Gute Nippel, böse Nippel

Still: Trailer zu "Free The Nipple"

Auf Facebook und Instagram werden Bilder von weiblichen Brustwarzen routinemäßig gelöscht. US-amerikanische Aktivistinnen kämpfen daher für ihr Recht, Nippel zu zeigen. Derweil verbieten in Deutschland links-hedonistische Veranstaltungen wie das Fusion Festival genau das ihren männlichen Besuchern. Totale Verwirrung. Wer soll öffentlich blankziehen, wer darf es nicht und warum? Ein Bericht aus der Kampfzone.

Vier Tage Schlamm, Schweiß und Ekstase. Seit mehr als 20 Jahren zählt die Fusion in Mecklenburg-Vorpommern zu den europaweiten Höhepunkten des rauschhaft zelebrierten Technohippietums. Doch auch in Nischen und Randgebieten ändern sich die politischen und kulturellen Codes. Einiges von dem, was die Besucher traditionell an und auf ihren Leibern tragen (oder eben nicht) ist bei der Generation Y heute verpönt. So beschrieb 2015 eine Autorin des Missy Magazine anschaulich ihren Ekel in Anbetracht hemmungsloser cultural appropriation.

Bindis! Pluderhosen! Indianerfedern! Und natürlich: Filzhaar soweit das Auge reicht, was die Autorin zu der Frage veranlasste, ob es überhaupt biodeutsche Dreadlockträger gebe, die nicht zur Fusion fahren würden.

Das Verhältnis des Feminismus zur weiblichen Damenober- sowie Unterbekleidung ist traditionell tief gespalten.

Für erhitzte Diskussionen sorgte in diesem Jahr aber nicht die bevorzugte Haartracht der Feiernden, sondern die von den Organisatoren aufgestellten Schilder mit der Aufschrift „No Shirt – No Service“. Dahinter steckt die Idee, dass männliche Besucher, die an heißen Tagen gerne mit nacktem Oberkörper herumlaufen, sich solidarisch mit den weiblichen Gästen zeigen sollten. Denn diese müssten auch bei subtropischen Temperaturen ihre Brüste stets bedeckt halten, da sie sonst Blicke, Sprüche oder Schlimmeres riskieren würden („Glotzen ist Gewalt“).

Vorhersehbarerweise sorgte dieses Vorgehen für große Empörung auf Seiten der Männer, die im Fusion-Forum dutzendfach kundtaten, eine solche Bevormundung als repressiv, rückschrittlich und grenzwertig-faschistisch zu empfinden. Gerne beteuerten sie auch, absolut nichts gegen Oben-Ohne-Girls zu haben (höhö) und erteilten dazu noch gutgemeinte Ratschläge, wie das mit der Gleichberechtigung der Frau ganz einfach zu bewerkstelligen sei („Mädels, wo bleibt euer Selbstbewusstsein?“). Ebenso vorhersehbar wurde dies von weiblicher Seite mit wüsten Beschimpfungen quittiert („Cis-Vollpfosten“).

Das Verhältnis des Feminismus zur weiblichen Damenober- sowie Unterbekleidung ist traditionell tief gespalten: Frauenrechtlerinnen der Ersten Welle kleiden sich bewusst anti-feminin und hochgeschlossen, ihre Schwestern der Zweiten Welle verbrannten ihre BHs als Marterinstrumente, die Dritte Welle erblickte im Wonderbra ein Instrument der Selbstermächtigung. Sie alle hinterließen der heutigen Vierten Welle ein dickes Problem damit, überhaupt auf politisch korrekte Weise Brüste zu besitzen.

Trotzdem mutet das Nippel-Verbot, noch dazu im ehemaligen FKK-Eldorado Ostdeutschland irgendwie anachronistisch an. Schließlich zählt es zu den weltweit bekannten kulturellen Klischees, dass Deutsche immer nackt sind. Nackt in der Sauna, nackt am Baggersee und zu Hause sowieso. Hinzu kommt, dass „No shirt – no shoes – no service“-Schilder in den USA bereits ab den Sechzigerjahren üblich wurden. Zunächst, um der bitterarmen, überwiegend schwarzen Landbevölkerung den Zutritt zu verweigern, später dann, um verfilzten Hippies die Tür zu weisen.

Traurige Realität ist, dass öffentliche Nacktheit auf beiden Seiten des Teichs ein selbstregulierendes System ist, das auf der Attraktivität und Marktförmigkeit der jeweiligen Körper beruht. Sehr schöne dürfen alles zeigen, etwas weniger Hübsche etwas weniger und ganz Hässliche gar nichts.

US-amerikanische Aktivistinnen wählen daher einen anderen Weg, um auf die Ungleichbewertung männlicher und weiblicher Brustwarzen aufmerksam zu machen. Unter dem Hashtag Free the Nipple rufen sie dazu auf, bei jeder Gelegenheit blanken Busen zu zeigen oder doch wenigstens ein T-Shirt mit aufgedruckten Brüsten aus dem Web-Shop zu erwerben.

Traurige Realität ist jedoch, dass öffentliche Nacktheit auf beiden Seiten des Teichs ein selbstregulierendes System ist, das auf der Attraktivität und Marktförmigkeit der jeweiligen Körper beruht. Sehr schöne dürfen alles zeigen, etwas weniger Hübsche etwas weniger und ganz Hässliche gar nichts. Da sitzen dann ausnahmsweise auch mal die männlichen Fusion-Besucher im gleichen Boot: Sehnig-muskulöse Typen fühlen sich eben häufiger dazu inspiriert, das T-Shirt wegzulassen als solche mit Bierbauch und man-tits.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Sich wenigstens ein Tanktop überzuziehen, ist auch bei großer Hitze durchaus zumutbar und es kann nicht schaden, sich auch als Mann ein paar Gedanken darüber zu machen, wie der eigene Körper im öffentlichen Raum wirkt und welche Botschaften er bewusst oder unbewusst aussendet. Angemessene Bekleidung ist nicht zuletzt eine Form von Höflichkeit. Über angemessene Frisuren wollen wir an dieser Stelle gnädig den Mantel des Schweigens breiten. Sonst heißt es womöglich schon bald: Keine veganen Würstchen für Wursthaarträger!

4 KOMMENTARE

  1. Sehr schade, dass dieses Thema im Artikel so undifferenziert oberflächlich abgewatscht wird. Die Diskussionen anlässlich der „Fusionereignisse“ in einen Topf mit Oberbekleidung im öffentlichen Raum zu werfen ohne dabei auf den Unterschied hinzuweisen, dass es eben ein großer Unterschied ist, ob ich bei DM an der Kasse oder auf der Fusion an der Bar stehe ist und dann auch noch Frisuren mit einzubringen oder zumindest zu erwähnen,so dass man den Eindruck bekommen könnte, es hätte irgendetwas mit der eigentlichen Debatte zu tun, hat doch so rein gar nichts von inhaltlichem Journalismus. Es liest sich wie: „Es würde darüber gesprochen, aber eigentlich eh egal und wir machen ja alle irgendwie was falsch aber haltet euch mal ein bisschen zurück Männer!“ Schön wäre es doch mal, wenn man bei dem Thema die rechtlichen Grundlagen und die Veränderungen im Laufe der Jahre (sollte es da was geben), ein Statement von den Fusionveranstaltern, unterschiedlichen feministischen Vereinen oder auch Männerorganisationen. Wie Vereine für Opfer sexualer Gewalt dazu stehen würde mich z.B. auch sehr interessieren. Aber so ist es wirklich einfach nur 2min vergeudete Lesezeit.

    • Anscheinend haben deine „2 min vergeudete Lesezeit“ nicht dazu gereicht, den Artikel bis zum Ende durchzulesen, denn sonst hättest Du die m.E. richtige Schlussfolgerung, die des Pudels Kern der Debatte erfasst, wenigstens zur Kenntnis genommen und würdest dich nicht zum Opfer stilisieren:
      „Traurige Realität ist jedoch, dass öffentliche Nacktheit auf beiden Seiten des Teichs ein selbstregulierendes System ist, das auf der Attraktivität und Marktförmigkeit der jeweiligen Körper beruht.“
      Und da sind sich Fusion-Hippies, Alt-86er und der mainstreamige Rest sehr ähnlich und es ist seit langer Zeit ein Problem, das es irgendwie zu lösen gilt. Der Artikel benennt dies richtig und bietet einen Einstieg ins Thema.

  2. Also bei uns auf der Arbeit wird von den Männern immer noch erwartet lange Hosen zu tragen auch bei großer Hitze, während die Frauen auch in luftigen Kleider erscheinen dürfen, die manchmal kürzer sind, wie meine Boxershorts. Niemand zwingt Frauen BHs zu tragen und den meisten Männern wird das auch eh egal sein oder es gar befürworten. Dieses ständige Frauen werden benachteiligt ist ein bisschen lächerlich. Sehr viele gesellschaftliche Regularien für Frauen werden von Frauen selbst aufgestellt. Intrasexuelle Konkourrenz usw.

    Und btw.: „sich auch als Mann ein paar Gedanken darüber zu machen, wie der eigene Körper im öffentlichen Raum wirkt und welche Botschaften er bewusst oder unbewusst aussendet“

    Das scheint mir doch eher ein guter Rat an Frauen zu sein. Männer zeigen dazu im Vergleich nun wirklich weniger Haut.

  3. Habe jetzt deinen Kommentar nur überflogen, aber vielleicht lohnt es sich auch für dich mal darüber nachzudenken, dass die Fusion (mit immerhin 80k + Menschen) ebenso ein öffentlicher Raum ist, der einen gesamtgesellschaftlichen Querschnitt abbildet und nicht eine quasi-elitäre Gemeinschaft mit ausschließlich emanzipierten, antisexistischen, antirassistischen Individualist*innen

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