Helena Hauff – Faszination & Entbehrung

Fotos: Katja Ruge

Helena Hauff hat ihr Debütalbum Discreet Desires nun offiziell für den 04. September angekündigt. Zum Vorgeschmack in Trackform (»Sworn To Secrecy Part II«) liefern wir Kontext. Für SPEX N° 360 folgte Thomas Venker der Künstlerin mit Residency im Hamburger Golden Pudel Club sozusagen auf Schritt und Tritt – das komplette Feature:

Nachdem sie ihr großes Talent für energetischen, kompromisslosen Techno längst unter Beweis gestellt hat, legt Helena Hauff in diesen Tagen mit Discreet Desires ihr erstes Künstleralbum vor. Ein Werk, auf dem sie mehr Melodie und Pop wagt. Wir besuchten die DJ und Produzentin zu Hause und begleiteten sie beim Auflegen in Hamburg und Berlin.

»Ich wusste damals gar nicht, was abging. Aber mich faszinierte sofort, dass eine größere Menge von Leuten auf einen Beat tanzte und der DJ über mehrere Stunden den gleichen Song zu spielen schien.« Wenn Helena Hauff von ihrem DJ-Initialmoment spricht, fällt sofort ihre offen zugegebene Naivität auf. Hier wird kein Wunderturm der Inspiration erbaut, in dem Jeff Mills oder ein anderer Magier die Platten mixte und ihr so die Augen öffnete. Nein, ein profaner Laptop-DJ auf einer nicht weiter erinnerten Hamburger Lagerhallenparty war es, der in der bis dato nicht mit Clubkultur in Berührung gekommenen Teenagerin das Feuer der Faszination entzündet hat. So ganz ist die damit verbundene Irritation immer noch nicht überwunden, wie sie bei einer Tasse Pfefferminztee erzählt: »Ich finde es manchmal so absurd, dass Leute im Club zusammen kommen und tanzen. Tanzen. Total verrückt. Absurd. Wahnsinnig schön. Wahnsinnig absurd.«

Wir befinden uns in einer ruhigen Straße, nicht weit vom Trubel der Reeperbahn und somit bestens angebunden an das subkulturelle Hamburg zwischen Golden Pudel Club und Schanze. Hier befindet sich die Dreier-WG, in der Helena Hauff lebt. Die Verhältnisse sind von überschaubarer Größe und absolut vom Leben mit und für die Musik geprägt. Die eine Hälfte ihres Zimmers ist mit Platten zugestellt, die andere mit ihrem Roland-Maschinenpark. Für die Matratze bleibt nur der notwendigste Platz vorm Fenster.

Ein Bild, das sehr schön zu der Legende passt, dass Helena Hauff sich all dieses Equipment vom Munde abgespart hat. »Ich habe mir über Jahre bei Aldi die zwei Cent günstigere Sahne gekauft und mir auch sonst nichts geleistet«, sagt sie. »Keine Klamotten, kein Auto, nichts. Allerdings hab ich das keineswegs als Einschränkung empfunden. Ich habe da gar nicht so genau drüber nachgedacht, sondern wollte einfach das Geld zusammenbekommen, um mir die Maschinen kaufen zu können.«

Maschinen & Produktionen

»Ich bin wirklich verliebt in diese Maschinen«, sagt sie und lacht. Hier spricht ein Nerd durch und durch. So wie sie beim Auschecken der DJs schnell gemerkt hat, dass sie »Bock hatte, es mit Platten zu machen«, war Hauff auch klar, welches Basis-Equipment sie zum Produzieren braucht: Einen Roland TR-808 Rhythm Composer, einen TB-303 Synthie sowie eine Roland TR-707. Vervollständigt wird ihr Set-Up durch einen Akai MPC 2000 Hardwaresequencer/Sampler sowie eine Unmenge alter Mixer und Synthesizer, die leicht verstaubt auf dem Boden herumliegen. »Ich habe eine Aversion gegenüber Computern«, sagt sie. »Ich mag die Dinger einfach nicht. Sie mögen praktisch sein, aber man sitzt ohnehin schon genug am Rechner. Ich habe keine Lust, auch noch mit ihnen aufzulegen.«

Wenn Helena Hauff ihren Sound beschreibt, sagt sie: »Rough, schmutzig und ein bisschen kalt.« Außerdem »eher europäisch als amerikanisch-schwarz«. Letzteres liege am mangelnden Soulbackground. Ungeachtet dessen lebt das, was man mit dem Namen Helena Hauff verbindet, stark von Detroit-Techno- und Electro-Einflüssen. Wobei sie das pulsierend Pickende mehr interessiert als die schwingenden Sounds der Motor City. Über allem, was sie tut, schweben indes ihre großen Heroen Drexciya. Das aus Gerald Donald und dem 2002 verstorbenen James Marcel Stinson bestehende Duo definierte Electro als postindustrielle, technoide Spielwiese. Passend zum mystischen Überbau aus Sklavenbefreiung und Atlantis-Eskapismus statteten sie ihre Musik mit einem alles in Frage stellenden Grundgefühl aus. Alles ist in Bewegung. Nichts steht still. Die Welt ist formbar.

Ein Sound und eine Weltsicht, die Helena Hauff zu ihrer jam-artigen Produktionsweise inmitten ihres Roland Maschinenparks inspiriert haben. Einige Zeit studierte sie systematische Musikwissenschaften, um dann festzustellen, dass sie nicht den Klang und die Funktionsweise von Musik und Synthesizern analysieren, sondern sich vielmehr dem Prozess des »Machens« intuitiv hingeben will. Eine Entwicklung, die über die Jahre zu einem beachtlichen Repertoire an Projekten und Veröffentlichungen führte – und mit Return To Disorder demnächst auch zu einem eigenen Label.

Nicht auf diesem, sondern auf dem Actress-Label Werkdiscs erscheint nun mit Discreet Desires ein breiter angelegtes neues Album, auf dem sich Hauff Aufbaustücke und eine Dramaturgie der Hinführung erlaubt. So vereint sie die verschiedenen Facetten ihres stilistischen Spektrums entlang der Pole Dark-Wave, Electro, Techno und Acid. Eine Einschätzung, die indes keineswegs auf ein bewusst umgesetztes Konzept zurückzuführen ist. »Ich kann nicht sagen, was die Tracks auf diesem Album vereint«, sagt Hauff. »Jedenfalls habe ich keinen Namen für das dem Album zugrunde liegende Gefühl. Es gibt ein ganz tolles Foto, das ich vor Jahren gemacht habe, auf dem halb geschlossene Augen zu sehen sind – das wird wohl das Cover. Und meine Ambition bestand darin, zu diesem Foto Musik zu machen. Eine Verbindung, die natürlich kein Mensch heraushört.« Ist sie denn zufrieden mit dem bislang poplastigsten Album ihrer Karriere? »Ich bin nie zufrieden mit den Sachen, die ich mache«, sagt sie. »Keine Ahnung, warum. Ich bin immer nur so lange zufrieden, bis die Musik erscheint, dann mag ich sie nicht mehr.«

Golden Pudel Club & Berghain

Helena Hauff trinkt noch einen Schluck Tee und wendet sich ihrer Plattensammlung zu. Es gilt, die Kiste für die kommende Nacht im Golden Pudel zusammenzustellen – wir begleiten die Künstlerin. »Mein Ordnungsprinzip ist: Ich habe kein Ordnungsprinzip«, sagt sie lachend. »Ich muss die Platten vor mir auf dem Fußboden liegen haben. Das ergibt zwar ein Riesenchaos, aber nur so weiß ich, wo alles ist. So lege ich übrigens auch auf: Ich habe meine innere Ordnung, bei der niemand durchsteigen würde.«

Der Name Helena Hauff ist eng mit dem Golden Pudel Club verbunden. Was daran liegt, dass sie quasi seit dem Beginn ihrer Karriere eine regelmäßige Pudel-Nacht namens »Birds And Other Instruments« unterhält und bis vor einem Jahr an der Bar des Clubs gearbeitet hat. »Als ich das erste Mal außerhalb von Hamburg gespielt habe, wurde sofort Pudel hinter meinen Namen geschrieben – obwohl ich damals gerade mal ein halbes Jahr dort aufgelegt hatte«, erinnert sie sich. »Was will man auch sonst sagen: ›Es kommt eine Frau, von der ihr noch nie gehört habt, und die legt bei uns auf?‹ Nee, man sagt: ›Es kommt eine Frau, von der ihr noch nie was gehört habt, aber sie legt im Pudel auf.‹«

Helena Hauff_Katja Ruge

Der Club, der seit 1995 von Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun betrieben wird, ist eine bundesdeutsche Clubinstitution der besonderen Art. Vom Programm bis zum Großteil der Besucher bis heute linkspolitisch aufgeladen, repräsentiert der Pudel einen kieztypischen Glauben an ein Milieu, dem das kulturelle Kapital mehr wert ist als das ökonomische. Im Pudel diskutiert seit jeher die Hamburger Schule, dort wurde aber auch der frühe, noch politisch aufgeladene HipHop der Stadt genährt. Zudem begannen im Pudel die Künstlerkarrieren von Daniel Richter und Jonathan Meese, und die fruchtbare Allianz aus Indie und Techno führte zu Firmengründungen wie Ladomat 2000 und Dial. »Ich könnte nicht in einen Laden involviert sein, der nicht so familiär über gemeinsame Werte strukturiert ist, das würde mich langweilen«, sagt Hauff.

Langweilig wird es derzeit leider keinem im Pudel-Umfeld. Denn der »tolle Ort der Freiheit«, wie Hauff ihn bezeichnet, ist in Gefahr. Die Eigentümer Wolf Richter und Rocko Schamoni, die das Haus 2008 gemeinsam erworben haben, streiten vorm Hamburger Landgericht. Richter betreibt im Obergeschoss des Pudel das kommerziell ausgerichtete Restaurant Oberstübchen, während der Club unten versucht, seinen subkulturellen Entwurf weiterhin kostendeckend zu realisieren. Die Streitpunkte: Richter gewährt den Pudel-Mitarbeitern keinen Zutritt und zahlt auch keine Miete mehr in die gemeinsame Kasse – aus der der Kredit, der zum Hauskauf aufgenommen wurde, bedient wird. Ginge es nach den Pudel-Leuten, sollte Richter ausgezahlt werden. Alle Pudel-Mitarbeiter eine die »Angst, dass es aufhört, da es so ein fantastischer Ort ist«, sag Hauff. »Es wäre schön, wenn das für immer so bleiben würde.«

Von Ängsten und Zweifeln ist indes nichts zu spüren, als Hauff und ihr DJ-Partner für diese Nacht, der Hamburger Front-Club-Veteran Dietroiter, den Pudel bespielen. Nach zwei langsam in die Nacht einführenden Stunden, in denen die beiden verspielte Ambient- und Electro-Sachen laufen lassen, ziehen sie merklich das Tempo an, als sich der Club gegen zwei Uhr nachts zu füllen beginnt. Abrupt ändert sich nun auch Hauffs Präsenz am Pult. Lauschte sie zuvor entspannt den Stücken, fast wie eine normale Besucherin, so spürt man plötzlich eine Spannung in ihrem Auftreten. Auflegen ist für Helena Hauff ein sehr körperlicher Akt. Sie zieht energisch an der Zigarette – die kaum jemals auszugehen scheint –, ihre Beine sind in dauerhafter Bewegung, und wenn sie die Hits ihres Repertoires spielt, schnellt sie aus sich heraus und tanzt mit. »Ich kann den Takt nicht wirklich halten. Das wird mir immer wieder gesagt«, kommentiert sie lachend und ergänzt, die Hibbelei sei zugleich auch der Versuch, sich von der Nervosität zu befreien. »Als DJ stellt man sich die Sinnfrage: ›Was mache ich hier eigentlich? Ich stehe auf einer Bühne, spiele die Musik von anderen Leuten, und mir gucken diese 500 Menschen dabei zu.‹«

Im Pudel stellen sich diese Fragen freilich nicht, heute ist Heimspiel. Die extrem junge und engagierte Crowd legt ihr Schicksal in die Hand von Helena Hauff und ihrem Co-DJ. So sehr sie diese Enge und Nähe in kleinen Läden liebt, so sehr schätzt Hauff es aber auch, in großen Clubs mit einer fetten Anlage zu spielen. Das Paradebeispiel ist natürlich das Berghain, wo sie regelmäßig auflegt. So zum Beispiel Anfang 2014 im Rahmen des CTM Festivals, als sie ihr Publikum geradezu an die Rückwand der großen Berghain-Halle nagelte. Das Set zeigte Hauff von ihrer konsequenten Seite: Kalt. Düster. Streng. »Es ist Quatsch, dass man sich im Pudel mehr Dinge erlauben kann, als andernorts«, sagt sie. »Am Ende kann man sich überall alles erlauben, was man sich eben so erlauben will.«

Im Berghain genießt sie es offensichtlich, die Dinge laufen zu lassen. Vielleicht auch, weil diese Herangehensweise den Bogen zur vorangegangen Nacht spannt, als sie gemeinsam mit James Dean Brown als Hypnobeat an gleicher Stelle stand. Dem von Brown Anfang der Achtziger gegründeten Drum-Machine-Orchester ist sie 2013 beigetreten, angelockt von der improvisierten Ausrichtung der Gruppe. Denn während alle sonstigen Hauff-Projekte aufgrund ihrer jam-artigen Genese die Reproduzierbarkeit bereits in sich negieren, ermöglicht diese spezielle Zusammenarbeit die Aufführung. Hypnobeat entspricht absolut ihrer Arbeitsweise. »Ich kann es mir nicht vorstellen, alleine aufzutreten, die zweite Person ist zwingend, um einen beim Jam zu unterstützen, wenn man selbst gerade mal keine Idee hat«, sagt sie. »Alleine auflegen ist riskant, der Zweite fängt einen auf. Dadurch, dass das Projekt so reduziert ist, funktioniert es so gut für mich. Es gibt einfach nur den Rhythmus, keine Songs.«

Für ihr Berghain-Set gilt das nicht. Mittlerweile ist es fast acht Uhr und DAF laden zu »Tanz den Mussolini«. Nicht wenige Fäuste werden rhythmisch gen Decke gereckt. Die reguläre sonntagmorgendliche Berghain-Crowd aus Bärchen- und Lederschwulen und die CTM-Festivalbesucher gibt sich gemeinsam der kühlen Ausgelassenheit hin.

Zwar wird Helena Hauff elf Monate später in ihrer Hamburger Küche erzählen, dass sie es nicht mag, wenn eine Nacht immer weiter ins Endlose gedehnt wird – »Ich empfinde es als sehr wichtig für die Energie einer Nacht, dass es aufhört, wenn der neue Tag anbricht. Wenn das nicht passiert, entsteht in mir der Eindruck, dass sich alles verliert. Man vergisst, was diese spezielle Nacht ausgemacht hat. Alles ist nur noch ein Brei und man schwimmt mit« –, aber von dieser Haltung ist genau in diesem Moment im Berghain nichts zu spüren. Die andere Seite hat gewonnen, jene, die so spricht: »Wir gehen doch nicht in ein Wellnesscenter. Es geht bei Club-Kultur darum, eine Nacht lang gemeinsam durchzudrehen, ein bisschen zu saufen, ein bisschen Blödsinn zu machen – und sich am nächsten Morgen scheiße zu fühlen.« Auch das ist Helena Hauff.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.