»Großzügigkeit ist geil!« – Gabi Delgado im Gespräch

Fotos: Patrick Desbrosses

Gabi Delgado-López ist in Topform. Innerhalb von eineinhalb Jahren hat der frühere DAF-Sänger zwei gut gelaunte, statementstarke Soloalben veröffentlicht, außerdem arbeitet er bereits am nächsten. 34 Jahre nach »Verschwende deine Jugend« sind Sparen und Spießertum für ihn noch immer große Aufreger. Ein Gespräch über die Griechenland-Krise, »Neue deutsche Klub Musik« und die Schönheit der Verschwendung.

SPEX: Gabi Delgado, Sie sagen, bei Ihrer Musik gehe es um die Ökonomie der Verschwendung.
Gabi Delgado: Deshalb sind 32 Stücke auf dem Album. Ich denke, dass man als Künstler, aber auch im sonstigen Leben, immer alles geben sollte. Es gibt überhaupt keinen Grund, irgendetwas zurückzuhalten oder für später aufzubewahren. Diese ganze Sparsamkeit ist doch nur kleinbürgerliche Angst vor der Zukunft. Das ist ein ganz falscher Weg, der aber leider von den herrschenden Institutionen zurzeit so brutal durchgesetzt wird. Die Sparpolitik ist nicht der Weg, um weiterzukommen. Geiz ist eben nicht geil! Großzügigkeit ist geil! Und ich muss auch sagen, ich ärgere mich, wenn ich eine Platte kaufe, und da sind nur neun Stücke drauf, und eigentlich wurden nur zwei mit Liebe gemacht. Es geht nicht nur darum, dass man etwas bietet fürs Geld, es geht auch um ein Statement. Man muss in der Politik, im Leben und der Kunst gegen diesen Sparwahn vorgehen. Es ist ja auch das Prinzip der Natur, dass man sich verschwendet: Blumen blühen für einen Tag, und dann verwelken sie. Sterne verglühen. Das ist das Leben. Ich glaube auch, dass man viel mehr zurückerhält, wenn man alles gibt. Es entwickeln sich viel mehr Ideen, viel mehr Energie. So wie bei mir: Ich wollte kein Dreifachalbum machen, deshalb sind nicht alle neuen Tracks auf dem Album. Die anderen kommen dann als Umsonstdownload auf meine Webseite. Dann habe ich das alles weg aus dem Kopf und Platz für andere Sachen. Das ist ja auch gesund, alles zu geben, weil man sich damit auch entleeren kann, und weil freie spaces im Hirn entstehen können.

Wie passen eine verschwenderische Lebensweise und die oft von Ihnen geäußerte Kapitalismuskritik zusammen? Fördert Verschwendung nicht die Konsumgesellschaft?
(überlegt) Würde ich gar nicht mal denken. Da muss ich mal drüber nachdenken. Es kommt darauf an. Im Prinzip hat kaufen nichts mit Verschwendung zu tun. Natürlich ist das anders, wenn man viel feiert und viel Zeug nimmt (lacht). Das ist natürlich konsumistisch. Aber Konsum ist eine Sache, bei der man etwas in sich rein tut, Verschwendung ist eher etwas, das von innen nach außen geht.

Empfinden Sie Gedanken über Nachhaltigkeit auch als kleinbürgerlich?
In gewisser Weise schon. Andererseits: Ich habe ja dieses Stück, »Tiere«, das genau das thematisiert. Sparsamkeit ist das eine, und etwas anderes ist die brutale Ausbeutung. Es hat nichts mit Menschlichkeit zu tun, wenn man bestimmte Wesen einfach nicht respektiert, den Regenwald abholzt und die Indiostämme vertreibt. Nachhaltigkeit hat aber trotzdem etwas Spießiges, und auch solche Sachen wie Mülltrennung – das sind nur Alibifunktionen der Politik und der herrschenden Instanzen. Der grüne Punkt zum Beispiel: Vor drei, vier Monaten habe ich noch gesehen, wie all diese Produkte, deutsche Produkte mit dem grünen Punkt, in einer chinesischen Wüste wieder zusammengekippt rumliegen. Das soll im Prinzip nur das schlechte Gewissen erleichtern und den Menschen vorgaukeln, dass etwas getan wird. In Wirklichkeit wird gar nichts getan. Aber es gibt doch immer mehr Leute, die denken, dass tauschen besser als kaufen ist. Ich sehe das vor allem in den Ländern, die wirklich von der Krise betroffen sind. Wie Spanien, wo viele Bewegungen gegen Konsumismus entstehen.

Sie leben inzwischen wieder in Spanien und haben eine Außensicht auf Deutschland. Wie beurteilen Sie denn die derzeitige Situation, auch in Bezug auf die Krise?
(lacht) Also ich sehe ganz deutlich, welchen Imageverlust Deutschland in den letzten drei, vier Jahren erlitten hat. Es war vorher fast so weit, dass man gesagt hat: »Die Deutschen sind okay«, nach mühevoller Kleinarbeit der Imageverbesserung im Ausland. Und das hat man mit dieser aggressiven, repressiven Sparpolitik, die ja unter deutscher Führung stattfindet, fast vollständig zerstört. Die Deutschen waren schon lange nicht mehr so unbeliebt in Spanien oder Griechenland oder Portugal oder oder oder. Wenn es um ein Land geht, das schon völlig ausgeblutet ist, kann man sich doch nicht hinsetzen und über Dinge wie Steuererhöhung und Rentenkürzung nachdenken. Eigentlich sollte doch Politik vor Wirtschaft stehen, aber die Staatengemeinschaft verliert immer mehr an Macht und überlässt das Problem dann, wie es so schön heißt, den Märkten. Aber die Märkte, das sind ja auch Menschen, die skrupellos mit dem Elend anderer Menschen arbeiten.

Verfolgen Sie die Berichterstattung der deutschen Medien zur Krise?
Ich sehe vor allem Desinformation und wie die ganzen Bewegungen, die in den südlichen Ländern gerade entstehen, verunglimpft werden. Da gehen 250.000 Menschen auf die Straße und setzen sich für direkte Demokratie ein, und hier heißt es dann ganz lapidar: »In Madrid haben 250.000 Menschen gegen die Krise protestiert.« Das stimmt nicht. Natürlich protestieren sie auch gegen die Krise, aber sie wollen vor allem eine Beteiligung an den politischen Entscheidungen außerhalb von Parteien und Gewerkschaften, außerhalb von Kirche. In der spanischen Presse gab es einen Artikel, da wurde ausgerechnet, wie viel jeden EU-Bürger die Griechenlandkrise seit 2011 gekostet hat: 72 Euro in viereinhalb Jahren! Diese Zahlen werden hier aber nie in den Nachrichten genannt. Stattdessen heißt es immer: »Die Griechen schulden uns 48.000 Millionen!«

»Konsum ist eine Sache, bei der man etwas in sich rein tut. Verschwendung ist eher etwas, das von innen nach außen geht.«

Wo wird all das enden?
Jede Krise hat Auswirkungen. Und genau wie die europäische Zentralbank jetzt mehr Macht hat und die deutschen Vorgaben teilweise schon umgeht, wird das, glaube ich, dazu führen, dass es doch eine Art Länderfinanzausgleich gibt, dass man doch die politische Entscheidung vor die wirtschaftliche stellt. Denn eins ist sicher: Griechenland wird das Geld nie zurückzahlen können. Die Frage ist, ob wir das trotzdem wollen, sie in der EU zu haben. Das wird sicher noch ein paar Jahre dauern, aber es wird Europa verändern. Und ich bin sicher, dass sich die Deutschen nicht durchsetzen. Weil ganz andere – das wird hier in den Medien auch nie gesagt –, nämlich die USA, unbedingt wollen, dass Griechenland in der EU bleibt.

Wegen der Nato?
Genau. Die Türken sind zwar auch in der Nato, die haben aber die falsche Religion. Nicht dass die dann plötzlich radikal islamisch werden! Die bauen eine Raketenbasis lieber in Griechenland als in der Türkei, da sind sie in 15 Minuten in Syrien. Dass man so viele Länder aufgenommen hat, Bulgarien, Polen, das war eigentlich ein amerikanischer Wunsch. Die wollen die Nato-Grenzen näher an Russland bringen und diese Länder sofort in die EU aufnehmen, auch wenn sie nicht die Stabilitätsnormen erfüllen. Sondern nur, um auch in Polen Raketen aufbauen zu dürfen. Davon erfährt man hier aber auch nichts. Die Gleichschaltung der Medien ist hier sehr auffällig.

Neben der dominanten Haltung Deutschlands in Europa ist auch die deutsche Bürokratie ein wichtiges Thema auf 2. Waren das Gründe für Sie, aus Deutschland wegzuziehen?
Der wichtigste Grund, hier wegzuziehen, war der Wunsch, mehr in der Natur zu sein. Ein anderer Grund war diese Überregulierung, von der ich mich sogar in meiner persönlichen Entfaltung behindert fühlte. Dass man immer um Erlaubnis fragen muss, für alles. Wenn ich etwas auf YouTube stelle, wird das sofort von der Gema gesperrt. Wenn ich eine Bar habe und mir denke: »Ah, schönes Wetter, ich tu’ mal vier Tische auf den Bürgersteig« – geht nicht, schon ist das Ordnungsamt da. Ich kenne so viele Menschen, die sich zerrieben haben an der Macht der Systeme. Ich will keinen Rundfunkbeitrag bezahlen, ich will auch nicht gemeldet sein. Was geht das den Staat an, wo ich wohne? Dieses dauernde »Zeigen Sie bitte Ihren Personalausweis« und »Wer bist du, wo wohnst du, mit wem wohnst du?« Es ist schon schlimm genug, dass Google diese Daten hat (lacht), aber dass der Staat die auch sammelt …

Wie leben Sie in Spanien?
Wir haben ein sehr schönes Haus auf dem Land, mit großem Grundstück, Zitronen, Olivenbäumen, Granatapfelbäumen, Swimmingpool – so richtig Idylle. Ein bisschen in den Bergen, eine halbe Stunde von Cordoba entfernt. Manchmal, wenn wir feiern wollen, fahren wir nach Madrid, was inzwischen fast mehr abgeht als Berlin. Madrid erinnert ein bisschen an Berlin Anfang der Neunziger, an die richtig wilden Zeiten.

Wie oft gehen Sie denn feiern?
Einmal im Monat bestimmt.

Kommen Sie gern nach Berlin zurück?
Berlin ist nach wie vor meine Lieblingsstadt in Deutschland. Ich habe von 1986 bis 2005 hier gelebt. Aber die Wahrheit ist: Ich komme nach Berlin, wenn ich etwas zu tun habe. Meine Ehefrau ist Berlinerin, Charlottenburgerin, und als wir nach Spanien gezogen sind, dachten wir anfangs noch, dass wir oft herkommen würden. Tja, dann waren wir acht Jahre lang kein einziges Mal privat in Berlin. Die ganzen Berliner Freunde wollen lieber uns besuchen. (lacht)

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Sie hatten ursprünglich vor, das aktuelle Album zur Hälfte mit spanischen Songs zu bestücken. Warum haben Sie sich anders entschieden?
Es passte thematisch besser so. Ich arbeite schon am nächsten Album – es heißt aber nicht 3 und wird auch kein Dreifachalbum (lacht) –, und da passen die spanischen Tracks besser ins internationale Konzept. Diesmal ist immerhin ein spanisches Stück dabei. Und beim nächsten Album sind das dann rein spanisches Tracks, die einen anderen Bezug haben, den man hier vielleicht nicht nachvollziehen kann. Das sind eher spanische Themen, Latino-Themen, die für Südamerika interessanter sind als für Deutschland.

Überlegen Sie sich immer Konzepte für Ihre Alben?
Nee, ich arbeite ganz frei. Ich mache einfach Musik, irgendwas, das ich gerade machen will, und packe das dann in metaphorische Schuhkartons. So nach dem Motto »Das kommt da rein, das ist sehr Breakbeat. Das ist mehr Salsa, das kommt da rein, das ist wiederum so DAF-ig, das kommt da rein.« Der Schuhkarton wird dann irgendwann voll, dann höre ich mir das ganz genau an, und dann mache ich etwas daraus.

Sie arbeiten nicht am Computer, oder?
Nein, davon bin ich ganz weg. Diese Büromusik mit der Maus, das gefällt mir nicht. Ich spiele sehr viel selbst, mit der Hand an den Tasten, improvisiere, suche anschließend die besten Stellen aus den Improvisationen, schneide sie heraus und baue mir dann Loops daraus. Dann habe ich einen Bass-Loop, mache einen Beat-Loop, das synchronisiere ich aber auch nicht am Computer, sondern wie ein DJ, indem ich das live einstarte und auch stoppe, mit leichten Verschiebungen. Die DJ-Arbeit gefällt mir besser. Schon beim Machen von Musik brauche ich eine Körperlichkeit, und wenn sie fertig ist, muss man sich auch dazu bewegen können. Ich will nicht nur auf einem Stuhl rumsitzen, ich muss mich bewegen.

Das neue Album ist noch nicht einmal erschienen, da arbeiten Sie schon am nächsten. Woher kommt die Produktivität?
So etwas wie Sounddesign, das sammelt sich an. Da habe ich dann manchmal eben 20 Basslines und Sequencer, die gut sind. Insgesamt ist das schon die Arbeit von drei, vier Jahren. Trotzdem muss ich aber sagen, dass mir Musikmachen unheimlich leicht fällt. Wenn ich merke, dass ein Stück nach zwei oder drei Stunden nicht fertig ist, dann nehme ich das nicht. Dann lieber was Neues machen. Und in den Phasen, in denen es nicht so läuft, bemühe ich mich auch nicht. Da spiele ich dann lieber mit meinen Katzen.

Klingt paradiesisch. Können Sie denn davon leben?
Ja, schon lange. Aus DAF-Zeiten und durch andere Sachen. Ich habe sehr viele andere Projekte, Universitätsprojekte zum Beispiel. Ich möchte die Kunst frei von Geld sehen, und besorge mir das Geld lieber anders. Ich bezahle ja alles selbst: die Produktion, das Mastering, das Cover, die Grafik, die Fotosession. Nur so habe ich die volle Kontrolle. Denn auch wenn im Plattenvertrag steht: »Full Artistic Control« – wenn dir irgendwas nicht gefällt, wird das im Zweifelsfall trotzdem gemacht. Ich zahle also alles selbst, und wenn alles fertig ist, gehe ich da hin und sage: »Ich will keinen Vorschuss, ich will keine Beteiligung an den Produktionskosten, aber ich will sehr hohe royalties. Ihr habt also null Risiko, weil ich alles schon vorfinanziert habe. Ihr müsst die Platte nur noch pressen.« So renne ich eigentlich immer offene Türen ein. Selbst wenn denen das nicht gefällt – »Zerstört das Bundeskanzleramt« und so –, kostet es sie nichts.

»Es war fast so weit, dass man gesagt hat: ›Die Deutschen sind okay‹.«

Eine Win-Win-Situation also.
Genau. Und weil ich an das Projekt glaube, weiß ich, dass ich für die hohe Einnahmebeteiligung zumindest die Kosten einspiele. Meistens noch viel darüber hinaus, aber es würde mir schon reichen, auf Null zu kommen. Ich brauche eben das Geld, das ich brauche, und es gibt keinen Grund, über das, was ich brauche, hinaus zu verdienen.

Weil sparen spießig ist.
Bei meinem Gemüsehändler ist das auch so: Wenn er morgens genug verkauft hat, macht er nach der Siesta gar nicht wieder auf. Was soll er da noch arbeiten, wenn er schon genug hat?

Insgesamt hört man dem Album an, dass Sie glücklich und mit sich selbst zufrieden sind. War das schon immer so?
Ja, ich bin glücklich. Aber ich hatte auch schon Phasen, in denen ich innerlich recht zerrissen und unzufriedener war, durch äußere Umstände. Ich war sogar mal in der Irrenanstalt – das fänd ich geil als Headline (lacht). Das war 1988, da sind innerhalb von einem halben Jahr meine Mutter, mein bester Freund und meine Großmutter, bei der ich aufgewachsen bin, gestorben. Das habe ich nicht ausgehalten, da habe ich irgendwann Stimmen gehört. Da war ich extrem gefährdet, und es war richtig, in die Klapse zu gehen, weil ich einen Schutzraum brauchte. Aber insgesamt bin ich schon immer ein glücklicher Mensch gewesen. Diese Selbstzufriedenheit, die ich habe, wünsche und empfehle ich vielen Menschen. Dass man sich selbst respektiert und darüber zur Selbstliebe kommt. Ich merke umgekehrt den Trend in der Gesellschaft: In urbanen Lebenssituationen, bestrafen sich die Menschen eher selbst. »Ich muss jung und fit aussehen, jetzt esse ich völlig gluten- und laktosefrei.«

Der Opener Ihres neuen Albums heißt »Neue Deutsche Klub Musik«. Was ist denn neu daran?
Immer mehr Produzenten mischen die hier existierenden Club-Styles und bauen echte Hybriden. »NDKM« soll ein Markenzeichen werden, also nicht in Berlin, nicht in den Großstädten, aber in Städten, in denen es nur einen Club gibt: Donnerstag ist da zum Beispiel Gothic Night, Freitag ist EBM, Samstag ist Techno. Als EBMler konnte man da nur freitags hin. Irgendwann haben die aber gedacht, dass sie auch mal samstags ausgehen wollen. Dann sind die Techno-Leute zu den Gothics gegangen und so weiter, und dann hat sich das immer mehr vermischt, was die DJs aufgegriffen haben. Heute hörst du Kombinationen, die wären vor fünf Jahren undenkbar gewesen. Da hörst du bei der Techno-Night Hardcore-EBM, und bei der Gothic-Nacht läuft Dark Techno. Diese Entwicklung kann man überall hören, in besserer und schlechterer Qualität (lacht). Wie immer sind die schlechtesten Tracks die erfolgreichsten. Mein Album ist musikalisch auch so gehalten, da gibt es zum Beispiel Dubstep und dann wieder eine Dark-Techno-Hymne. Man kann zu vielen Musiken tanzen, und ich freue mich über diese neue Entwicklung. Die letzten Jahre war alles so linientreu, deshalb ist es toll, dass es diese Öffnung gibt. Musik ist groß, und man sollte sich nicht beschränken.

Dieses Interview ist in der Printausgabe SPEX N° 363 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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