Headless Heroes

Ein bisschen unromantisch und seinem handgemachten Geist zuwiderlaufend klingt die Entstehungsgeschichte des Albums schon. Da hat der Amerikaner Eddie Bezalel, der als Executive Producer für das »Version«-Album des britischen DJs und Produzenten Mark Ronson (Amy Winehouse) arbeitete, die Idee, wie dieser ein Album mit Coverversionen herauszubringen. Er lässt den Produzenten Hugo Nicolson einen Kreis von insgesamt acht Studiomusikern rekrutieren sowie eine Auswahl geeigneter, coverbarer Songs zusammenstellen. Schwerpunkt: dunkelromantisches angloamerikanisches Liedgut. Dessen Spektrum reicht von den sechziger bis zu den neunziger Jahren des letzten Säkulums. Der manisch-depressive amerikanische Kult-Songwriter Daniel Johnston (»True Love Will Find You in the End«) soll ebenso interpretiert werden wie die Folkmusikerin Vashti Bunyan (»Here Before«), die Feedback-Popper The Jesus And Mary Chain (»Just Like Honey«) und Dunkelmann Nick Cave (»Nobody’s Baby Now«). Dazu sollen sich die melancholischen Mankunier I Am Kloot (»To You«) und die tragische amerikanische Folklegende Jackson C. Frank (»Blues Run the Game«) gesellen. Was jetzt noch fehlt, ist jemand für den Gesang. Bezalel schaut sich im Internet Musikerprofile des sozialen Netzwerks MySpace an und landet irgendwann bei: Alela Diane.

    Alela Diane Menig aus dem kalifornischen Nevada City wird gern der New-Weird-America- und Neo-Psych-Folk-Szene zugerechnet, transzendiert mit ihrem zeitlosen und trance-, aber keinesfalls kleinmädchenhaft gesungenen minimalistischen Folk jedoch solche Genregatter. Seit der (Wieder-)Veröffentlichung ihres zweiten Albums »The Pirate’s Gospel« (2004/2008) zählt sie zu den Schon-kaum-mehr-Geheimtipps hinsichtlich der Anwartschaft auf den Titel ›Neuer Planet im Folkkosmos‹.

    Naturgemäß haben die zehn Aufnahmen mit Alelas Solowerken wenig zu tun: Das Johnston-Stück und Juicy Lucys »Just One Time« interpretiert sie mit einer Schärfe, Coolness und auratischen emotionalen Distanziertheit, die an Jefferson Airplanes Grace Slick erinnern, während der Vashti-Bunyan-Song mit wärmerer Vokalfärbung schon vertrauter klingt. Das wunderbare Wehmutsstück »Hey, Who Really Cares?« aus der Feder der – unter anderem von Devendra Banhart kultisch verehrten – singenden Zahntechnikerin Linda Perhacs vom umwerfenden 1970er Album »Parallelograms« covert Diane mit angemessener schlafwandlerischer Akzentuierung. Neben Bunyan dürfte Perhacs die Künstlerin sein, der sich Diane hier am wahlverwandtesten fühlt. Wie breit ihre Stimmpalette wirklich ist, zeigt sie im mit Streichern arrangierten Schlussstück »See My Love«. Auf dem vom kurzlebigen Hippie-Duo The Gentle Soul stammenden Song kann man Diane virtuos in Soprangefilden tirilieren hören. Die einzige, allerdings nicht auf Dianes Konto gehende Sünde des Albums ist die vergemütlichte Country-Pop-Version des The-Jesus-And-Mary-Chain-Stückes. Bleiben noch neun famose musikalische Überwinterungshilfen.

    Allzu lange hat sich Alela Diane gewiss nicht mit den Stücken beschäftigt. Dass sie es dennoch schafft, sie sich auf souveräne Weise einzuverleiben und zu eigen zu machen, zeigt ihr ganzes Potenzial. Sie hat es dem Vernehmen nach als anregend und befreiend empfunden, eine solche nicht mit dem Siegel und der Verantwortung eigener Autorschaft verbundene ›Auftragsarbeit‹ zu verrichten, da sie ihr die Chance geboten habe, mit Gesangsstilen und Ausdrucksnuancen zu Songs und Instrumentierungen zu experimentieren, die sie für das eigene Werk nie in Anwendung gebracht hätte. Die Aufnahmen für ihr neues Album sind seit Längerem fertig und sollen Anfang kommenden Jahres endlich erscheinen. Das Headless-Heroes-Projekt ist dabei mehr als nur ein Wartezeitverkürzer.

LABEL: Fargo Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 07.11.2008

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