Grouper „Grid Of Points“ / Review

Grid Of Points fühlt sich an, als fehlte ihm etwas. Das hat jedoch nicht mit der Kürze der Platte oder ihrer Spärlichkeit zu tun, sondern mit den erzählerischen und emotionalen Leerstellen in den Songs.

Es gibt eine Elizabeth Harris in diesem Heft, die als Expertin gilt für Oralsexrekorde und Spermakuchen. Es gibt aber noch eine zweite Elizabeth Harris, und deren Kompetenzen liegen am anderen Ende des Schweinkramspektrums. Als Grouper veröffentlicht sie seit 13 Jahren Musik, die mit jeder neuen Platte entschlossener aus dem Soundnebel heraustritt, der anfangs alles umgab, was Harris tat. Es zischte und raschelte und braute sich etwas zusammen auf den frühen Grouper-Alben. Die Entladungen aber fanden immer außerhalb der Songs statt, in den Köpfen des Publikums oder auch gar nicht.

Mit Grid Of Points kommt die Sängerin, Loop-Pedal-Gitarristin und Pianistin bei ihrem elften Album an. Die wahnsinnige Stille, die sowohl Lautstärke als auch Bewegungsradius ihrer Musik betrifft, ist noch immer oberstes Kennzeichen: In 22 Minuten stellt Grid Of Points sicher, dass nicht eine Note zu viel oder zu laut erklingt. Trotzdem wird alles immer klarer bei Grouper. Schon der Vorgänger Ruins hatte einen Teil des Vordergrundrauschens abgelegt, hinter dem Harris früher Botschaften und Songs verbarg. Jetzt ist es nur noch der Kathedralenhall auf ihrer Stimme, der die Distanz zwischen Künstlerin und Publikum aufrechterhält.

In 22 Minuten stellt sie sicher, dass nicht eine Note zu viel oder zu laut erklingt. Trotzdem wird alles immer klarer bei Grouper.

Was diese Distanz an Soundmarkierung eingebüßt hat, hat sie an zeitlichem Abstand hinzugewonnen. Wenn ein neues Album von Grouper erscheint, enthält es meist Stücke, die bereits Jahre zuvor geschrieben wurden. Ruins aus dem Jahr 2014, das mit seinem Stimme-und-Klavier-Setup auch die Richtung für Harris’ neues Album vorgab, war Resultat einer Portugal-Residenz im Jahr 2011. Schon kurz darauf schrieb Harris während eines zehntägigen Aufenthalts in Wyoming die Songs, die auf Grid Of Points enthalten sind. Wie im Rausch flossen sie aus ihr heraus. Dann bekam Harris hohes Fieber, und ihre Kreativität verstummte jäh.

Sieben Jahre später fühlt sich Grid Of Points auch deshalb an, als fehlte ihm etwas. Das hat jedoch nicht mit der Kürze der Platte oder ihrer Spärlichkeit zu tun, sondern mit den erzählerischen und emotionalen Leerstellen in den Songs. Grouper-Stücke sind Erinnerungen an Gefühle, die irgendjemand mal irgendwo vor langer Zeit durchlebt hat. Verblasste Vorahnungen, vergessene Vermutungen, vergilbte Schönheit, plötzlich unterbrochen oder abgerissen. Nicht nur selten ist diese Musik, sondern auch ungeheuer spezifisch in ihrer Unschärfe. Darin liegt ein Reiz, den es nirgendwo sonst gibt im Pop.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.