Hamilton Leithauser vs. Rostam Batmanglij – Isolation New York

Isolation Bürgersteig: Batmanglij (l.) und Leithauser (r.)

Der Ex von The Walkmen und der Ex von Vampire Weekend sind jetzt zusammen. Ihr Duo-Debüt I Had A Dream That You Were Mine ist voller Songs aus einer anderen Ära. SPEX hat sie dazu befragt.

Hamilton Leithauser und Rostam Batmanglij sind alte Bekannte. Und beide haben lange Beziehungen hinter sich, die in New York begannen: Leithauser war Frontmann von The Walkmen, Batmanglij spielte als Multiinstrumentalist bei Vampire Weekend eine zentrale Rolle. Zuletzt wirkte er an zwei Tracks von Leithausers Soloalbum mit (hier unsere Rezension). Die Chemie stimmte, und schon damals deutete sich an, dass es kreative Verschwendung wäre, die Zusammenarbeit nicht in einer anderen Dimension fortzusetzen.

Auf I Had A Dream That You Were Mine versammeln die beiden nun zehn Stücke, deren Affinität gegenüber den Fünfzigerjahren teilweise auch an den eher klassischen Sound des letzten Vampire-Weekend-Albums anknüpft (Modern Vampires Of The City, die Nummer eins der SPEX-Jahrescharts 2013). Am Tag des Interviews herrscht in Berlins Innenstadt reger Verkehr. Den Rückflug darf das Duo auf keinen Fall verpassen. Damit das Interview nicht platzt, wird das Gespräch kurzerhand auf der Rückbank im Taxi geführt.

Herr Leithauser, Herr Batmanglij, Sie haben schon einmal zusammengearbeitet. Aber wie kam es zu dem Entschluss, gemeinsam ein ganzes Album aufzunehmen?
Hamilton Leithauser: Rostam hat nach der Produktion für mein Soloalbum vorgeschlagen, noch einmal etwas gemeinsam zu machen. Wir haben uns in Los Angeles getroffen und in seinem Haus gearbeitet. Es lief sehr gut. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits mehr Material, als wir ursprünglich geahnt hätten. Sechs Monate später haben wir uns entschlossen, ein Album aufzunehmen.
Rostam Batmanglij: Für mich drehte sich alles um Hamiltons Stimme. Mit meinen Produktionen wollte ich ihr eine passende Umgebung schenken. Ich habe als Produzent immer den Anspruch, den Sound sehr spezifisch an die jeweilige Stimme anzugleichen.

Das erinnert an die Vorgehensweise von Brian Eno, der unter anderem entscheidende Arbeiten mit David Byrne von den Talking Heads realisiert hat. Sie haben sich im Vorfeld auf die beiden bezogen. War das Koketterie oder fühlen sie sich Eno und Bryne verbunden?
RB: Eno hat seine Kreativität auf unterschiedlichen Ebenen ausgelebt. Er konnte Musik vollkommen alleine, aber auch in der Gruppe machen. Ich denke, dass er sehr anschlussfähig ist, und dadurch hat er mich inspiriert.
HL: Der Vergleich entstand nicht, weil es stilistische Parallelen zwischen uns gibt. Beide Musiker haben über lange Zeit miteinander gearbeitet, doch während dieser Phase stand jeder Name immer auch für sich selbst.

Sie beide haben in der Vergangenheit in Bands gespielt, die sich jenseits konventioneller Rockschemata bewegten. Inwiefern hat das Ihr Projekt geprägt?
RB: Wir haben beide natürlich sehr wichtige Rollen in unseren Gruppen eingenommen. Dadurch haben diese Phasen sicherlich ihren Anteil an den neuen Stücken.
HL: Wir kennen den Bandkatalog des anderen sehr gut, fast auswendig. Man möchte sich aber nie wiederholen, Imitation will man generell ausschließen.

»Ich vermisse die Tage enorm, an denen ich keinen Zugang zum Internet besaß.« (Hamilton Leithauser)

Es hieß, dass Sie müde vom Rock’n’Roll geworden seien.
HL: Müde bin ich nicht. Aber um ehrlich zu sein, haben mir meine früheren Shows viel physische Kraft abverlangt. Ich habe das mit einer Band, die für ihren lauten Stil bekannt war, zwölf Jahre lang ohne Unterbrechung durchgezogen. Wenn man immer versucht, möglichst hart zu klingen, kann es aber auch einmal langweilig werden. So ein Sound hat durchaus seine Berechtigung, aber mein Interesse gilt momentan anderen Dingen.

Hat das auch zu den eher subtilen Jazz-Referenzen geführt, die man bisher weder bei The Walkmen noch bei Vampire Weekend lokalisieren konnte?
HL: Für mich klingt das nicht nach Jazz.
RB: Aber natürlich! Zum Beispiel der Mittelteil von »Rough Going«.
HL: Wirklich? Gut, eventuell die Passagen mit dem Saxofon. Aber ich hätte das wirklich nicht als Jazz bezeichnet.

Wenn Sie sich hier schon uneinig sind: Wie kann man sich den Verlauf Ihrer Kollaboration vorstellen?
RB: Es wurde nicht gekämpft.
HL: Wir haben uns Pausen gegönnt. Nach intensiven Produktionsphasen haben wir zwischendrin für vier bis sechs Wochen pausiert. Als wir wieder angefangen haben, fühlte sich die Arbeit sehr frisch an und man erhielt überhaupt erst einmal eine Perspektive dafür, woran man eigentlich arbeitet und wo man sich akut befindet.
RB: Wir sind bei dem Album zum Teil wie bei einem Film vorgegangen. Wir haben im Nachhinein etwas geschnitten und diverse Szenen noch einmal neu aufgenommen. Das betraf zum Teil auch die Lyrics.

Durch die Einbettung von Orgelsounds, Mundharmonika und der generell eher klassischen Instrumentierung erscheint das Album wie eine Hommage an die Fünfzigerjahre.
RB: (nickt und blickt in Richtung Leithauser) Leonard Cohen ist sein Favorit.
HL: Keine Frage! Wir haben unsere Ideen mit Elementen amerikanischer Klassiker kombiniert. Für die Passagen mit den klassischen Gitarren wurden wir explizit von Cohen inspiriert. Ich habe seine Musik sehr lange Zeit gehört und auch einen Gedichtband von ihm gelesen. Aber sein Roman Beautiful Losers ist einfach nur lächerlich. Das so deutlich zu sagen, ist nur fair. Cohen würde mir da höchstwahrscheinlich sogar zustimmen. Ich habe das in der Highschool gelesen.
RB: (äfft Leithauser nach und lacht) »Also, ich habe das in der Highschool gelesen.«

Das lyrische Ich in »You Ain’t That Young Kid« verfasst noch Briefe, in »A 1000 Times« scheint es eine Katastrophe zu sein, die Telefonnummer eines Menschen verloren zu haben. Ein Problem, das man im digitalen Zeitalter eigentlich nicht mehr kennt.
HL: Heute sendet man einfach Tweets, aber wer schreibt noch Briefe? Ich vermisse die Tage enorm, an denen ich keinen Zugang zum Internet besaß. Man ist ständig auffindbar.
RB: Die Stücke spielen in gewisser Hinsicht in einer früheren Ära, in der man nicht unmittelbar erreichbar war.
HL: In Bezug auf die Songs würde ich sogar sagen, dass in ihnen oft jemand den Versuch unternimmt, mit einer anderen Person Kontakt aufzubauen.

Trotz der Harmonien dominiert in vielen Songs ein melancholischer Gestus.
HL: Das gilt insbesondere für »You Ain’t That Young Kid«. Für uns war es reizvoll, eine traurige und leidende Geschichte mit glücklich anmutenden Arrangements zu verbinden. Es gibt auch einen immensen Tempowechsel in dem Stück.
RB: Ehrlich gesagt habe ich Ezra (Koenig, Sänger von Vampire Weekend) eine Version von dem Song vorgespielt, als es nur zwei Abschnitte gab. Er hat vorgeschlagen, einen dritten einzubauen – dafür muss ich ihm einen Credit geben. Die Idee war nicht schlecht. (lacht)
HL: Ezra ist ein guter Typ.
RB: Das Album verarbeitet prinzipiell auch Erfahrungen in New York. Mittlerweile habe ich den Gedanken entwickelt, dass hinter allen Aufnahmen ein einsamer Charakter steckt, der sich in absoluter Isolation befindet und vollkommen auf sich allein gestellt ist.
HL: Gott, jetzt wird es düster! Ich fange an, mir Sorgen zu machen, Rostam.

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