Harmonia / Qluster / Mueller Roedelius / Roedelius & Muraglia – Krautrock scheiterte schön

Foto: Coverartwork Harmonia – Complete Works

Labels wie Grönland oder Bureau B wühlten tief in den Archiven aufregenderer Zeiten und erkundeten die aufregenderen Seitenpfade der Gegenwart. 

Krautrock scheiterte schön. Zuerst wurde Talarmuff gegen kosmische Staubpartikel eingetauscht, man stellte das Deutschsein in Frage, suchte neue Identitäten. Dann kamen Kraftwerk, schnitten die Haare wieder ab und machten die Autobahnen befahrbar, als wäre nichts passiert. Krautrock blieb im kollektiven Gedächtnis verankert, unterlag aber einem Schweinezyklus: Wieder und wieder wuchs die Nachfrage, das Angebot stolperte hinterher. Bis vor wenigen Jahren: Labels wie Grönland oder Bureau B wühlten tief in den Archiven aufregenderer Zeiten und erkundeten die aufregenderen Seitenpfade der Gegenwart. Viele Nutznießer ihrer Arbeit sind jedoch verstorben. Conrad Schnitzler etwa 2011, Dieter Moebius im Juli dieses Jahres. Hans-Joachim Roedelius aber, immer schon Kurzhaarträger, lebt und ist aktiv wie je.

Zwei Tage, nachdem Moebius’ Tod publik wurde, kündigte Grönland eine umfassende Werkschau von Harmonia an, Roedelius’ und Moebius’ gemeinsames Projekt mit Neu!-Gitarrist Michael Rother. Complete Works versammelt neben den beiden Studioalben der Band ein 2007 veröffentlichtes Live-Album mit Aufnahmen von 1974, die Brian-Eno-Kollaborationen von der 1997 nachgereichten Compilation Tracks & Traces sowie unveröffentlichte Live-Aufnahmen und Studiojams aus dem niedersächsischen Forst, wo sich Harmonia fernab kultureller Ballungsräume ein neues Zuhause für neue Identitäten suchten. Braucht es aber das Bonusmaterial oder das im Box-Set enthaltene Pop-up-Modell des Anwesens, in welchem sich die drei zum Teil gemeinsam mit Eno einquartierten, wirklich? Harmonias größte Gesten waren doch eigentlich immer die kleinen, eleganten. Schimmernder (Proto-)Ambient, minimalistischer Freundlichkeitsrock.

Vom ebenso vielseitigen wie in sich geschlossenen Werk Harmonias ziehen sich eine Vielzahl von Life Lines (so der Name eines Roedelius gewidmeten, dreitägigen Festivals in Berlin im September 2015) zu Roedelius’ jetzigen Projekten. Die Neugier nach dem Möglichen ist geblieben. Im Zentrum steht mittlerweile das Klavier, das der 80-Jährige von verschiedenen Perspektiven aus angeht. Auf dem doppeldeutig betitelten Album Tasten von Qluster verteilen sich die von Roedelius, Armin Metz und Onnen Bock erzeugten Pianotupfer scheinbar wahllos durch den Raum und über die Zeitachse. Mondschein-Lullabies für Minimal-Fans, wohlklingend und unaufgeregt.

Anders Roedelius’ Kollaborationen mit einerseits Christoph H. Müller und andererseits Leon Muraglia. Imagori verwendet Live-Instrumentierung wie die japanische Falttechnik, nach der die Platte anagrammatisch benannt wurde: Müller und Roedelius machen rhythmische Kontraste zwischen Beats und Melodien auf, um sie schlussendlich zusammenwachsen zu lassen. Ubi Bene hingegen zielt auf Vielfältigkeit: Mal rattern Drum-Machines, mal knuspert die Elektronik, immer wieder ziehen verhuschte Klaviertöne über weite, weiche Flächen. Die wiegen so sanft auf und ab wie die Nachfrage für Krautrock, dieses schön gescheiterte Projekt, das Roedelius sich zur Lebensaufgabe gemacht hat.

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