen. Woooeeeh!

LABEL: Hiero Imperium

VERTRIEB: Groove Attack

VÖ: 13.10.2003

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