He’s Lost / In Control

Mit »Control«, dem Biopic über Joy Division-Sänger Ian Curtis, ist dem Musikfotografen Anton Corbijn ein durchweg überzeugendes Regiedebüt gelungen. Andreas Reihse erinnert sich für Spex an seine eigene Jugend und an die Rolle der Band aus Macclefield, die 1976 begann – damals noch unter dem namen Warsaw benannt – Musikgeschichte zu schreiben und binnen kürzester Zeit eine Generation prägte.

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Ian Curtis. Ein Ausbruch aus dem kleinbürgerlichen Milieu Macclesfields in ›die Welt‹.

Die Sonne steht tief und taucht den Bahnsteig in das Rot verblichener Hollywoodkopien. Die Farben sind ausgemergelt, ich muss an den alten Kölner Hauptbahnhof denken, eine verschwommene Erinnerung in Grau, die nach kaltem Zigarettenqualm riecht. Der Zug nach Brüssel rollt langsam ein. Unter einer Kölner Kirche spielten Joy Division 1980 eines ihrer zwei Deutschlandkonzerte – das andere an meinem zwölften Geburtstag im Berliner Kantkino. Jahre später bin ich 2002 mit Max Dax in Köln beim New-Order-Konzert. Der Sound ist überraschend gut, wenn man an all die unhörbaren Live-Bootlegs denkt. Anschließend mit Peter Hook, Bernard Sumner und Arthur Baker erst in ein türkisches Schnellrestaurant, dann mit drei kichernden Groupies auf die Lederchromsofas der Bar vom Hyatt-Hotel. Für das Sixpack waren sie anschließend alle zu müde. Bilder und Zeiten wirbeln durcheinander. Mit Kreidler auf der Suche nach einer Stadtmitte in Manchester. Da war die IRA schneller.

    Meine erste New-Order-Platte war »Power, Corruption And Lies« – ich erinnere mich, wie enttäuscht ich war, dass »Blue Monday« fehlte, und las begeistert im NME, wie jemand den Zeichencode auf dem Cover geknackt hatte. Meine nächste Platte von ihnen war »Confusion« und dann »Perfect Kiss«. Als ich mit Oliver Tepel zusammen wohne, meint er, erst Letztere sei in seinen Augen die ›erste‹ Platte von New Order, davor war alles noch Joy Division. Ich denke an Ian Curtis, der sich am Vorabend der US-Tournee im Mai 1980 das Leben nahm; an Tony Wilson, der gerade erst im August dem Krebs erlag, an Steve Coogan, der ihn im Film »24 Hour Party People« spielte und – laut dem Gossipmagazin Popbitch – die Spendenaktion der Happy Mondays für ein teures Medikament, das Wilsons Lebenserwartung verlängern sollte, nicht unterstützte.

    Ich sitze im Thalys von Köln nach Brüssel, um mir dort »Control« anzusehen, den Film über das Leben von Ian Curtis. Wo auch sonst, denke ich, während die Landschaft vorbeizieht, sollte der Film auf dem Kontinent bereits laufen, wenn nicht in Brüssel, der Stadt von Factory Benelux?

JoyDivision
Joy Division: eine klassische Rock’n’Roll-Band

Die verfilmte Künstlerbiografie, da schrillen Alarmglocken. Und dazu noch Anton Corbijns Debüt als Spielfilmregisseur … Die Legende besagt, Anton Corbijn habe 1979 die Niederlande vor allem auch wegen Joy Division Richtung England verlassen. Sein erster Fotojob ließ ihn zwar Bill Haley fotografieren, aber schon kurz darauf wurde er in Manchester gesichtet und schoss in Folge eine Reihe berühmt gewordener Portraits von Joy Division. Zum Best-Of-Album »Substance«, 1988, verarbeitete er sie in seinem Clip für »Atmosphere«. Natürlich hat er als Regisseur von rund 80 Pop-Videos immer wieder Ausflüge ins filmische Erzählen unternommen, hat zwei Konzertfilme über Depeche Mode gedreht, aber reicht das für einen Spielfilm, und ist sein geschmackvolles Schwarz-Weiß dann nicht doch eine Spur zu geschmäcklerisch, und seine Fanhaltung nicht zu nahe dran am Sujet?

    Einmal Ja, zweimal Nein – kurz: »Control« ist ein ausgezeichneter Film.

    Die Story basiert auf »Touching From A Distance«, der Biografie von Curtis’ Witwe Deborah. Corbijn hatte das Drehbuch eines amerikanischen Schreibers verworfen (weil es ihm zu metaphernlastig und aus der Fanperspektive geschrieben war), und so kam der mankunische Autor Matt Greenhalgh ins Spiel. Er ist vertraut mit der Stadt, mit Factory, der Haçienda, und darüber hinaus stellte ihm Annik Honoré – die Angestellte der belgischen Botschaft, in die sich Curtis 1979 verliebt hatte – Ians Briefe an sie zur Verfügung. Gedreht wurde in Nottingham, das offensichtlich heute noch so aussieht wie Manchester in den Siebzigern. Die Kamera ist wunderbar, die Darsteller sind toll, allen voran Sam Riley als Ian Curtis, Samantha Morton als Debbie Curtis und Alexandra Maria Lara als Annik.

    Der Film behauptet nicht zu wissen, warum Ian Curtis sich umgebracht hat. Er psychologisiert nicht, er beobachtet: Curtis, der von frühester Jugend an aus dem kleinbürgerlichen Milieu von Macclesfield in ›die Welt‹ ausbrechen will und dann im Spagat hängen bleibt: In seinem Kinderzimmer legt er zur Bowie-Platte Kajal auf und übt Tanzschritte vorm Spiegel; er klaut Omis heimlich die Medikamente, um sich damit wegzuschießen; er heiratet – very british – mit 16 seine erste Liebe; er behält seine Stelle als Jobvermittler, neben Joy Division. Curtis trifft seine Entscheidungen immer ganz spontan: So heiratet er, so wird er Sänger, so macht er seiner Frau ein Kind (nachdem sie 400 Pfund für das Studio lockergemacht hat).

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Ian Curtis (Sam Riley) zwischen den Frauen: mit Annik Honoré (Alexandra Maria Lara, links) und frischvermählt mit Ehefrau Debbie (Samantha Morton, rechts).

Curtis, der Zeuge eines tödlichen epileptischen Anfalls wird (»She’s Lost Control«), wird kurz darauf selbst zum Epileptiker und dann – vermutlich aufgrund seiner Medikation, verstärkt durch Alkohol – depressiv. Curtis, der sich in Annik verliebt (»A Free Independent Woman«) und fortan in Schuldgefühlen lebt; schließlich Curtis, der den reellen und den vermeintlichen Erwartungen, die auf ihm lasten, nicht mehr gerecht werden will und kann. Aber vielleicht litt er auch unter einem Mutterkomplex – es gibt dazu Bilder: seine Rückkehr ins Kinderzimmer, das Motiv der strickenden Mutter …

    Referenzen werden elegant mit wie beiläufig herumliegenden Büchern, Platten oder über Poster auf Wänden aufgelöst. Erzählt wird mit liebevollem Blick, manchmal mit bösem schwarzem Humor; oft werden eher nebensächliche Details ins Zentrum gerückt – etwa die Spraydose bei der »She’s Lost Control«-Session oder der Charakter Alan Hempsalls, Sänger von Crispy Ambulance, der als Ersatz-Curtis auf die Bühne geschubst wird. Solche Details hat »Control« viele: Herbert Grönemeyer als Beipackzettel rappender Arzt, ein ›The Fall‹-Witz mit Riley, der in »24 Hour Party People« Mark E. Smith darstellte, der Punkpoet John Cooper Clarke als er selbst, schließlich die Figur Tony Wilson, der kollabiert, weil er mit seinem Blut den Joy Division Vertrag unterzeichnet …

    Die Geschichte ist geradlinig erzählt, die Anzahl der Darsteller bleibt überschaubar, jede Szene stimmt, jeder Dialog sitzt. »Control« ist kein Dark-Wave-Nischenfilm, er steht vielmehr in der Tradition britischer Teenager- bzw. Coming-of-Age-Dramen wie Lindsay Andersons »If…« oder Chris Bernards »Letter To Brezhnev«. Corbijns Verdienst ist übrigens, dass er in seiner Inszenierung der Band (wie präzise er dabei ist, kann man anhand von Originalmaterial auf YouTube vergleichen) noch mal schön unterstreicht, dass Joy Division eigentlich eine klassische Rock’n’Roll-Band war – und wahrlich wenig mit Gothic-Rock-Elend zu tun hatte. Anton Corbijns Debüt ist überzeugend.

 

 

 


VIDEO: »Control« (Trailer)

Das Regiedebüt »Control« von Anton Corbijn startet am Donnerstag, 10. Januar in den Kinos.
»Control«, Regie: Anton Corbijn; GB 2007; mit Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara, Craig Parkinson, u.a.; Capelight Pictures

 

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