Hannah Cohen Pleasure Boy

Emotionale Talfahrten – leider auch beim Hören: Hannah Cohens Pleasure Boy? Nice try.

Der in Rot und Blau getauchte Album-Teaser zu Pleasure Boy ruft Erinnerungen an Filmsequenzen aus David Lynchs Blue Velvet wach. Hannah Cohen setzt ihre Albumfigur ähnlich in Szene wie einst Lynch seine Dorothy Vallens. Sie bewegt sich voguend im roten Licht und verkörpert das typisch mystifizierte Frauenbild, das so oft in Lynchs Filmen vorkommt. Mit diesem Tribut ist die kalifornische Sängerin nicht allein, Lana Del Rey veröffentlichte vergangenes Jahr eine Coverversion des Bobby-Vinton-Klassikers »Blue Velvet«. Wenig Ähnlichkeit mit Del Rey wies Cohens folkiges Debütalbum Child Bride auf, umso offensichtlicher sind die Parallelen bei Pleasure Boy: Beide verweisen auf Lynch, singen ausschließlich über die Liebe, und ihre Albumfiguren verkörpern diesen verklärten Typus Frau – schnarch. Cohen schafft es auf jeden Fall, classy rüberzukommen, aber falls sie sich vom Lana-Vergleich emanzipieren wollte: nice try

Verlassen werden und trotzdem bleiben wollen: Mit acht Songs, die meisten davon sind sehr langsame Balladen, zelebriert Pleasure Boy die vergangene Liebe. Dabei verschwimmen die autobiografischen Elemente mit der Figur der Erzählerin, die als eigenständige Kunstfigur leider nicht bestehen kann. Die Trennungsstimmung spiegelt sich durchgängig in der Klangfarbe des Albums wider, die Pianoballaden – größtenteils von Thomas Bartlett alias Doveman produziert – begleiten beim Hören durch emotionale Talfahrten. Interessant wird die Musik dann, wenn wirrere Elemente in der Instrumentierung und im Gesang auftreten – was leider nur in zwei Songs passiert. So greift »Queen Of Ice« die eingangs erwähnten Lynch-Elemente wieder auf. Der Song ist sehr bildhaft, der für den Film noir typische Sound schafft eine mysteriöse, dunkle Stimmung. Immer wieder singt Cohen »Let me call you mine« und vermittelt den Moment des Verrücktwerdens, den Liebe auslöst, wenn man Verlustangst spürt. Schnell hintereinander gesungene Refrainzeilen tauchen auch in der Singleauskopplung »Keepsake« auf: »Tell me your name, tell me your name …« Das Single-Artwork bemüht wieder die Farben Rot und Blau des Albumteasers, Cohen posiert im pinken Outfit vor hellblauem Grund. Die arty Farbreferenzen stehen, wie auch bei Lynch, für Sünde und Hoffnung. »Keepsake« handelt vom Schmerz, jemanden zu lieben, der seine sexuelle Erfüllung längst woanders sucht, doch richtig vorbei ist es trotzdem nicht. Eine elende Situation.

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