Engel in fiesen Frequenzen

oto: Diane Vincent / Spex

Natürlich ist Lärm nicht gleich Lärm: Health aus Echo Park, Los Angeles, gelten als exzellente Live-Band und waren mit Nine Inch Nails auf Tour. Auf ihrem neuen Album »Get Color« verbinden sie analytisch fragmentierten Krach mit Engelsgesang und schenken Noise neue Relevanz.

Der alte Gegensatz, Wohlklang der Mainstreamkultur hier, Dissonanz der Gegenkultur dort, ist verschwunden – nicht erst, seit der vom Stern zum »coolen Baron« hochgeschriebene Karl-Theodor zu Guttenberg mit dem Besuch eines AC/DC-Konzerts prahlen geht und jeder Facharbeiter in seinem Golf Metallica hört. Laute Musik ist heute in der gesellschaftlichen Mitte fester verwurzelt als die SPD. Dementsprechend ist, was vor drei Jahrzehnten noch die Kerninsignien des Deutschen Alpenvereins waren – neben Wandern der Alkohol, die Zusammenrottung auf Provinzbahnhöfen und ein latent bis stark ausgeprägter Anti-Intellektualismus –, längst von den losen Haufen der Fans derben Krachs in all seinen Spielarten übernommen worden – auch, wenn die statt karierter Hemden schwarze T-Shirts tragen.

Noise als die extremste Spielart dieser Musik hat da ein grundlegendes Problem: Ursprünglich als eine abstrakte, gemeine, sich gesellschaftlicher Verwertbarkeit verschließende Gattung etabliert, ist sie heute zum lustigen Soundtrack für Paintball-Reportagen auf RTL II verkommen – und Paintball, das haben nicht zuletzt die Berichte aus Winnenden gezeigt, taugt als die Realität einer breiten Mittelschicht abbildendes Motiv besser für jede »Du bist Deutschland«-Kampagne als Eltern, die schwedische Import-Kinderwagen durch Prenzlauer Berg schieben.

Um wieder satisfaktionsfähig zu werden, bleibt Noise nur der Weg in die Ernsthaftigkeit – das gilt auch für die USA: »Viele Bands in unserem Genre kombinieren crazy Musik mit einem crazy Gesangsstil. Wir wollten Noise wieder eine ernste Atmosphäre geben, denn üblicherweise wird die Musik auf ziemlich humoristische Weise dargeboten«, erklärt John Famiglietti, der 24-jährige Bassist und, wie er selbst meint, Noise-Macher von Health, das Konzept seiner Band.

Die vierköpfige Gruppe aus Echo Park, Los Angeles, kombiniert auf ihrer zweiten Platte »Get Color« analytischen, reduziert wirkenden Noise mit geradezu engelshaftem, sphärischem Gesang. Denn, so Famiglietti: »Unsere Musik bietet einem Sänger kaum andere stilistische Optionen.« Statt der üblichen, wie Famiglietti meint, »blöde« wirkenden Noise-Intonation habe sich Jake Duzsik, der Sänger von Health, für das genaue Gegenteil entschieden: unaffektiert und sauber zu singen. Der engelshafte Eindruck komme dabei allein vom Nachhall-Effekt, selbstverständlich habe man keinerlei religiöse Überzeugung – alles andere wäre im Noise auch rufschädigend. »Wir glauben an Lärm. Die Frequenzen, die stechender Lärm auslöst, schaffen eine Art Hyper-Aufmerksamkeit, die einen zwingt, sich auf das zu konzentrieren, was gerade passiert.«


VIDEO: Health – Die Slow

Der entscheidende Parameter für Health ist Beschleunigung: »Man soll die Geschwindigkeit spüren, das Gefühl haben, unterwegs zu sein. Selbst in der Stille muss Kraft zu spüren sein.« Und Stille gibt es auf »Get Color« mehr, als die infernalischen Konzerte vermuten lassen. Dank ihrer Live-Präsenz hatte es die Band bis ins Vorprogramm von Nine Inch Nails gebracht; auch, wenn die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Gruppen, wie Famiglietti betont, weniger ausgeprägt sind als die Unterschiede: »Aber wir hoffen, dass wir als Band imstande sind, aus Noise das zu machen, was Nine Inch Nails aus Industrial gemacht haben.«

Sind bei den Konzerten von Health Titel wie das programmatisch nach einem Saurier mit drei Hörnern benannte »Triceratops« Kennzeichen eines martialischen, geradezu atavistisch vorzeitlichen Noiserocks in klassischer Bandbesetzung, so ist auf »Get Color« eine Art ›cool noise‹ zu hören. Die Band behält die Struktur und Instrumentierung klassischer Noiserocksongs bei, doch die Atmosphäre ist unterkühlt, die Lärmpartikel sind punktgenau, präzise eingesetzt: »aggressiv, nicht macho«, so Famiglietti.

Ähnlich differenziert erklärt sich der Bandname. Er sei, so der Bassist, »nicht medizinisch gemeint, sondern futuristisch im Sinne eines utopischen Wohlbefindens«. Denn gesund sei das Leben der Band gerade nicht. Er zum Beispiel höre mittlerweile schlecht. Womöglich ist das die bodenständigste, dem Rock-Klischee am meisten entsprechende Aussage einer ihre Sonderstellung herauskehrenden Band, deren bislang größter Erfolg, »Crime Wave« aus dem Jahr 2007, eben nicht Noise war, sondern eine genre über greifende Zusammenarbeit mit dem retro-futuristischen kanadischen Synthiepop-Duo Crystal Castles.

Auch das Artwork der neuen Platte, in den Farbtönen Türkis und Pink gehalten, erinnert eher an Comme des Garçons, Tokio, als an Wacken, Schleswig-Holstein. Auf »Get Color« ist eben Lärm kein Echo des Industrie- oder gar Faustkeil-Zeitalters, keine Reaktion auf die Geräusche des Alltags oder der Arbeitswelt, sondern ein zu Nanoteilchen fragmentiertes Abstraktum, mehr Idee als tatsächlich vorhandener Krach – und als Paintball-Soundtrack höchst ungeeignet. Am idealtypischsten zu erkennen ist dies im letzten Stück der Platte, »In Violet«. Das kommt ganz ohne Lärm aus – Noise ohne Noise, womöglich die einzige Option auf Relevanz, die Noise zur Zeit hat.

»Get Color« von Health erscheint am 18. September (City Slang / Universal). Vom 12. bis 18. Oktober spielen Health Live in Österreich und Deutschland.

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