Heather Leigh »I Abused Animal« / Review

Ein Hoch auf den Stillstand!

Heather Leigh benutzt im Grunde nur zwei Instrumente: eine Pedal-Steel-Gitarre, deren Country-Vergangenheit sie komplett abgeschliffen hat, und ihre Stimme. Mit Ersterer malmt die Tochter eines Bergarbeiters Gebirgsketten zu Sand. Mit Letzterer richtet sie diese wieder auf. Und auf Leighs EP I Abused Animal kommt noch ein weiteres elementares Mittel hinzu: der Nicht-Klang.

Seit 1990 ist Heather Leigh musikalisch aktiv, sie war bis 2008 Mitglied des texanischen Psych-Folk-Experiments Charalambides, sammelte in dieser Zeit eine telefonbuchdicke Liste an Kollaborateuren an, die unter anderem den Vollzeit-weirdo Jandek miteinschließt, ehe sie die weiten Felder Amerikas gegen die klaustrophobische Fäulnis Glasgows eintauschte. So entstand ein Referenzsystem von räumlichen Maßstäben, das sich auch durch ihre Musik zieht.

I Abused Animal ist zunächst eine Meditation auf die Stasis. Die Stücke bewegen sich selten vorwärts, sie verdichten sich zu klaffenden, schwarzen Löchern. Zu Beginn ist es die fast vollständige Abwesenheit von herkömmlichen Klangerzeugern, die diesen Stillstand forciert. Leighs Jaulen windet sich einsam im Raum, so wie das misshandelte Tier, das sie in ihren Texten besingt. Nur vorsichtig wird dieser Raum sukzessive ausgefüllt, mal mit einzeln angeschlagenen Noten, die in Repetition psychedelisch verhallen und um sich selbst kreisen, mal mit schneidenden Drone-Sirenen. Zum Schluss wandelt sich ihre Pedal-Steel gar in ein harfenähnliches Instrument, das klingt, als würde es allmählich das Bewusstsein verlieren, voller Dissonanzen und delirierender Tremolos.

Je häufiger man I Abused Animal hört, desto nachhaltiger formt sich auch der ominöse Raum zwischen den Tönen aus: der besagte Nicht-Klang. Trotz der Reduktion dieser Songs öffnet sich in ihnen jedes Mal ein anderer Vortex, der potenziell alles verschlingen kann. Trotz fehlender Materialität ist das ein körperlich forderndes, überaus befriedigendes Erlebnis. Ein Hoch auf den Stillstand!

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