Hieroglyphic Being »The Acid Documents« / Review

Jamal Moss’ impliziter Generaleinwand gegen die aktuelle Clubmusik könnte lauten, dass sie für den Hörer gemacht ist: Die Klänge sind mit dem Kalkül entwickelt, einen Effekt zu produzieren.

Hieroglyphic Being ist ein Alias des Produzenten Jamal Moss aus Chicago, den man auch als The Sun God kennt. Moss ist das Idealbild des Ausnahmekünstlers: Sein musikalisches Genre ist die House Music, innerhalb derer er sich in der randständigsten Position befindet, die vorstellbar ist. Erst jetzt, 20 Jahre nach seinen ersten musikalischen Gehversuchen, findet er langsam Anerkennung. Was vielleicht mit seiner Sozialisation zu tun hat.

Als Waise wurde Moss von einem älteren Ehepaar adoptiert, das Jazz von Thelonious Monk, Miles Davis oder seinem späteren Idol Sun Ra hörte. Als Jugendlicher inspirierte ihn nicht nur Musik aus seinem afroamerikanischen Umfeld, er besuchte auch die Blockpartys in der (überwiegend weißen) Northside von Chicago und entdeckte dort den Synth-Pop und Industrial der Achtziger, der kommerzielle HipHop stieß ihn ab. Lieber als schwarzer Robert-Smith-Verschnitt verarscht werden, statt als vermeintlicher Gangster eine Kugel in den Kopf zu bekommen – so lautete seine Devise. Moss erlebte die House-Welle der Achtzigerjahre mit. Als sich die Szene später längst kommerzialisiert hatte, begann er, mit den Helden Adonis und Steve Poindexter zusammenzuarbeiten. 2004 wurde er von einflussreichen europäischen Club-Labels mit Avantgarde-Anspruch entdeckt, aber ironischerweise erwies sich seine Musik selbst für die als zu dysfunktional.

Moss begann, seine Produktionen selbst auf CD-R zu veröffentlichen. 2011 erschienen ganze zehn solcher Alben. Der Misserfolg habe ihm viel Zeit zum Musikmachen gegeben, sagt er heute. Mittlerweile hat Moss einen Platz im Festivalbetrieb statt in der Clubszene gefunden, wo er seinen Ansatz unabhängig von Dancefloor-Standards entfalten kann. Aktuell widmet ihm das englische Magazin The Wire eine Titelgeschichte, und es erscheint das Album The Acid Documents. Sounds Of The Universe, ein neues Sublabel von Soul Jazz Records, veröffentlicht The Acid Documents, die Moss unter dem Pseudonym Hieroglyphic Being im letzten Jahr in einer Auflage von 100 Exemplaren auf CD-R herausgebracht hatte.

Alle Stücke haben eine Drastik, die man heute kaum noch kennt. Moss’ impliziter Generaleinwand gegen die aktuelle Clubmusik könnte lauten, dass sie für den Hörer gemacht ist: Die Klänge sind mit dem Kalkül entwickelt, einen Effekt zu produzieren. Bei Moss beharren die Klänge auf ihrer Unabhängigkeit, zum Teil auch auf ihrer Sinnlosigkeit. Im Stück »Jacobitis Order« gibt es zwei Elemente: atmosphärisches Flirren (anmutig, zart, durchlässig) und das Quietschen einer Acid-Spur (insistierend, besessen, neurotisch). Warum hat Moss diese Elemente zusammengebracht? Natürlich, sie erzeugen einen Kontrast, aber worin besteht der genau? Und was erzählt er uns? Die Unbeantwortbarkeit solcher Fragen macht Jamal Moss’ Musik so spannend und so relevant.

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