Helge Schneider: „Mehr als Talent habe ich nicht“

Ernsthaft Improv: Helge Schneider und Pete York (Foto: Universal Music)
Ernsthaft Improv: Helge Schneider und Pete York (Foto: Universal Music)

Er ist der kauzige Maestro des Stand-up-Klamauk. Ein Experte des Unvorhersehbaren, der mit verstolperter Virtuosität und grotesken Second-Hand-Looks das Publikum ebenso begeistert wie verstört und der immer wieder gekonnt Jazz- und Blues-Elemente in seine Improv-Albernheiten webt. Zuletzt erschien The Paket, eine 28-Stunden-DVD-Box mit Aufnahmen von 1989 bis 2016. Gemeinsam mit Pete York, dem einstigen Drummer bei Klaus Doldingers Passport und der Spencer Davis Group, hat Schneider nun das Album Heart Attack No. 1 veröffentlicht. Darauf widmet sich der Mülheimer Multiinstrumentalist, Regisseur, Schauspieler und Buchautor seiner großen Leidenschaft: dem Jazz. Mit SPEX spricht Schneider über seine großen Helden. Und seine große Faulheit.

Helge Schneider, mit Ihrem neuen Album gehen Sie weit zu Ihren Jazz-Wurzeln zurück. Warum das?
Ich habe diese Musik immer schon gemacht und gedacht: Macht Spaß. Für mich bedeutet dieses Album weniger einen Schritt zurück zu den Wurzeln als auch eine Weiterentwicklung. Die Schallplatte ist für meine Fans, die gerne Musik hören. Ursprünglich sollte das Album auch nur auf Vinyl erscheinen. Vinyl ist gut. Schöne, große Cover, auf die man selbst etwas draufmalen kann, wenn man will.

The Last Jazz, Ihr allererstes Album, erschien 1987, vor genau 30 Jahren.
Meine ganze Karriere wird von Zufällen bestimmt. Dass ich diese Platte gemacht habe, war auch reiner Zufall. Weil ich damals keine Band hatte, habe ich alles selbst eingespielt. Irgendwann hatte ich dann meine erste Band und habe mir Mühe gegeben, mit anderen Leuten zu üben. Schon mit 19 war mein großer Traum, einmal eine Platte nur mit Hammond-Orgel und Schlagzeug aufzunehmen. Auf dem neuen Album habe ich diesen Traum verwirklicht.

„Vinyl ist gut. Schöne, große Cover, auf die man selbst etwas draufmalen kann, wenn man will.“

Statt klamaukige Stand-up-Albernheiten gibt es auf Heart Attack No. 1 beinahe klassischen Jazz zu hören. Keine Lust mehr auf vertonten Spoken-Word-Unfug?
Nein, ich mache immer, was ich will. Ich rede immer noch gerne Quatsch und mache Unsinn. Ich würde nicht sagen, dass wir wirklich ernsthaft Musik machen. Es ist sehr viel Spaß dabei. Ich finde, diese Platte ist etwas sehr Eigenes, das viel Freude am Leben vermittelt. Auch ohne im eigentlichen Sinne lustig oder klamaukig zu sein.

Jazzmusiker sind dafür bekannt, sich üblicherweise wahnsinnig ernst zu nehmen.
Alte Schule vielleicht. Mit meinen Remakes und meinem trendbewussten Ruhrgebietsenglisch stelle ich diese Ernsthaftigkeit in Frage. Meine Versionen stellen das genaue Gegenteil dieser Ernsthaftigkeit dar. Letztendlich ist und bleibt Jazz trotz allem Unterhaltungsmusik. Es soll schön sein, aber auch Spaß machen.

Ihr letztes Album Sommer, Sonne, Kaktus! ist vor vier Jahren aus Versehen auf Platz eins der Charts gelandet. War der Schock so groß, dass Sie mit Heart Attack No. 1 eine bewusst sperrige Gegenreaktion veröffentlichen?
Nö. Der Stil auf der neuen Platte ist einfach ein anderer. Sicher sprechen echte Texte wie die auf Sommer, Sonne, Kaktus! mehr Leute an, als eine Jazz-Platte. Ich finde, man sollte immer das tun, was man am besten kann und wozu man Lust hat.

Ernsthaft Jazz: Helge Schneider und Pete York (Foto: Universal Music)
Ernsthaft Jazz: Helge Schneider und Pete York (Foto: Universal Music)

Wie sah Ihre allererste Begegnung mit Jazz aus?
Über meine erste Freundin habe ich 1970 Dizzy Gillespie und Charlie Parker kennengelernt. Wir haben jeden Tag zusammen ihre Platten gehört. Ab 1971 habe ich in der Stadthalle meiner Heimatstadt Mülheim an verschiedenen Abenden Leute wie Alexis Korner, Udo Lindenberg, Baden Powell, Benny Waters, Joe Venuti und Teddy Wilson gesehen. Da muss ich 16 gewesen sein. Von da an habe ich mich nur noch für Jazz interessiert und versucht, mir so viele Konzerte wie möglich anzuschauen.

Haben Sie Ihre großen Vorbilder wie Duke Ellington oder John Coltrane irgendwann auch einmal persönlich getroffen?
Nein. Meine größten Vorbilder waren immer Sonny Rollins oder Jack McDuff. Ich habe Sonny Rollins ein paar mal live gesehen, hätte mich aber nie getraut, zu ihm hinzugehen und ihn nach einem Autogramm zu fragen, wie es heute viele Leute bei mir tun.

Was fasziniert Sie am Jazz?
Die Geschichten um die Musiker. Alle waren Individualisten, genau wie auch die Musik selbst sehr individualistisch ist. Es ist interessant, wie sich diese Musiker immer wieder selbst erfunden haben. Count Basie ist immer nach langen Tourneen nach Hause gekommen und hat seiner Frau noch nicht einmal einen guten Tag gewünscht, sondern ist sofort in den Keller gegangen, um mit seiner Eisenbahn zu spielen. Und um zu kiffen. Außerdem ging es mir immer um den Rhythmus. Auch wenn es damals für viele nicht ersichtlich war, habe ich immer sehr gerne auf Jazz getanzt. Ich konnte mich viel besser zu Jazz bewegen, als zu Deep Purple.

„Ich konnte mich viel besser zu Jazz bewegen, als zu Deep Purple.“

Was machen Sie nach langen Tourneen als erstes?
Ich komme nach Hause, packe aus und setze mich ans Klavier. Oder an die Orgel. Meine Orgel habe ich jetzt schon 43 Jahre. Ich habe ja verschiedene Instrumente gern und liebe Gitarren. Doch die Orgel ist und bleibt mein eigentliches Hauptinstrument.

Wie kam die Songauswahl auf Heart Attack No. 1 zustande, das einerseits aus improvisierten Coverversionen von Klassikern wie „As Time Goes By“, andererseits aus eigenen Songs besteht?
Wir haben einfach drauflos gespielt. Mein Schlagzeuger Pete York wusste nie, was ich spielen würde und musste improvisieren. Darauf kam es mir schon immer an: Auf freies Spielen. Ich weiß grundsätzlich nie, was als nächstes kommt. Ob ich eine Platte einspiele oder Konzerte gebe. Wenn ich mir vornehme, mir im Vorfeld etwas auszudenken, fällt mir erfahrungsgemäß nichts ein. Also gehe ich auf die Bühne und lasse mir aus dem Stegreif etwas einfallen. Eine sehr lebensnahe Vorgehensweise, da das ganze Leben doch mehr oder weniger eine Improvisation ist.

Fällt Ihnen das Improvisieren leichter als das Komponieren?
Ja. Als ich früher Kinomusik gemacht habe, brauchte ich nie Noten, weil ich immer improvisierte. Ein Musikerkollege hatte regelmäßig 30 Kilo Notenblätter dabei; sein Können wurde von den Leuten mehr gewürdigt als meines. Sobald man improvisiert, denken die Leute, dass es jeder könnte. Improvisation ist ein Talent, das schon immer unterschätzt wurde.

Wann sind Sie sich eigentlich Ihres enormen musikalischen Talents bewusst geworden?
Das Wort Talent trifft es. Mehr als Talent habe ich aber auch nicht. Ich habe Talent, bin aber faul und könnte viel besser spielen, wenn ich mich irgendwann einmal wirklich hingesetzt und geübt hätte. Weil ich faul bin, habe ich meine Improvisationskünste vorangetrieben, bin aber nie perfekt. Ich versuche, immer weiter in die Musik hineinzuhorchen und herauszufinden, warum gewisse Dinge so klingen, wie sie klingen. Die Musik ist und bleibt mir ein Rätsel.

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