Heartbreak

»S-L-I-C-E – Slice Me Nice – S-L-I-C-E – Slice Me Nice« – erinnert sich noch jemand an den Hit des angepinselten Karel-Gott-Lookalikes Fancy, zu dem sich auf von Spiegeln und Plasteblumen umstellten Tanzflächen so gut Disco-Foxtrott tanzen ließ? Wer sich in diese Zeiten zurücksehnt – und sei es nur, weil er da noch jung war und sich also noch kein Scheitern in die Stirn eingeschrieben haben konnte –, wird möglicherweise mit dem Debüt des anglo-argentinischen Synthie-Duos Heartbreak viel Spaß haben. Das in London residierende und zur Zeit dort schwer gehypte Projekt gehört zur Speerspitze des europäischen Italo-Pop-Revivals. Musikalisch arbeiten sich Keyboarder Ali Renault und Sänger Sebastian Muravchik allerdings am Erbe der ästhetisch den Übergang zu Electro-Wave und Minimalelektronik ebnenden Avantgarde der Gattung ab. Sie erinnern an Acts wie Savage, Charlie, Klein & M.B.O., Mr. Flagio, Experimental Products oder Oppenheimer Analysis. Die waren sehr nah dran am frühen Output von Bands mit großen Namen, die nicht aus einer musikästhetischen No-go-Area stammen: The Human League, Depeche Mode, Pet Shop Boys, Boytronic. Mit anderen Worten: Heartbreak sind eigentlich fast zu gut fürs Genre. Seine wirklichen – nach dem fünften Weizen freilich durchaus auch flashenden – Abgründe wie Eddy Huntington (»U.S.S.R.«), Max Him (»Lady Fantasy«), Ivan (»Fotonovela«) oder Sabrina (»Boys«) werden nicht ausgelotet.

    Die fehlende musikalische Trashiness machen die beiden freilich optisch und gesanglich mehr als wett. Optisch durch Nachwuchszuhältersakkos mit umgekrempelten Ärmeln und einen verboten aussehenden Moustache Muravchiks. Stimmlich durch ein geradebrechtes Anfängerkursenglisch, das gewiss nicht nur der argentinischen Herkunft des Sängers geschuldet ist, sondern auch dem Wunsch, stilecht zu klingen. Denn zu veritabler Italo Disco gehören nicht nur Lyrics, die sich auf möglichst sinnfreie Weise um den erhofften, befürchteten, unmittelbar bevorstehenden oder zurückliegenden Koitus nach, während oder vor der Disconacht drehen oder aber allgemeiner von der Liebe im Maschinenzeitalter handeln. Sie müssen auch mit Englisch-als-Fremdsprache-Akzent und einem als ›se‹ ausgesprochenen ›th‹-Laut präsentiert werden: ›In der Nacht‹ heißt auf Italo eben ›insenait‹. Als Gewicht auf der Trashiness-Waage wirkt sich zusätzlich aus, dass Muravchik auf eine Weise knödelt, daherpresst, falsettiert und kräht, dass ihn wohl selbst Dieter Bohlen aus seiner Anenzephalen-Show geschmissen hätte.

    Dass das alles trotzdem total geil ist, liegt zum einen an der Leidenschaft, mit der Muravchik singt, genauer: an der Kluft zwischen dem zentnerschweren Pathos, das er in seine Stimme legt, und dem dann doch recht schmalbrüstigen klanglichen Resultat. Ein typischer Fall von ›trying too hard‹, fast also eine Definition von Cheesiness. Und gut ist das zum anderen, weil die angedarkten Donga-donga-Synthieflächen Ali Renaults gut geschriebenen Songs zu enormer Schmissigkeit verhelfen. Auch hier gilt: Musikalisch ist der ›Italo‹-Sticker fast ein Etikettenschwindel, denn die Keyboards sind eigentlich nicht nur zu dunkel, sondern auch zu fett für diese Rubrik. Gleiches trifft zum Teil auch für die Texte zu, ist aber ein allgemeines Phänomen jedes Retroismus und jeder Renaissance: Was sich vordem in der Unschuld ersten Drängens artikulierte, wird nun bewusst, reflexiv – und dadurch manchmal sich selbst problematisch: Im letzten Stück singt Muravchik: »We live for fun / We feel the void / We have no choice.«

    Nachdem wir in den nächsten Wochen und Monaten dann alle getanzt und gelacht und die beiden eine Menge Fashion Victims in die Second-Hand-Klamottenläden getrieben haben werden, dürfte es ihnen ergehen wie den geistesverwandten Romo-Bands (Sexus, Hollywood, Viva) Mitte der 1990er Jahre in England: Sie werden in der Versenkung verschwinden, um ab und an zur Freude älter gewordener Dabeigewesener aus einer Liebhaberplattenkiste gezogen zu werden. Noch aber ist die Party in vollem Gang.

LABEL: Lex Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 31.10.2008

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