Heute ist das Krasse

David Tibet verausgabt sich barfüßig und im zerknitterten Anzug wie ein zur Umkehr mahnender Bußprediger, das Spektrum des Publikums reicht von der gesichtsverschleierten Mittvierzigerin über den anorexischen Hippie bis zum Normalo aus der Fondsverwaltung. Die britische Apocalyptic-Folk-Gruppe Current 93 gastierte am 13. und 14. April für zwei Abende an der Berliner Volksbühne. Zu Gast waren Matt Sweeney, Baby Dee, William Breeze und viele andere. Thomas Hübener besuchte für Spex zwei äußerst kohärente Konzerte und sah mehr Rockismen denn sinistren Unterholzfolk.

David Tibet Current 93

CURRENT 93 LIVE: »David Tibet verausgabt sich im zerknitterten Anzug und barfüßig im Ekstaseraum zwischen dem Bühnenrand und seinen einen Halbkreis bildenden Musikern. Seine grauen Locken auf dem sich lichtenden Haupt sind in merkwürdige kleine Zöpfchen geflochten. Einige von ihnen sind zu einer Art Dutt gebunden. Ein Freund bemerkte mit Blick auf die Glatze des Buddhisten, das strähnige Slackerhaar Jesu und die langen Koteletten der orthodoxen Juden, es sehe so aus, als wolle der sein Leben lang spirituell umtriebige Current-93-Sänger so viele Weltreligionen wie möglich auf seinem Kopf vereinen.« (Thomas Hübener)

Ein Fotoset aktueller Bilder des Berliner Konzerts vom 13. April gibt es auf Flickr.

(Foto: CC Matthias Ju / Flickr – Berlin, Volksbühne vom 29. Mai 2006)

Am Anfang war das Chaos. Denn die beiden Konzerte der seit den frühen achtziger Jahren kultisch verehrten britischen Band Current 93 an der Berliner Volksbühne waren als programmatisch unterschiedlich angekündigt worden. Am ersten Tag, so hieß es vor einiger Zeit auf der Homepage des das Herz der Band bildenden Exzentrikers David Tibet, werde es das normale Apocalyptic-Folk-Tourprogramm, am zweiten dagegen eine Auswahl aus dem atonalen Frühwerk der Post-Industrial-Formation zu hören geben. Kurzfristig wurde diese Reihenfolge dann noch einmal umgekehrt, was für alle Beteiligten, die den Kartenvorverkauf nutzten, Überraschungen verschiedenster Couleur verhieß.

    »Ist heute das Softe?«, fragt ein in eine Art Zimmermannstracht gekleideter zierlicher junger Hippie mit Freundin einen hoch aufragenden Langhaarträger in Leder. »Nein, heute ist das Krasse«, gibt der bezopfte Rollenspieler freundlich zurück.

    Der hier wiedergegebene Dialog täuscht darüber hinweg, dass das im Schnitt recht hohe Bildungsniveau so ziemlich das einzige ist, was das Publikum von Current 93 an diesen beiden Abenden eint. Das optische Spektrum der Besucher schließt den entschlossen gegen einen imaginären Horizont blickenden Paramilitär mit Camouflagekappe ebenso ein wie die fazial mit einem schwarzen Gesichtsschleier aus Gittertüll teilverdeckte Mittvierzigerin in High Heels und Lederrock, den anorexischen Hippie, den schratigen Vollbartträger, den Abgesandten der Seiten-abrasiert-plus-Pferdeschwanz-Fraktion, das notorische Gothic-Mädchen mit künstlich verblasstem Teint und den nach Fondsverwaltung aussehenden Normalo.

    Eine Geduldsprobe verlangt zunächst das als Support fungierende und sich viril gebärdende norwegische Doom-Metal-Quintett Skitliv (zu Deutsch »Scheißleben«) dem Publikum ab. Das rümpft in Anbetracht eines dumpf wummsenden, headbangenden Schweißtreibens und unverständlichen endzeitlichen Gegröls aus dem Halse eines bierbäuchigen Tattooträgers mit blondiertem Kurzhaar in der Mehrzahl distinguiert die Nase. Das ist nicht ganz gerecht, denn Skitliv beherrschen durchaus ihr Handwerk. Sie kommen für dieses Publikum nur einfach aus dem falschen Genre.

    Es folgt der Auftritt des Hauptacts. Durfte man nach der Ankündigung einer Frühwerkauswahl vermuten, dass sich Abend eins klanglich zwischen Samples aus lateinischen Messen, Presslufthammersounds, spukigen Kleinmädchenabzählreimen und einem »Antichrist! Antichrist!« skandierenden David Tibet bewegen würde, so sah man sich nach den ersten Stücken getäuscht. Die gefühlten 20 Minuten des vom jüngst wiederveröffentlichten 1984er Album »Nature Unveiled« stammenden Stückes »Ach Golgotha (Maldoror Is Dead)«, auf dem Tibet zwischen Noiseschleifen seine jugendliche Lektürebegegnung mit dem französischen Dichter Comte de Lautréamont verarbeitet, bleiben im Grunde die einzigen, welche das Harmonieempfinden ein wenig irritieren. Der Rest der gebotenen älteren Songs – wie das repetitiv-ritualistische »The Red Face Of God« und das schräge Folkstück »The Ballad Of The Pale Christ« vom 1988er Album »Christ And The Pale Queens Mighty In Sorrow«, das von der »Imperium«-LP (1987) stammende wehmütige »Locust« mit seinem Vergeblichkeitspathos und der textlich auf einem Traditional basierende Current-Klassiker »Oh Coal Black Smith« (»Swastikas For Noddy«; 1987) – ist zwar sperrig, kantig, kalt, brüchig und skizzenhaft, atonal aber ist er keineswegs.

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Zwei Tage bespielten Current 93 und Gäste die Berliner Volksbühne, ein Livemitschnitt schaffte es leider nicht ins kollektive Gedächtnis von YouTube. Wenige Tage nach dem Berliner Konzert spielten Current 93 in der Londoner Queen Elizabeth Hall, hier zu sehen ist der Mitschnitt eines Duetts mit dem Schriftsteller Sebastian Horsley. Der las aus seinen Memoiren »Dandy In The Underworld«.

VIDEO: Current 93 – Sebastian Horsley And David Tibet, LIve at Queen Elizabeth Hall, London, April 21st 2008

Das übrige Programm greift hauptsächlich auf die beiden letzten regulären Studioalben zurück. Die insgesamt zehnköpfige Band, die mit Andrew Liles, Keith Wood (Hush Arbors) und dem Bonnie-»Prince«-Billy-Kollaborateur Matt Sweeney allein drei Gitarristen stellt, verwandelt die getragenen harmoniumbasierten Songs von »Sleep Has His House« (2000) und die überwiegend fragilen akustischen Folkstücke von »Black Ships Ate The Sky« (2006) mit Wucht und Furor in etwas, das die wenigsten erwartet haben dürften: Rock. Das schöne Current-Genre der Sehnsucht in Aggressivität verwandelnden Hineinsteigerungsballade fällt dieser Tendenz ebenso zum Opfer wie das Gros der Folk-Ingredienzien: Keine Flöten, kein Glockenspiel, keine Harfe (die durch einen schwarz-weiß gepunkteten Hoodie quasivermummte Harfenistin Baby Dee produziert stattdessen am Keyboard Pianosounds), kaum längere Passagen auf der akustischen Gitarre. Mit dem Okkultisten und internationalen Oberhaupt des einst von Aleister Crowley geführten Ordo Templi Orientis William Breeze (Coil, Psychic TV) an der elektrischen Viola und dem Cellisten John Contreras gehören zwar zwei Streicher zum Ensemble, doch die reichen allenfalls für das Adjektiv ›symphonic‹ vor dem in großen Lettern geschriebenen Wort ›Rock‹. Was ebenfalls fehlt, sind die weiblichen Begleit- und Backing-Vocals, mit denen beispielsweise eine Rose McDowall (Strawberry Switchblade) in der Vergangenheit einen so schönen stimmlichen Kontrast zum Gesang Tibets zu erzeugen wusste. 

    David Tibet verausgabt sich im zerknitterten Anzug und barfüßig im Ekstaseraum zwischen dem Bühnenrand und seinen einen Halbkreis bildenden Musikern. Seine grauen Locken auf dem sich lichtenden Haupt sind in merkwürdige kleine Zöpfchen geflochten. Einige von ihnen sind zu einer Art Dutt gebunden. Ein Freund bemerkte mit Blick auf die Glatze des Buddhisten, das strähnige Slackerhaar Jesu und die langen Koteletten der orthodoxen Juden, es sehe so aus, als wolle der sein Leben lang spirituell umtriebige Current-93-Sänger so viele Weltreligionen wie möglich auf seinem Kopf vereinen. Er schreit, zischt, windet sich und geht wiederholt in die Knie. Wie gewohnt gibt Tibet den zur Umkehr aufrufenden und an die menschliche Hinfälligkeit gemahnenden Bußprediger. Dass er sich und seine Gesundheit bei seinen Performances schone, kann man diesem Charismatiker nicht vorwerfen. Bei einem derart hohen Erhitzungsgrad werden schon einmal versehentlich Bierflaschen umgestoßen oder die auf einem Pult liegenden Textblätter über die Bühne verstreut.

    Wer nun dachte, dass der neue Rockismus des David Tibet am folgenden Tag dem gewohnten scheinlieblichen, doch im Herzen sinistren Unterholzfolk mit Elfenoption weichen würde, sah sich – trotz des sanften psychedelischen Folk à la Pearls Before Swine vor 40 Jahren spielenden Supports von Hush Arbors/Keith Wood – getäuscht. Noch dezidierter wilderte Tibet nun in den Jagdgründen des Progrock. Das Resultat darf man sich getrost als eine Supergroup aus den Mitgliedern von Uriah Heep (deren Platten, wie er während einer Ansage gesteht, eine Jugendliebe Tibets sind), Black Sabbath und Godspeed You! Black Emperor vorstellen, die Current-93-Songs covern. Ein Gitarren- oder Orgelsolo (mit Baby Dee als John-Lord-Inkarnation) findet zwar nicht statt, hätte aber der Logik des Abends entsprochen.

    Auffällig ist zum einen, dass der Hauptstückeschreiber Current 93s, der in Berlin lebende Gitarrist Michael Cashmore, nicht Bestandteil der Band, aber bei beiden Konzerten in einer der vorderen Reihen anwesend ist. Tibet dankt Cashmore bei Ansagen wiederholt und widmet ihm ein neues Stück namens »Birth Canal Blues«. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, zwischen beiden sei etwas Ernsthaftes, aber nicht Freundschaftsbedrohendes vorgefallen. Auffällig ist zum anderen, dass Current 93 weder am ersten noch am zweiten Abend Stücke aus ihren so erfolgreichen Alben »Thunder Perfect Mind« (1992), »Of Ruine Or Some Blazing Starre« (1994), »All The Pretty Little Horses« (1996) oder »Soft Black Stars« (1998) spielen. Viele der Songs des zweiten Abends sind aufgerockte Versionen von »Black Ships Ate The Sky«-Stücken, zahlreiche weitere dürften dem für Herbst angekündigten nächsten Studioalbum »Anok Pe: Aleph At Hallucinatory Mountain« entstammen. Mag sein, dass es – nach ersten Flirts mit Gitarrengeschruppe auf dem »Horse«-Album (1990) – das erste richtige Rockepos Current 93s wird.

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