Heinz Strunk „Das Teemännchen“ / Review

Penisbruch, Windradmord, Knastmast und paranoide Sozis. Heinz Strunks Kurzgeschichtensammlung Das Teemännchen bringt zwar weniger jugendlichen Leichtsinn mit sich, als man es von ihm gewohnt ist, zermürbte Schicksale und zerrüttete Lebensläufe findet man aber trotzdem zu hauf. Das Buch erscheint heute im Rowohlt-Verlag.

Jungs mit Masturbationssucht waren mal die Lieblingsfiguren von Heinz Strunk. Abgesehen vom albern wettonanierenden Fleckenteufel wurde es aber immer schwieriger, die tragische Abgeschiedenheit seiner Protagonisten zu überlesen. Spätestens Der goldene Handschuh bewies als kriminalistisches Psychogramm eines Frauenmörders, dass Strunks thematische Bandbreite weit über Sperma und Pickel hinausreicht. Das gilt auch für seine Kurzgeschichten, die unter dem Titel Das Teemännchen versammelt sind. Gut, in einer apokalyptisch anmutenden Erzählung über einen Penisbruch tritt doch wieder ein Heranwachsender auf.

Typisch Strunk, möchte man meinen. Aber hier zerbirst der pubertäre Leichtsinn in einer Welt, in der man sich fremd geworden oder geblieben ist. Neben Albtraumprotokollen findet man auch Surrealistisches: etwa einen nüchternen Bericht über einen Mann, der gefesselt auf einem Windrad stirbt. Oder eine Skizze über ein Gefängnis, in dem Verbrecher riesige Nahrungsrationen erhalten, um schneller zu erkranken. Ein fast kafkaesk wirkender Plot, der aber nicht repräsentativ für Strunks narrative Technik ist. Die bleibt sonst nämlich dem Konkreten verpflichtet, seziert zermürbte Schicksale tiefenpsychologisch, aber in einfacher Sprache.

Strunk widmet sich der einstigen Dorfschönheit, die im Imbiss altert und drangsaliert wird. Dann einem kleinwüchsigen Mann, für den die eigene Toilette zur Gefahr wird. Einem überzeugten Sozialisten, der von der Stasi gefoltert wird und anschließend sein Haus nicht mehr verlässt, weil er den Mauerfall für Show hält. Viele dieser so unterschiedlichen Charaktere eint der drohende Verlust dessen, was Alexander Kluge einmal „Eigentum am Lebenslauf“ nannte. Zwischen den Zeilen wird klar: Oft schlägt Strunks Herz für jene einsamen Existenzen, die er auch in knapper Form präzise und einfühlsam ablichtet.

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.