Hercules And Love Affair im Interview

Mit »Hercules And Love Affair« veröffentlichte der in New York lebende Produzent Andrew Butler Anfang des Jahres ein umwerfendes Debüt-Album, das die besten Momente des Studio 54 mit »Italo- und Euro-Disco-Fragmenten, fanatisch genauen ZE-Records-, Früh-Chicago- und Detroit-House-Huldigungen« (…) vereinte. Aufgewachsen in Denver, Colorado merkte Butler schnell, dass die Kleinstadt mit ihrer überschaubaren Disco-Szene nicht alles sein kann. Also zog er nach New York, studierte an der Kunsthochschule und begann bald darauf mit der transsexuellen Sängerin Nomi, dem androgynen Antony Hegarty und der burschikosen Kim Ann Foxman an der Zukunft eines queeren und modernen Disco-Sounds zu arbeiten. Im Interview berichtet Andrew Butler von seiner Jugend im mittleren Westen, seinem Studium in New York sowie von seinen modernen und klassischen Vorbildern.

 

Hercules And Love Affair
HERCULES AND LOVE AFFAIR: Nomi, Antony Hegarty, Kim Ann Foxman und Andrew Butler (v.l.n.r.) modernisieren den klassischen Disco-Sound.

 

(Foto: © DFA Records)

Andrew, wie war es Anfang der neunziger Jahre in Denver zu leben? Du hast damals als Teenager deine ersten DJ-Erfahrungen gesammelt…
    Ich hatte zwar nie eine Residency bis ich nach New York zog. Aber in Denver spielte ich meine ersten Sets, begann Vinyls zu sammeln und kaufte mir Plattenspieler. Das war die Initiation meines Interesses an Clubmusik.

War der Zugang zur Club-Szene von Denver leicht für dich? Du warst schließich erst 15 Jahre alt.
    In ›richtige‹ Clubs ging man damals nicht. Aber es gab zahlreiche illegale Parties in verlassenen Lagerhäusern. Die Rave-Kultur begann in den USA erst viel später als beispielsweise in England oder Deutschland – eine Beobachtung, die mir damals während einer Europareise mit der Familie eines Freundes zum Beispiel im Berliner Nachtleben bestätigt wurde. 1993 gab es in Denver eine recht übersichtliche Gruppe von Leuten – Künstler, Promoter und Menschen aus dem Nachtleben – die jene Lagerhäuser für einige Monate übernahmen und dort unregelmäßig Parties veranstalteten. Dort wollte ich natürlich hin! Bald darauf lernte ich einige Jungs kennen, sie waren alle schwul und nahmen mich mit zu diesen Clubs. Denver ist eine dermaßen kleine Stadt, es dauerte dementsprechend nicht sehr lange, bis man sich angefreundet hatte.

 

Hercules And Love Affair – Hercules And Love Affair (DFA Records / EMI)

Waren auf diesen Parties noch mehr Leute in deinem Alter?
    Ich war so ziemlich der einzige blutjunge Mensch dort. Alle anderen waren Mittzwanziger bis Anfang Dreißigjährige. Das war natürlich erst einmal merkwürdig, nach einer Weile machte es aber keinen Unterschied mehr. Es gab da auch noch ein paar Straßenkids, die auf die Regeln ihrer Eltern rein gar nichts gaben. Meistens war ich aber der jüngste Besucher jener Parties.

Wie erlebtest du dann deinen Umzug nach New York?
    Ich wusste damals von einer Handvoll DJs aus Denver, die bereits in New York lebten. Also besuchte ich sie nicht in ihren Wohnungen, sondern während ihrer DJ-Sets. Ich hatte damals eine vage Vorstellung davon, wer ich sein und mit wem ich abhänge wollte, kannte aber niemanden persönlich. Die Anonymität einer Stadt wie New York war Anfangs eine ganz neue Erfahrung. Etwas, das ich aus Denver absolut nicht gewohnt war. Man wird weder als Mensch noch als Passant wahrgenommen; New York begegnete mir lange Zeit als kalte, distanzierte Stadt.

Also war der Beginn deines Studiums in doppelter Hinsicht eine Herausforderung?
    Natürlich! Ich ging gleich nach der Highschool nach New York, um dort am Sarah Lawrence College zu studieren. Das war 1996, ich war also gerade mal 18 Jahre alt. Den Studienplatz wählte ich, weil ich über eine Freundin viel Gutes von dieser privaten Kunsthochschule gehört hatte. Gerade die Modern Dance-Klassen waren äußerst renommiert. Eines Abends spielte eine Acid Jazz-Band auf dem Campus: der DJ scratchte und cuttete die Platten aneinander, dazu spielten ein Bassist und eine Trompeten-Sektion. Die ganze Studentenschaft ging darauf ziemlich ab und ich dachte mir: »Genau so muss es sein, hier fühle ich mich wohl!«

Das war der Punkt, an dem dein eigenes Musikschöpferisches Interesse einsetzte?
    Das kam erst später! Ich wusste schon immer, dass ich einmal Musik schreiben würde. Diese Performance bestärkte mich zunächst einmal in Ort und Zeit. Es war inspirierend, aber keinesfalls ein Moment der Erweckung. Während meines Studiums besuchte ich auch einen Musikkurs, der sich um klassische sowie postmoderne Komposition drehte. Das Klassenzimmer – oder nennen wir es Studio – war bis zum Rand mit alten Instrumenten und Synthesizern gefüllt. Der Dozent war klassischer Komponist, allerdings auch an moderner Produktions-Technologie interessiert. Also warf er sein – beziehungsweise: das Geld des Studiengangs – für unzählige modulare Moogs und anderes analoges Equipment zum Fenster hinaus. Für mich stellte das damals ein kleines Problem dar, denn ich intessierte mich sehr für rhythmische Tanzmusik. Es gab allerdings keine Drum Machine oder andere für mich interessante Instrumente. Auf kaum einem Gerät ließ sich mit einem Zweiten musizieren.

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Hercules And Love Affair
Andrew Butler und Kim Ann Foxman neben einer griechischen Büste: »Die Zusammenführung von Klassikern der Popkultur mit klassischen Motiven der Mythologie empfand ich immer schon als sehr reizvoll.« (Andrew Butler)

 

(Foto: © DFA Records)

Du konntest also nicht intuitiv arbeiten. Du musstest lernen!
    Ich begann damals mit meiner eigenen Drum Machine, um davon ausgehend mit Samples zu arbeiten. Jeder Arbeitsschritt war sehr abstrakt und experimentell. Zusätzlich war der Lehrplan für mich nicht besonders erbauend, da ich Musik komponieren musste, die den Lehrkräften gefiel – oder gefallen musste. Aber im Gegenzug sammelte ich so äußerst schnell Studio-Erfahrung. Nach meinem Abschluss besorgte ich mir einen Computer und begann auf Software-Basis mit meinen eigenen Ideen. Ich besorgte mir ein Keyboard, nahm Gesangsspuren auf, ließ einige Instrumente einspielen und führte später auf dem Rechner alle Spuren wieder zusammen. Von dort aus war der Schritt zu DFA Records kein besonders großer mehr.

Für das eher progressive DFA-Label war deine Musik eine Neuausrichtung: Gerade bei der ersten Single »Blind« fühlte man sich stark an die Arbeiten des Disco-Produzenten Patrick Cowley erinnert. Nahm Antony Hegarty in diesem Track dementsprechend die Rolle von Sylvester an?
    Das ist eine interessante Frage und gleichzeitig ein tolles Kompliment. Sylvester war natürlich ein Genie und spielte in einer ganz anderen Liga, auch war die Zeit eine deutlich andere – das gilt auch für Patrick Cowley. Die Intonation von Antony und Sylvester mag dem selben Geist entsprungen sein, wir dachten während der Produktion aber eher an Yazoo und deren Sängerin Alison Moyet.

 

Hercules And Love Affair – Hercules And Love Affair (DFA Records / EMI)

Siehst du Parallelen zwischen dir als Produzent und jenen Legenden der Disko-Musik?
    Mir fällt es schwer, etwas anderes als Ich selbst zu sein. Ich feile lange an meiner Musik und bin mittlerweile recht produktiv. Diese Leute aber waren Wegbereiter ihrer Zeit, sie waren unglaublich. Gleichzeitig gab es für mich persönlich immer wieder aufregende Momente, wie die Zusammenarbeit mit Frankie Knuckles. Die Vorstellung, dass meine Produktionen inspirierend für Legenden sein können, zu denen ich lange Zeit heraufgeschaut habe, ist äußerst bewegend.

Kommen wir zurück auf die Parallelen zwischen dir und Disco: 1987 war Hercules auch ein Pseudonym von Marshall Jefferson zu Trax Records-Zeiten. Kann man dies als Inspiration für Hercules And Love Affair interpretieren?
    Da ist sicherlich etwas dran. Es gab damals eine Art Trend: ein Jahr zuvor kam auf Trax bereits eine Platte von Adonis heraus, viele andere bedienten sich damals auch der griechischen Mythologie. Ein guter Freund von mir – Derrick Carter – ließ sich vor einigen Jahren davon inspirieren und betitelte seine Songs mit den Namen obskurer griechischer Göttinnen und Götter. Die Zusammenführung von Klassikern der Popkultur mit klassischen Motiven der Mythologie empfand ich immer schon als sehr reizvoll. Unser Musikvideo zu »Blind« reflektiert dies beispielsweise: einerseits sieht man die Bade- bzw. Alltagsszenen der griechisch-römischen Gesellschaft, andererseits spiegelt sich darin auch eine moderne homoerotische Clubkultur. Auch unser Artwork greift diese Motive auf: Mein Freund Ben Guttin hat sich auf das Zeichnen griechischer Motive spezialisiert. So finden sich auf unserem Cover bzw. auf unseren Promo-Fotos Abbildungen historischer Statuen und Büsten, aber auch moderne Abwandlungen: Scott Williams, der bisher die Art Direction für verschiedene amerikanische Kulturmagazine leitete, entwickelte das grafische Konzept für alle Hercules And Love Affair-Veröffentlichungen.

    Aber um auf die Frage zurück zu kommen: der Name Hercules And Love Affair ist mehr ein stilistisches Mittel, eine poetische Wahl. Ich würde mich wohl niemals Hercules nennen und meine Band Love Affair.

Wo wir beim Thema sind: wie verteilt sich die Gewichtung innerhalb der Band? Du lässt keine Lyrics schreiben, du textest selbst. Ist der Gesang – ob von Antony Hegarty, Kim Ann Foxman oder Nomi – eine Art Dienstleistung?
    Tatsächlich stamen alle Texte von mir selbst, lediglich »Time Will« und »Raise Me Up« schrieb Antony. Die Textung ist mir der wichtigste Aspekt unserer Musik, inhaltlich reflektiere ich mein Leben. Ich möchte also möglichst wenig mit den anderen darüber debattieren müssen. Da wir aber alle gut miteinander befreundet sind, kennt jeder von uns den Ursprung der Stücke und kann sich perfekt hineinfühlen. Die Personalisierung des Gesangs fällt Nomi, Antony und Kim Ann also recht leicht.

»Blind« wurde 2003 geschrieben und aufgenommen. Inwiefern war der Rest des Albums ein fließender Prozess?
    Es gibt noch einige andere Stücke, die vor langer Zeit geschrieben wurden. Insgesamt sprechen wir über einen Zeitraum von rund vier Jahren. Natürlich habe ich die entsprechenden Tracks immer wieder neu moduliert und bearbeitet, sie geremixed oder ihnen ein Update verpasst – etwas, das wir während unserer Liveshows auch tun. »Easy« beispielsweise war ursprünglich als Füllmaterial unserer Live-Sets gedacht, mit nahezu ausschließlich orchestral instrumentierten Passagen. Bei »Time Will« begann ich ausgehend von einer Art synthetischen Track, der Gesang von Antony und die damit einhergehende Umgestaltung folgten erst viel später. Kürzlich kramte ich auch eine Ur-Version von »Blind« hervor, die sich massiv von der heutigen Fassung unterscheidet. Aber nun existiert ein fassendes Produkt, das Album. Die Musik ist für’s erste ›vollendet‹.

Eine Art Exitstrategie?
    Es geht immer um die Möglichkeit der Rekontextualisierung. Ein Trompetenmotiv, das mit drei oder vier Klavieranschlägen unterbaut wird, kann plötzlich eine ganz andere Aussage erhalten. Über die Jahre habe ich genau das immer und immer wieder getan: Harmonieänderungen waren die normalste Sache der Welt. Diese Freiheit habe ich mir von meiner Zeit als DJ bewahrt: du greifst in deine Tasche, ziehst ein Vinyl heraus und bringst es in einen neuen Zusammenhang. Diese Herangehensweise an Musik ist essenziell für meine Arbeit. Die schöpferische Leistung eines DJs kann durchaus etwas Göttliches haben!

Das selbstbetitelte Debüt von Hercules And Love Affair ist bereits erschienen (DFA Records / EMI). Im November spielen sie Konzerte in Heidelberg und Hamburg.

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