Green Book wurde mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet. Das ist bezeichnend. Denn der Film trägt keinesfalls zur Verständigung bei. Mit seinem überkommenen Narrativ verschärft er vielmehr das Problem.

Ich habe ja gelernt, dass sich wertvolle Kritik dadurch auszeichnet, dass man zuerst die positiven Dinge nennt. Mahershala Ali und Viggo Mortensen sind großartige Schauspieler. Dass dieser kleine, schmierige, großmäulige Typ aus Green Book derselbe ist, wie der verschwiegene, schöne Prinz Aragorn aus Herr der Ringe, ist schon krass. Ali hingegen scheint jeder Rolle, ob nun in House Of Cards, Moonlight oder eben Green Book, etwas Königliches zu verleihen. Aber selbst die besten Schauspieler Hollywoods könnten die Geschichte, die Dialoge und das Product-Placement von Kentucky Fried Chicken in Green Book nicht weniger cringey machen.

Der white saviour hat mal wieder alles im Griff: Tony Vallelonga am Steuer rettet Don Shirley (Foto: Universal Pictures).

Dass der Streifen bei den Academy Awards als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde, ist trotzdem wenig überraschend. Denn Peter Farrellys Film erzählt eine Geschichte über Rassismus als feel good movie.  Und damit so, dass weiße Amerikaner_innen kein schlechtes Gewissen dafür bekommen müssen, jahrzehntelang Schwarze Mitbürger_innen völlig legal wie Menschen zweiter Klasse behandelt zu haben.

Green Book spielt im Jahr 1962, zwei Jahre bevor der Civil Rights Act in Kraft trat, der Rassentrennung endlich für illegal erklärte. Doch statt sich genauer mit dieser dunklen Zeit beschäftigen zu müssen, dürfen sich weiße Zuschauer_innen hier wie Held_innen fühlen – dank Mortensens Charakter Tony „Lip“ Vallelonga, dem Fahrer von Don Shirley. Eines der talentiertesten Pianisten seiner Generation also, gespielt von Ali. Klingt nach einem spannenden und faszinierenden Leben? Absolut. Also das von Shirley. Aber wer darf die Geschichte erzählen? Sein Fahrer. Okay.

Das Leben fängt erst an, wenn weiße Menschen darin auftauchen

Wir werden jedenfalls Zeug_innen davon, wie krass es für Vallelonga ist, hautnah mitzubekommen, wie rassistisch Shirley behandelt wird. Armer Kerl, er war gar nicht darauf vorbereitet. Er selbst beteiligt sich zwar auch daran – ein blöder Spruch hier, ein schiefer Blick da –, aber das meint er natürlich nicht so. Kann man ihm ja leicht verzeihen, schließlich ist es sehr wichtig, dass er da ist. Um Shirley zu beschützen, versteht sich. Denn ohne Vallelonga würde der sicher nicht durch lebendig durch die Südstaaten kommen. Obendrein ist dieser sich nicht mal zu fein dafür, Dienstleister eines Schwarzen zu sein – als weißer! (Also ein bisschen natürlich schon. Gepäck trägt er nicht, wo kämen wir denn da hin?) Wow, was für ein fortschrittlicher Typ. Ein wahrer Held, er hat sich den Applaus und die Screentime und die Sympathien redlich verdient. Ohne Vallelonga wäre nichts gegangen, er hat Shirley  gerettet. Behauptet zumindest Green Book.

Damit ist der Film ein Paradebeispiel für den white saviour complex. Filme mit diesem Narrativ sind äußerst beliebt, es gibt sie zuhauf. Geschichten einer weißen Hauptfigur also, die auf Schwarze oder People of Color trifft. Sie erkennt deren chaotischen, gefährlichen, tragischen Lebensumstände und macht es sich zur Lebensaufgabe, sie zu retten. An diesem sisyphorischen Kraftakt wächst die weiße Hauptfigur letztlich selbst. Sie erkennt, dass einige Vorurteile falsch waren, meist weil die zu rettende Person ein Ausnahmetalent besitzt. Sie ist am Ende ganz demütig angesichts der Erfahrung und wird von ihrem Schützling mit Dankbarkeit überschüttet.

Wir, die Zuschauer_innen, dürfen dabei etwas über Black People of Color (BPoC) aus der Perspektive von weißen Menschen lernen. Deren richtiges Leben fängt erst an, wenn weiße Menschen darin auftauchen – und hört wieder auf, wenn sie verschwinden.

Auch Green Book erzählt lange Zeit rein gar nichts über Shirley. Stattdessen erfährt man, dass Vallelonga Türsteher in New York ist. Man lernt seine Frau kennen, seine Freunde, man sieht ihn wütend, liebevoll und nachdenklich, kann seine Entwicklung also genauestens nachvollziehen. Shirley hingegen bleibt mysteriös. Man bekommt keine Chance, hinter die Maske zu blicken, die er aufsetzen muss, um im Amerika jener Zeit zu überleben. Dass ihn das innerlich zerreißt, muss man sich anhand seiner Alkoholsucht zusammenreimen.

Dass Shirley eine weitaus komplexere Figur ist, deutet der Film zwar an, verfolgt das Thema aber mangels Interesse nicht weiter. Man erfährt nicht, dass er ausgebildeter Psychologe war und über der New Yorker Carnegie Hall wohnte. Wer seine Familie war, wie er zu einem erfolgreichen Pianisten wurde, was er fühlte, wenn er Klavier spielte? Fehlanzeige. Wie sich Vallelonga fühlt, wenn Shirley Klavier spielt, erfährt man hingegen schon.

Das soll subversiv sein, funktioniert nur leider nicht

Übrigens bleibt Shirley auch dann erhaben und stolz, wenn er betrunken in einer Bar von weißen Typen verprügelt wird (vor denen ihn natürlich Tony rettet). Dieses Bild des stolzen, strengen, undurchdringlichen nicht-weißen Charakters erinnert an ein anderes rassistisches Narrativ. Das vom edlen Wilden – so alt wie Robinson Crusoe oder Karl-May-Geschichten. BPoC-Charaktere sind in dieser Erzählung wie aus einer anderen Welt, nie wirklich menschlich. Ihre Perspektive ist schwer zu fassen, in manchen Punkten sind sie aber moralisch erhaben. Demütigungen von weißen Menschen quittieren sie nie mit Wut, sondern mit Weisheit und Güte. Trotzdem haben sie eine „unzivilisierte“ Seite an sich (siehe Alkoholsucht).

Die Quintessenz: Schwarz und Weiß sind Gegenstücke, die erst gemeinsam Sinn ergeben. Shirley ist schlau und höflich, aber verkrampft. Vallelonga ist witzig und herzlich, aber etwas tumb. Die Assoziation mit dem Topos des edlen Wilden wird besonders bei Shirleys ersten Auftritt im Film deutlich. Vallelonga begegnet ihm in dessen Haus, wo er einen Kaftan trägt und sich auf einen Thron setzt.

Ich verstehe ja, dass das alles subversiv sein soll. Vallelonga ist der ungebildete, einfache, aufbrausende Typ, Shirley der wohlhabende, gut ausgebildete Mann im Anzug. Gegenbilder der beliebtesten Stereotypen also. Eine Art umgedrehte Version von Miss Daisy und ihr Chauffeur, der übrigens 1990 mit fast identischem Plot ebenfalls einen Oscar abgesahnt hat. Funktioniert nur leider nicht.

Denn als weißer Mensch kann Vallelonga Leute anschreien, schlagen und Rassist_innen sagen, was er von ihnen hält – ohne um sein Leben fürchten zu müssen. Er kann das alles machen, ohne dass man ihn unsympathisch fände, nein, er wird sogar sympathischer, wenn er den Mann, der Shirley den Zugang zu einem weißen Restaurant verweigert, gegen die Wand schleudert und bedroht. Wie fänden wir es, wenn Shirley auf die gleiche Art für sich einstehen würde?

Weiße Menschen sollen ihre Angst beruhigt sehen

Dass dieser Film so erzählt wird, liegt an den Leuten, die hinter der Kamera tätig waren: vor allem weiße Menschen, etwa Nick Vallelonga, der Sohn des echten Tony. Die Familie von Shirley durfte hingegen nicht an dem Film mitwirken. Sie beschwerte sich öffentlich über die falsche Darstellung, denn ihrer Ansicht nach waren Vallelonga und Shirley nicht so dicke, wie der Film suggeriert. Shirley trat zudem während seiner Südstaaten-Tour hauptsächlich an Schwarzen Colleges und weniger in Konzerthallen exklusiv für weiße Menschen auf.

Und zu guter Letzt dankte außer Mahershala Ali, der für seine Rolle einen Oscar als bester Nebendarsteller erhielt (Nebendarsteller! Mortensen wurde als Hauptdarsteller nominiert), auf der Preisverleihung keiner der Beteiligten Don Shirley.  

Regisseur Farrelly sprach stattdessen von Liebe und davon, dass der Film Menschen zusammenbringen soll. In Zeiten, in denen wir von Hass und Vorurteilen getrennt würden. Heißt soviel wie: Weiße Menschen sollen aus dem Film heraus spazieren und eine ihrer größten Ängste beruhigt sehen. Dass Schwarze Menschen ihnen Rassismus tatsächlich übel nehmen – und deshalb nicht an ihrer Freundschaft interessiert sein könnten.

Dank Green Book ist Shriley nun also nicht mehr nur als Pianist von Weltklasse bekannt, sondern auch als „Der Typ, der Tony Vallelonga angestellt hat“. Glückwunsch, was für eine Errungenschaft!

Wertvolle Kritik braucht aber bekanntlich auch einen positiven Ausblick. Somit ergänze ich noch: Seitens des Publikums scheint das Interesse am Film eher gering zu sein. Green Book spielte in den USA bisher nur knapp 70 Millionen Dollar ein. Der ebenfalls als bester Film nominierte Black Panther mit einem fast ausschließlich Schwarzen Cast? 1,3 Milliarden Dollar. Selbst weiße Menschen scheinen also immer weniger am whitesaviour-Narrativ interessiert zu sein. Die Academy hinkt dem Zeitgeist hinterher. Nun gut, besser als umgekehrt.