Hier ist kein Warum

Editorial313
Blick aus einem Kinderwagen auf das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas
Foto: Rosalia Kullick / SPEX

»Every minute as we are talking films are falling to dust.« Das berühmte Zitat von Jonas Mekas, dem Regisseur, Autor und Betreiber der New Yorker Anthology Film Archives, erinnert daran, dass Zelluloid und somit auch die in der Kunstform des Films festgehaltenen Erinnerungen eine Halbwertzeit haben. Es sei denn, jemand hält die Zeit an.

    Dies gelang dem jüdischen Regisseur Claude Lanzmann. Sein epochaler Film »Shoah« behandelt den schlimmsten Bruch in der Geschichte der Neuzeit, die Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis während des Zweiten Weltkriegs. »Shoah« ist halb Dokumentarfilm, halb inszenierte Konfrontation mit dem ›Unzeigbaren‹ – das neuneinhalbstündige Werk gilt als wichtigste kinematografische Arbeit über den Holocaust.

    Wir trafen den Weggefährten Jean-Paul Sartres und Simone de Beauvoirs im Dezember 2007 in zwei für alle Beteiligten kräftezehrenden Sitzungen in Lanzmanns Stadtbüro in Paris.

    Die in Paris lebenden Fotografen Eva Beth und Torsten Oelscher reisten anschließend im Auftrag von Spex über Warschau nach Treblinka, um dort, ähnlich wie es Claude Lanzmann in seinem 1985 erschienenen Film unternommen hatte, Bilder der grasüberwucherten Überreste des Vernichtungslagers und der angrenzenden Landschaften zu fotografieren – diese gerade wegen ihrer sachlichen Sprache erschütternden Bilder illustrieren unser 14-seitiges Interview.

    Am 4. und 5. März wird »Shoah« auf Initiative von Spex zum ersten Mal seit Jahren wieder in einem deutschen Kino auf einer großen Leinwand zu sehen sein. Claude Lanzmann wird persönlich bei beiden Vorführungen anwesend sein und vor den Screenings im Kino Arsenal am Potsdamer Platz in Berlin einleitende Worte zum Publikum sprechen. Wir raten bei Interesse dringend Karten zu reservieren: 030 269 55 100.

    Schon seit mehreren Monaten präsentiert Spex Meisterwerke der Filmgeschichte im Arsenal – mit großem Erfolg. Die Reihe »Spex Pantheon« verzeichnet ausverkaufte Kinosäle und seltene Filme. Aktuell empfehlen wir die zwei Vorführungen von Martin Scorseses fantastischer Bob-Dylan-Dokumentation »No Direction Home«: am 1. und am 14. März.

    Unsere enge Zusammenarbeit mit den Freunden der deutschen Kinemathek in Berlin ist Ausdruck der seit nun mehr als einem Jahr betriebenen Neuorientierung der Spex als Magazin, das hält, was der Untertitel »Magazin für Popkultur« verspricht.

    Große Berichte über den amerikanischen Fotokünstler Gregory Crewdson, Klaus Theweleits kluge Analyse von Claude Chabrols Frauenfilmen am Beispiel des im März auf DVD erscheinenden Films »Betty«, Jan Kedves’ Interview mit den Betreibern des Berliner Modelabels Picaldi, Harald Peters’ Stück über die jüngst erschienenen gesammelten Kurzfilme des radikalen Filmregisseurs Kenneth Anger, Thomas Schönbergers Auseinandersetzung mit dem belgischen Maler Luc Tuymans, Doris Kuhns Feature über einen Frühling voller Horrorfilme – alle diese Artikel begreifen Popkultur als Momente der Horizonterweiterung und der Erkenntnissuche.

    Dass dabei die Musik nicht zu kurz kommt, versteht sich in Spex von selbst. Nur betrachten wir eben auch die Musik als Zeichen unserer Zeit und schreiben entsprechend über sie. Die neueste Folge der unlängst von den Lesern zur beliebtesten Rubrik gewählten »Kunstsprache« stellt mit Niels Frevert und Bernadette La Hengst zwei Sänger vor, die in Spex die überraschenden Methoden ihres Songwritings erklären. Das mit großer Neugier erwartete und diesen März erscheinende Debütalbum der Gutter Twins um Screaming Tree Mark Lenegan und Greg Dulli von den Twilight Singers nahmen wir zum Anlass, Josh Haden, den in Los Angeles lebenden Sänger von Spain, zu bitten, unsere lose Serie von Musikerbegegnungen wieder aufleben zu lassen. Schließlich traf sich Martin Hossbach, frisch ernannter Chef vom Dienst, mit The Magnetic Fields zum traditionellen Vorspiel – und musste die ausgewählten Songs selbst singen, da Stephen Merritt sich weigerte, eine CD anzuhören.

    Dass mit Markus Schneider (er schreibt in diesem Heft über Mark Stewart), Christoph Gurk (er rezensiert die geniale neue Platte von John Maus auf Seite 155) und Peter Abs (zusammen mit Stephan Herczeg schreibt er auf Seite 136 über die Platte der Ausgabe) gleich drei ehemalige Autoren zurück zur Spex gekehrt sind, freut uns alle in der Redaktion außerordentlich, markiert ihr Entschluss doch nicht zuletzt eines: Spex ist am Kiosk so erfolgreich wie schon seit Jahren nicht mehr.

Max Dax

PS: Abonnenten der Spex (und nur die) erhalten mit dieser Ausgabe wieder eine Gratis-DVD: Dieses Mal mit dem Spielfilm »White Star« (Hauptrolle: Dennis Hopper) von Roland Klick und einem 26-minütigen gefilmten Interview mit Mark Stewart. Spex abonnieren: spex.de/abo.html

PPS: Eine unglückliche Formulierung im Vortext zu Aram Lintzels Jahresrückblick in Heft #312 möchten wir an dieser Stelle korrigieren: Wo stand »Null Bock im neoliberalen Arbeitslager« hätte korrekt stehen müssen »Null Bock im neoliberalen Trainingslager«.
Den Fehler bitten wir zu entschuldigen.

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