Hauschka Room To Expand

Wer zu Hause, bei den Eltern oder bei Freunden ein Klavier stehen hat, sollte einmal ausprobieren, das Klavier zu präparieren und Radiergummis, Papier und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs zwischen oder auf die Klaviersaiten zu spannen und zu legen. Das Instrument bekommt einen perkussiveren Klang, tönt auf einmal wie ein schnarrendes Spinett, schwingt wie ein Vibraphon oder eine Glocke. Mehr- und Flageolett-Klänge sind zu hören, das Timbre verändert sich fundamental. Nach Gesprächen mit seinem Lehrer Cowell, der ihn auf die Manipulationsmöglichkeiten des Königs unter den Instrumenten und bevorzugten Experimentierfelds vieler (klassischer) Komponisten hinwies, fing John Cage, der »geniale Erfinder« (Arnold Schönberg), Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts an, den Klang des Klaviers grundlegend zu ändern: »Es gilt das akademisch verbotene, nichtmusikalische Klangfeld, soweit dies manuell möglich ist, zu erforschen« (Cage, 1937). Cages Arbeit gipfelte dann in den »Sonatas and Interludes«, die auch heute noch beeindrucken können. Vorher aber hatten schon kluge Köpfe wie Busoni die temperierte, die Tonskala simplifi zierende Stimmung der Saiten beklagt, oder, wie Ives, die Unfähigkeit des Instruments, kleinere Tonabstände als Halb- und Ganztöne wiederzugeben. Mehr als 50 Jahre später experimentierte Aphex Twin auf seinem »Drukqs«-Album auf ähnliche Weise und schuf zwei seiner anrührendsten Kompositionen, »Avril 14th« und »Strotha Tynhe«.

    Der Düsseldorfer Pianist Volker Bertelmann, der jüngst vom Berliner Label Karaoke Kalk zum englischen Fat Cat gewechselt ist und dort nun als Hauschka eine neue Platte veröffentlicht, zeigt auf »Room To Expand«, ähnlich wie Aphex Twin, nur handwerklich virtuoser, dass Cowells und Cages Versuchen und dem Klang des Klaviers überhaupt auch im Jahre 2007 noch etwas Neues hinzugefügt werden kann. Wie Hauschka, der schon auf »Pingipung Plays: The Piano«, der empfehlenswerten Klavier-Experimentier-Compilation des Lüneburger Labels Pingipung glänzte, auf »Room To Expand« komponiert, das Klavier wie ein Gamelan oder wie die bestmögliche Drum Machine klingen lässt, in »La Dilettante« kammermusikalisch agierende Streicher, in »Chicago Morning« erst vorsichtig, dann mächtig aufspielende Bläser und aufwändige rhythmische Bewegungen arrangiert, rückt ihn in die Nähe von so großen Meistern wie Van Dyke Parks oder Jim O’Rourke. Zudem verweist Bertelmann auf seinem neuen Album auf den Franzosen und kompositorischen Fin-de-Siècle-Außenseiter Erik Satie und zitiert des Öfteren amerikanische Vorbilder wie Steve Reich und Philip Glass. Die zwölf Stücke variieren in Tempo und Instrumentation mit einer großen Könnerschaft, Bertelmanns Klavierspiel ist überaus ausdrucksstark. Wie langweilig sich dagegen doch Yann Tiersens und Gonzales’ Klavieralben ausnehmen, man glaubt es kaum.

LABEL: Fat Cat

VERTRIEB: RTD

VÖ: 09.03.2007

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