Gravenhurst Offerings: Lost Songs 2000–2004

Just another compilation? Offerings: Lost Songs 2000-2004 birgt hörenswerte Archivfunde Nick Talbots. Ein Review. Ein Pre-Listening. Eine Dokumentation.

Warp verwässert sein Portfolio. So wurde Ende der Neunzigerjahre geunkt, als das englische Label begann, nicht-technoide Acts wie Vincent Gallo, Maxïmo Park oder Grizzly Bear unter Vertrag zu nehmen. Wer immer noch dieser Auffassung ist, bekommt durch die Feierlichkeiten anlässlich Gravenhursts zehnjähriger Labelzugehörigkeit nachdrücklich aufgezeigt, dass Warp es nach wie vor richtig ernst meint mit Gitarre, Songwritertum und Musik ohne Kickdrum. Das Label re-releast zwei Gravenhurst-Alben von 2004 (Flashlight Seasons, Black Holes In The Sand) und legt mit Offerings: Lost Songs 2000–2004 noch eine Sammlung bislang versteckt gewesener Frühwerke von Nick Talbot obendrauf. Wobei nicht alle gleich gut versteckt waren: Drei Stücke sind in anderen Versionen bereits auf verschiedenen Film-Soundtracks gelandet.

Solche Archivfunde sind ja oft genug verzichtbar beziehungsweise aus gutem Grund nie an die Öffentlichkeit gelangt. Mit Offerings verhält es sich glücklicherweise anders. Zum Beispiel konnte sich Talbot an einige der Aufnahmen nicht mehr erinnern: Eine musikalische Mary Celeste sei die Kollektion für ihn, heißt es, ein Geisterschiff ohne Kapitän und Besatzung, in der Tat lost. Das klingt vielversprechend – und das Album tatsächlich nicht wie zehn Jahre zu spät zusammengefriemelt, sondern so, als hätte es in genau dieser Gestalt nur darauf gewartet, in ein passendes Cover verpackt zu werden.

Offerings zeigt alle Facetten des Singer-Songwriters aus Bristol, der in der Retrospektive als zwar leiser, aber auch unüberhörbarer Vorbote von Bon Iver bis Perfume Genius erscheint, fragil und selbstbewusst zugleich. Es überwiegen transparente Folksongs, deren Melodik unauffällig, aber hypnotisierend wirkt, mit Lyrics über die gestörte Beziehung zwischen Mensch und Natur oder auch zwischen Mensch und Mensch. Vergleiche mit Simon & Garfunkel – nein, speziell mit Art Garfunkel hat Gravenhurst schon immer aushalten müssen, Talbots hellzarte Vocals im Titelstück »Offerings« oder in »Romance« unterstreichen die Ähnlichkeit natürlich. Das Nick-Drake’sche Fingerpicking auf der Akustikgitarre ist karg und minimalistisch-skizzenhaft und dabei so anheimelnd wie der ungelöste Kriminalfall um eine Frauenleiche in einem hohlen Baum, an den der Instrumentaltrack »Who Put Bella In The Wych Elm?« erinnert. Talbot liebt solche Irritationen, weshalb zum Gravenhurst-Gesamtpaket schon immer Tracks ohne Gesang gehörten. Davon gibt es auf Offerings immerhin vier, die der ohnehin nur vordergründigen, oberflächlichen Folk-Verschmustheit eine Packung krautige craziness entgegenstellen. Weshalb Gravenhurst bestens zu Warp passt, tausendmal besser als Maxïmo Park jedenfalls.

Gravenhurst live

25.01. München – Ampere
28.01. Schorndorf – Manufaktur
29.01. Marburg – KFZ
30.01. Mainz – Schon Schön
31.01. Essen – Grend
02.02. Münster – Gleis 22
03.02. Hamburg – The Rock Café
04.02. Dresden – Beatpol
05.02. Berlin – Lido

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