Health Death Magic

Death Magic soll Pop sein – mit den Mitteln einer elektrifizierten Melancho-Splatter-Noise-Band.

»Wenn Computerspiele und andere Medien wichtiger sind als Rockmusik, kann man nicht einfach so weitermachen«, erklärte Andrew Fearn, der Sleaford Mod im Hintergrund, unlängst in der taz. Recht hat er. Eine bestens erprobte Strategie der Rock- beziehungsweise Popmusik ist allerdings das Sich-Arrangieren. Da, wo die Pixel-Millionen umgesetzt werden, öffnen sich schließlich Töpfe, die größer sind als jeder Kulturetat oder manches Marketingbudget eines großen Konzerns. Flying Lotus hat etwa seine eigene Radiostation in der aktuellsten Ausgabe der Videospielreihe Grand Theft Auto. Weltgestaltende Möglichkeiten tun sich auf.

Auch die US-Band Health ist auf den digitalen Trichter gekommen. Nach zwei regulären Alben in drei Jahren nahm sie 2012 den Soundtrack für das Spiel Max Payne 3 auf. Bei den Entwicklerfirmen wäre man auch schön blöd gewesen, hätte man die Band auf Dauer links liegen gelassen. Wie soll Rockmusik im digitalen Zeitalter denn sonst klingen, wenn nicht wie Health? Wo verzerrte Gitarren wie tausend kaputte Synthesizer klirren und flirren, wo ein fortwährendes Trommelgewitter die schlaffen Körper durchfährt, wo Sänger Jake Duzsiks Stimme wie eine akustische Fata Morgana durch den Sturm huscht. Die auf diesem Weg erzielten Einnahmen sollen die Band dem Vernehmen nach derart angefixt haben, dass man die bisherigen Indiekanäle verließ, um den eigenen Markenwert zu reevaluieren.

Es ist müßig, über einen solchen Schritt zu urteilen, aber er schraubt die Farbsättigung des Szenarios, vor dem Health nun ihr neues Album veröffentlichen, nochmals eine Stufe höher. Einfach weitermachen wie bisher ist, wie gesagt, keine Option. War es auch nie. Health haben ihren elektrifizierten Melancho-Splatter-Noise über die Jahre immer zugänglicher gemacht. Bekannten die restlichen drei Bandmitglieder nach Erscheinen des Debüts noch freimütig, aufgrund der beengten und lauten Aufnahmesituation kein einziges Wort von Duzsiks Lyrics verstanden zu haben, geben sie sich heute große Mühe, Texten und Melodien Luft zu geben. Death Magic soll Pop sein – mit den Mitteln Healths.

Auf ihre radikale Ästhetik und ihre typischen Signaturklänge verzichtet die Band nicht. Allerdings hat sie sich einem Formalismus unterworfen, der musikalisch auf Repetition und Abgrenzung statt auf Verschränkung und Auflösung in Kakofonie setzt. Stampf ist Trumpf. Das klingt sogar noch epischer als auf den zwei Vorgängeralben. Death Magic ist Hans Zimmer fürs Berghain. In seinen besten Momenten. Bisweilen klingt das auch wie Rammstein. Oder, da man Jake Duzsik plötzlich so gut versteht, wie Miley Cyrus. Derart vermeintlich vielsagende, aber völlig beliebige Zeilen wie: »Life is strange / We die and we don’t know why«, oder: »We die, so what?« würde man einem verlebten Popstar auch problemlos zutrauen. Eindimensionaler, harmloser Skaterboy-Romantizismus, der sowohl mit dem Leben als auch mit dem Nihilismus und der Wahrheit abgeschlossen hat, dominiert das Album. Er sagt am Ende leider doch nur: einfach weitermachen.

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