Greg Tate im Interview: „Unsere Geschichte ist eine Abfolge schlechter Gegenwarten“

Heute ist es genau ein Jahr her: „Tangerine Mussolini“ wurde als US-Präsident eingeschworen, Barack Obama dankte nach acht Jahren ab  – und mit ihm irgendwie auch die Hoffnung. SPEX sprach mit dem amerikanischen Autor Greg Tate darüber, warum progressive deutsche Intellektuelle gerade jetzt von American Negroes etwas über die Zukunft erfahren wollen. Und wie er ein Jahr nach Obama auf das Heute blickt.

Greg Tate, haben Sie herausgefunden, warum die Deutschen sich so für Afrofuturismus interessieren?
Ich finde die Umarmung des Futurismus in Deutschland fragwürdig, wenn man bedenkt, dass Futurismus als Kunstbewegung aus dem Faschistischen oder Präfaschistischen schöpft. Außerdem ist es problematisch, eine ethnicity mit Futurismus zu identifizieren (mit „Ethnie“ oder „Volkszugehörigkeit“ wäre ethnicity unzureichend übersetzt, Anm. d. A.). Andererseits wurde Sun Ra außerhalb der USA zuerst in Deutschland zur Kenntnis genommen.

Wann?
In den Sechzigern und Siebzigern. Einer der ersten Auftritte des Arkestras war etwa zu der Zeit, als das Farbfernsehen eingeführt wurde. Sun Ras erste Auftritte hatten etwas von future shock. Ich selbst kam 1997 zum ersten Mal nach Deutschland, zur Konferenz Loving The Alien in Berlin mit Kodwo Eshun, John Akomfrah, Paul Gilroy und dem Sun Ra Arkestra.

Afrofuturismus wird oft als Bewegung bezeichnet. Trifft es das?
Ich würde nicht von einer Bewegung im politischen oder akademischen Sinn sprechen. Es ist ein Zusammenwirken von Visionen und Empfindsamkeiten, eine Bewegung im nomadischen Sinne. Nomadisch, weil afrofuturistische Motive in den verschiedensten Biografien auftauchen, auf verschiedenen Kontinenten, spaces, Temporalitäten …

… Kunstformen?
Gewiss, Kunstformen, Ausdrucksformen, in der Politik. Black Futurism bezeichnet eine Art, wie schwarze Menschen befreiende Impulse miteinander verknüpfen.

Sie schreiben, dass der Rassismus in den USA dem Afrofuturismus auch Chancen biete. Wie ist das zu verstehen?
Der Rassismus in Amerika wurde über Jahrhunderte intellektuell legitimiert im internationalen Kontext von Imperialismus und Kolonialismus. Die weiße Vorherrschaft in den USA zur Zeit der Sklaverei musste legitimiert werden, indem schwarze Menschen komplett entmenschlicht wurden. Sie wurden auf Objekte reduziert, auf Instrumente in den Händen der Weißen. Diese Legitimation des Rassismus erfolgte auch akademisch und philosophisch durch die Verbreitung einer Reihe von Mythen über schwarze Menschen. Das hält sich bis ins 21. Jahrhundert: Mythen über die intellektuellen Fähigkeiten von Schwarzen, ihre Sexualität, ihre Spiritualität. Der Mythos, dass die Versklavten von einem Ort ohne Geschichte kommen, geht auf Hegel zurück. Also ist vieles von dem, was wir Afroamerikaner kulturell entwickelt haben, ein Gegen-Narrativ, eine Gegen-Mythologie, eine Gegen-Militanz, um das ideologische Konstrukt der white supremacy zu kritisieren und zu zerschlagen.

Ist das die Strategie erasing the erasure, von der Sie schreiben? Das Auslöschen der Auslöschung als permanenter Prozess?
Ja, klar. Wenn man als Afroamerikaner an eine öffentliche Schule oder an eine Universität geht, die nicht gerade auf Black Studies spezialisiert ist, kann man seine komplette Ausbildung absolvieren, ohne ein Wort über die eigene Herkunft zu hören, über Schwarze Menschen in Amerika. Wie kamen Afrikaner nach Amerika? Sklavenhandel? Man lernt nichts darüber. Das ist die eine Seite des Ausradierens. Die andere betrifft die kulturellen Leistungen des eigenen Volkes. Jazz und Blues gingen um die Welt, aber in amerikanischen Bildungsstätten lernt man nichts über Duke Ellington, Charlie Parker oder Miles Davis. Erasing the erasure bedeutet: Wir müssen die Auslöschung ersetzen durch eigene Erzählungen über unsere Traditionen und unsere Kulturleistungen.

„Obama ist wahrscheinlich für mehr weiße Wut und Waffenkäufe verantwortlich als jeder andere Präsident.“

Demnach wäre der Afrofuturismus eine Strategie gegen die schlechte Gegenwart.
Unsere Geschichte ist eine Abfolge schlechter Gegenwarten. Wir müssen sie zerstören, im Sport, in der Kunst, in der intellektuellen Arena.

Und in der politischen? In Ihrer Besprechung des Albums 4:44 von Jay-Z schreiben Sie: „Obama zeigte uns die Grenzen und die Möglichkeiten des Afropragmatismus auf.“ Was ist Afropragmatismus?
Was ich am meisten an Obama bewundert habe, war sein Auftreten, sein black cool. Allerdings gehört zum cool auch die Fähigkeit, sich totzustellen, sich nicht reinziehen zu lassen in Konflikte, die Haltung oder Leidenschaft verlangen.

Hat Obama mit seinem cool den Afropragmatismus performt?
In seiner ersten Amtszeit wollte er Kompromisse schließen mit Leuten, die später verantwortlich waren für den Typen, den ich „meinen Trumpf“ nenne. Wie viele andere möchte ich seinen Namen in der Öffentlichkeit nicht aussprechen. Manche nennen ihn „mein Trumpf“, andere „Orange Julius“ oder „Tangerine Mussolini“, Spike Lee nennt ihn „Agent Orange“. Obama hatte Erfolg bei weißen Wählern, weil sie ihn nicht bedrohlich fanden, dabei gibt es das im amerikanischen Kontext eigentlich gar nicht: einen nicht bedrohlichen black man. In schwarzen Communities wurde Obama dafür kritisiert, dass er nicht pro-black genug war. Dabei stiegen in den ersten drei Monaten seiner Präsidentschaft die Mitgliederzahlen weißer hate groups um 500 Prozent. Er ist wahrscheinlich für mehr weiße Wut und Waffenkäufe verantwortlich als jeder andere Präsident. In die Geschichte wird Obama eingehen als Politiker des Pragmatismus. Er ist nie in Schlachten gezogen, die er nicht gewinnen konnte. Obama repräsentiert den Afropessimismus, die Negation der Idee, dass es jemals einen befreiten, emanzipatorischen Raum für Schwarze in Amerika geben wird. Jay-Z praktiziert eine andere Philosophie, ich nenne sie Afro-hustle-ism.

Sie schreiben immer wieder über Black Feminism. Was ist black am Black Feminism? Und was hat Black Feminism zu tun mit black masculinity? Oder ist black masculinity per se schon eine rassistische Konstruktion?
Oh, das ist Stoff für eine dreitägige Konferenz! (lacht) Ich spreche gern vom Knowles Sisters Industrial Complex. Beyoncés Album Lemonade hat starke Reaktionen unter schwarzen Feministinnen ausgelöst. Beyoncé hat viel Inspiration bei schwarzen Autorinnen geschöpft, ihre Ästhetik ist beeinflusst von Julie Dashs Spielfilm Daughters Of The Dust. Ihre Schwester Solange geht einen Schritt weiter im Kampf gegen Sexismus und Misogynie, sie identifiziert sich mehr mit Black Women’s Consciousness.

Und black masculinity? Bei einem Vortrag in Hamburg im Oktober haben Sie zwei Videos von Thundercat gezeigt. In beiden ist der Protagonist ein großer, kräftiger schwarzer Mann ohne Arme. Mein erster Gedanke war: Er ist dis-armed: entwaffnet.
Diese Videos vereinen zwei widersprüchliche Facetten eines schwarzen Mannes. Eine ist die des Superhelden, des Samurai, der aber im selben Video als verwundet und verletzlich entlarvt wird, ja, als disarmed. Und es ist eine Frau, die den Helden entwaffnet, der vorher anscheinend ein versierter Musiker war. Das erinnert mich an drei wundervolle Musikerinnen, die ich kenne: Cassandra Wilson, Meshell Ndegeocello und Tamar-kali. Alle haben mir dieselbe Geschichte erzählt. Sie sind durch ihre Väter zur Musik gekommen, die das Leben eines fahrenden Musikers aufgegeben haben, um ihre Familien zu ernähren. Wie im Thundercat-Video: der Ex-Musiker als Familienmensch, disarmed by domesticity.

Thundercat reanimiert in seiner Musik weiße Soft-Rock-Stars wie Michael McDonald und Kenny Loggins, sein geistesverwandter Labelkollege Flying Lotus sampelt Alice Coltrane. Wie verhält sich diese Vergangenheit zum Afrofuturismus?
Alice Coltrane ist ein Avatar des Black Futurism. Flying Lotus ist ein Neffe von Coltrane, er hat ihre Musik verwendet, um alternative Realitäten zu erschaffen, sonische Realitäten – das, was Kodwo Eshun Sonic Fiction nennt. So betrachtet sind Flying Lotus und Thundercat Erben des Afrofuturismus im 21. Jahrhundert.

Dieses Interview erschien zusammen mit vielen weiteren Texten und Gesprächen im Rahmen des Jahresrückblicks in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 378, die weiterhin am Kiosk sowie versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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