Harmonia

Das ist wahrlich ein seltsames Kraut. Was war das für eine Zeit, als man mit Knöpfchendrehen versucht hat, eine neuartige (Pop-)Musik zu erfinden? Und was war das damals für ein Kampf mit den Maschinen, ein Straucheln, Suchen und Versuchen? Wenn ich »Live 1974« höre, stelle ich mir das Zu-Gast-Sein bei diesem Konzert (laut Michael Rother gab es bei dem Konzert rund fünfzig Zuschauer) so vor, wie der Abend vor einigen Jahren während der Popkomm (in Köln), als ich Vladislav Delay sah (neben etwa zwanzig weiteren Zuschauern), und er ein unerhörtes, ungehörtes Electronic-Set spielte – einer dieser ganz seltenen Momente, wo die Musik so intensiv ist, dass sie einem das Drumherum (Ort, Bühne, Popgeste) tatsächlich vergessen lässt.

    Die Geschichte von Harmonia begann Anfang 1973: NEU! driftete gerade auseinander: Klaus Dinger hielt sich in London auf, traf dort John Peel, Mick Jagger oder auch Mrs. Pete Townshend und versuchte, eine Englandtournee für NEU! zu organisieren. Michael Rother fühlte sich, in seinen eigenen Worten, »kreativ in einer Sackgasse« und landete auf der Suche nach einem neuen musika lischen Horizont im Weserbergland, in Forst, bei Hans-Joachim Roedelius und Dieter Möbius alias Cluster. Zu dritt geben sie sich den Namen Harmonia, und das war für Rother sicher mehr als nur ein Name: die Zusammenarbeit mit Dinger – wie zuvor schon mit ihm und Schneider-Esleben bei Kraftwerk – war gewiss kein Zuckerschlecken. Harmonia veröffentlichten in Folge zwei Alben. Brian Eno legte 1976 auf seiner Reise nach Berlin (um in den Hansa-Studios mit Bowie »Heroes« und »Low« zu produzieren) elf Tage Zwischenstopp in Forst ein, wo er mit Harmonia mehrere Stunden Musik aufnahm, aus denen Roedelius später das Album »Tracks & Traces« schnitt (die Bänder lagen dann über zwei Jahrzehnte bei Eno unter Verschluss – und einige der Stücke erinnern sehr an das, was Eno in den Achtzigern unter eigenem Namen in seiner »Ambient«-Reihe veröffentlichen sollte). Im selben Jahr versuchten Dinger und Rother La Düsseldorf und Harmonia zu einer Gruppe zusammenzuführen: die Soundkomplexität von Harmonia mit der Energie von NEU!, was für eine Idee! Leider schlug das Experiment fehl.

    Harmonia spielten häufig live, im krassen Unterschied zu NEU!, von denen es genau sieben Auftritte gab: davon zwei als Duo mit Dinger an Schlagzeug, Mikrofon, Elektronik und Rother an Gitarre, Bass, Bandmaschine… Konserve und Elektronik – im Jahr 1972 empfand das Rockpublikum ein solches Vorgehen noch als Verrat und Betrug. Hier nun, zwei Jahre später, hängt das Publikum längst zugedrogt in der Ecke.

    Ein Verdienst dieser Veröffentlichung liegt natürlich in ihrem dokumentarischen Wert, aber sie lebt auch von ihrer erstaunlichen Musikalität, die sogar heute noch unglaublich modern klingt. In fünf längeren Improvisationen umkreisen sich Rothers unverwechselbare, singende Gitarre und die oft pochende, klopfende Elektronik der zwei Cluster-Jungs und fi nden immer wieder zu einem konzentrierten Zusammenspiel. Eine sanfte Rhythmik mit wenig Frequenzen im Bassbereich, mäandernde Sequenzen und harmonische, schwebende Flächen. Bei »Veteranissimo« oder »Arabesque«, wo Rother ordentlich draufl os bratzt, wünscht man sich Klaus Dinger am Schlagzeug. Am meisten verblüfft das motorisch vorantreibende »Holta-Polta«, das nicht nur von seinem bescheuerten Namen her ein Cousin von »Ruck-Zuck« und »Hallogallo« ist: Die Maschinchen hier mögen vielleicht nicht so rocken wie bei Kraftwerk und NEU!, aber das Stück ist dennoch von ähnlich zeitloser Modernität.

LABEL: Grönland Records

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 19.10.2007

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