Helena Hauff »Discreet Desires« / Review & Albumvorabstream

Das Debütalbum ist da, der Dreck ist weg. Dabei findet Hauff Sauberkeit und Vollkommenheit doch öde.

Die Stadtreinigung Hamburg ist mit ihren orangen Kehrflitzern einmal quer durch Helena Hauffs Maschinenpark gefahren. Man kann sich vorstellen, wie es dort aussieht. Der gröbste Dreck ist weg, dafür sind fiese kleine Glassplitter und schmieriger Schmodder schön gleichmäßig über die gesamte Bedienoberfläche gespachtelt. Die Klänge, die nach der SRH-Behandlung aus Hauffs Maschinen kommen, hören sich so ähnlich an: nach Schmutznivellierung.

Hauffs bisherige Veröffentlichungen beeindruckten vor allem mit ihrer Verweiskraft. Sie erschienen auf Zeitgeistbaustellen wie den Labels Pan und Werkdiscs, lebten aber gerade von der Heftigkeit, mit der sich die Produzentin irgendwie modern wirkenden Clubmusiktrends verweigerte. Hauffs Musik war Anti-Standortbestimmung: Hier gehöre ich nicht hin. Zugleich funktionierten ihre Tracks wie Vektoren: Dort will ich mich einordnen. In die finsteren Ecken von Chicago House und Acid nämlich, in Fabrikhallen, wo pathosbereinigte Electronic Body Musik läuft, in eine Linie, die von den Anfängen von Techno zurück zu DAF, The Normal und Throbbing Gristle verläuft, allerdings nicht besonders weit in die andere Richtung. Hauffs Musik schmeckt nach Keller. Wie ihre DJ-Sets ist sie verschwitzt, schmutzig, roh, mitunter ein wenig gnadenlos und strahlt trotzdem elegante Düsternis aus.

Nun erscheint Hauffs erstes Album, Discreet Desires. Die Heimlichkeit der im Titel genannten Sehnsüchte wirkt im Dating-App-Zeitalter romantisch, das Diskrete wie ein falsches Versprechen aus einer untergegangenen Epoche, in der Kontaktanbahnungsabsichten auf faseriges Zeitungspapier gedruckt waren, Chiffre: verborgenewünschelrute. Die Produktionsmittel des Albums sind dezidiert Achtziger – Hauff hortet in ihrem Hamburger WG-Zimmerstudio Gerätschaften, denen inzwischen museale Bildbände gewidmet werden –, die Praxis ist Ein-Personen-Jazz am Sequencer: loslegen, reagieren, weitermachen.

Discreet Desires lebt wiederum von seiner Verweiskraft. Einige der ausgelegten Spuren (»Piece Of Pleasure«, »Tryst«) führen zu einem griechischen Gott, andere (»L’Homme Mort«, »Funereal Morality«) zu einem Meister aus Deutschland, alles dreht sich um den Katakombentanz von Eros mit Thanatos. Es überrascht, wie harmonisch, wie wenig gnadenlos die Begleitmusik dazu klingt, wie perfekt alles zueinander passt. Der Dreck ist weg. Dabei findet Hauff Sauberkeit und Vollkommenheit doch öde. »Perfektion ist ziemlich langweilig«, lässt sich die Künstlerin zitieren. »Es gibt sie eigentlich gar nicht. Nur im Tod. Der Tod ist perfekt.«

Resident Advisor streamt Discreet Desires hier bereits heute in voller Länge vorab. 

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