„Hereditary“ – Filmfeature zum Kinostart

Mit gekonnter Balance zwi­schen Okkultismus und psychoanalytischer Familiendekonstruktion zollt das Regiedebüt Hereditary Klassikern wie Rosemary’s Baby Tribut. Kickt Ari Aster den der Vergewaltigung angeklagten Altregisseur Polański endlich vom Thron des feinen Grusels?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Gerade jetzt, da Roman Polański mit gro­ßer Geste aus der Oscar Academy gewor­fen wurde, scheint der Einfluss des kon­troversen polnischen Auteurs auf junge amerikanische Filmemacher so groß zu sein wie nie zuvor. Die aktuellen Beispiele eindeutiger Hommagen an Polańskis Gen­re­-Filme reichen von Hochglanz­-Trash wie dem Puppenhorror Annabelle bis hin zu Indie-­Perlen wie Alex Ross Perrys Queen Of Earth. Das Debüt des Regisseurs Ari Aster aber geht über bloßes Zitieren hinaus – sein Film Hereditary wirkt wie eine gezielte Aus­einandersetzung mit Rosemary’s Baby, der in diesem Jahr sein 50. Jubiläum feiert.

Milly Shapiro als Charlie

Das fängt schon mit der hervorragenden ersten Einstellung an, in der die Kamera langsam in ein Modellhaus zoomt, das durch cleveren Schnitt plötzlich zum Leben erwacht. Polańskis Horror bestand immer zum großen Teil aus Raumkonstruktion – man denke nur an die Hände, die im Film Ekel aus den Wänden greifen. In Hereditary steht Annie Graham (Toni Collette) im Fokus, eine Künstlerin, die Dioramen baut. Das bizarre Anwesen, das sie mit ih­rem Mann und den zwei Kindern bewohnt, wirkt von Beginn an wie eine ihrer eigenen düsteren Kreationen – mit Falltüren und geheimen Kammern. Wie Mia Farrow vor einem halben Jahrhundert steht Collettes Figur in Hereditary vor der unangenehmen Frage, ob sie den Verstand verliert oder Opfer einer satanischen Verschwörung in der eigenen Familie ist.
Die Story um Hexerei und Besessen­heit enthält immer wieder klare narrative Rückgriffe auf Polańskis Klassiker; beein­druckender aber ist, dass der junge Regis­seur eine ähnlich gekonnte Balance zwi­schen Okkultismus und psychoanalytischer Familiendekonstruktion erzielt. Diese bis zum effektvollen Ende bestehende Ambi­valenz verleiht dem Film seine überzeugen­ de Schaueratmosphäre – trotz oder wegen der Huldigung eines umstrittenen Idols.

Hereditary – Das Vermächtnis
USA 2018
Regie — Ari Aster
Mit Toni Collette, Gabriel Byrne, Milly Shapiro u. a.

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